Aufgelassene Alm als Freiluftlabor: Die Wildnis kehrt zurück

03.07.2026 • 08:17 Uhr
Aufgelassene Alm als Freiluftlabor: Die Wildnis kehrt zurück

Das Obersulzbachtal und das Untersulzbachtal sind zwei wunderschöne Seitentäler der Salzach. Beide sind von früheren Gletschern geformt, in beiden verändert der rasante Gletscherrückgang das Ökosystem. Durch das erstere führt die Hauptroute für die Besteigung des 3.674 Meter hohen Großvenedigers. Im zweiten verliert sich der Weg auf der Aschamalm im Nichts. Hier ist die Natur dabei, sich das Terrain zurückzuerobern – unter den interessierten Blicken der Wissenschaft.

“Vegetationsökologisches Monitoring” heißt das, was hier im Nationalpark Hohe Tauern betrieben wird. Vor zehn Jahren wurde auf der Alm in 1.630 Meter Seehöhe nach dem Erwerb durch den Salzburger Nationalparkfonds die Beweidung eingestellt und die 49,5 Hektar große Almfläche der natürlichen Entwicklung überlassen. Vor sieben Jahren wurde direkt dahinter das Wildnisgebiet Sulzbachtäler eingerichtet. Es umfasst rund 6.700 Hektar und ist neben dem niederösterreichischen Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal das einzige zum Wildnisgebiet erklärte Schutzgebiet Österreichs, wo sich Natur ohne menschliche Eingriffe entwickelt hat. Auf der Aschamalm wird nun quasi im Freiluftlabor beobachtet, wie neue Wildnis entsteht.

Grünalgen mit leuchtend rotem UV-Schutz

“Dem Menschen fällt es gar nicht so leicht, die Finger von etwas zu lassen, das er einmal in Besitz genommen hat”, schmunzelt die Biologin Sylvia Flucher, die an diesem gewittrigen Frühsommertag eine Exkursion in die Kernzone des Nationalparks Hohe Tauern anführt. Die bedächtig ausschreitende Naturraummanagerin führt einen langen Wanderstab mit sich. “Wildnisgebiet” bedeutet nämlich auch, dass der Weg, der zur Aschamalm führt, immer schmäler und nur noch notdürftig instand gehalten wird. Immer wieder passiert es, dass die zum Untersulzbach führenden Zubringer bei Starkregen zu reißenden Bächen werden, sich tief in die steilen Hänge einschneiden und Teile des Weges mitreißen. Die Bergrettung würde aber auf ein Mindestmaß an Passierbarkeit bestehen, um Einsätze nicht unmöglich zu machen, erzählt Flucher.

Der Weg führt am Untersulzbach entlang, in dessen Bachbett immer wieder Steine eine leuchtend orangerote Farbe haben. Verantwortlich dafür sind nicht etwa Eiseneinlagerungen, sondern eine mikroskopisch kleine, kälteliebende Grünalge, die im Frühjahr und Sommer rote Pigmente anreichert, um sich vor extremer UV-Strahlung zu schützen. Der Klimawandel sorgt hier bereits sichtbar für Veränderungen. Die 17 Gletscher, die sich derzeit mit einer Gesamtfläche von rund 20 Quadratkilometern noch im Wildnisgebiet Sulzbachtäler befinden, schmelzen rapide dahin – und das künftige Fehlen ihres kontinuierlichen Wassereintrags im Frühjahr und Sommer wird die Vegetation ebenso verändern wie die immer geringere Zeit einer kontinuierlichen Schneedecke. Dies und die steigenden Temperaturen wirken sich langfristig auf Artenzusammensetzung und Ökosystemprozesse aus. Das in den Sulzbachtälern, im Kärntner Seebachtal und im Tiroler Innergschlöß betriebene Langzeitmonitoring soll mit konkreten und standardisierten Daten eine “Nulllinie” definieren, “um auch unscheinbare Veränderungen in Zukunft erkennen und quantifizieren zu können”, wie es heißt.

Aus der Luft und am Boden

Das Projekt wird mittels der digitalen 3D-Luftbildanalyse “CC Habitalp” (“Change-Check of the Habitats of the Alps”) durchgeführt. Für das “vegetationsökologische Monitoring” begibt sich die Ökologin und Biologin Susanne Aigner allerdings nicht in die Luft, sondern in die Hocke. Ihre Arbeit findet buchstäblich am Boden statt. Was das konkret bedeutet, wird klar, als die Wanderung ihr Ziel erreicht. Auf der Aschamalm stehen zwar noch einzelne Hütten, weiden aber seit zehn Jahren keine Kühe mehr. Felsblöcke, an denen sich das Vieh früher gerne rieb, sind nun wieder mit Flechten, Moosen oder Hauswurz bewachsen. Der steinige Untergrund ist mit hohen Gräsern so dicht bedeckt, dass man beim Gehen achtgeben muss, nicht in unvermutete Löcher zu treten. Auch aus anderem Grund sollte man achtsam sein: Hier sind mit in den Boden eingelassenen Magneten 14 Punkte markiert, von denen aus Aigner jeden Juli je fünf Meter mal fünf Meter Quadranten markiert, in denen sie penibel jede gefundene Pflanzenart dokumentiert.

Der bisherige Befund sei überraschend, berichtet Naturraummanagerin Flucher. Es habe in den Monitoringflächen zwar wie erwartet ein rasches Ansteigen der nachgewiesenen Arten um das Doppelte bis Dreifache gegeben, von Orchideen wie dem gefleckten Knabenkraut bis zur Türkenbundlilie, doch anstatt nach ein paar Jahren wieder stark abzunehmen, hätte sich die zurückgewonnene Vielfalt auf hohem Niveau stabilisiert. “Wir gehen immer noch davon aus, dass die Artenvielfalt wieder abnimmt und die Verwaldung zunimmt”, sagt Flucher, die die nächste Zählung mit Spannung erwartet.

“Schon in 50 Jahren wird dieses Gebiet völlig anders aussehen”

In der Literatur spricht man von einer natürlichen Sukzession in Form von Verbuschung innerhalb von fünf bis 20 Jahren. Statt Futterpflanzen dominieren dann Latschenkiefer oder Alpenrose. In der Folge kehrt der Wald zurück, der freilich durch Trockenheit und höhere Temperaturen ebenfalls Veränderungen unterworfen ist. Die unerwartet hohe Biodiversität der aufgelassenen Flächen auf der Aschamalm stellt nun die Frage, ob die empfohlene Pflege aufgelassener alpiner Kulturflächen zur Erhaltung der Artenvielfalt tatsächlich überall der richtige Weg ist. “Was wir hier machen, ist Grundlagenforschung. Wie sich die Natur ohne jeden menschlichen Eingriff verändert, ist ein riesiges Forschungsfeld”, versichert Flucher. “Das einzige, was wir momentan mit Sicherheit sagen können, ist: Schon in 50 Jahren wird dieses Gebiet völlig anders aussehen.”

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)