Bedenkliche Pflanzenschutzmittel boomen in Österreich

18.06.2026 • 11:00 Uhr
Bedenkliche Pflanzenschutzmittel boomen in Österreich

Welche Mengen an kritischen Pflanzenschutzmittel-Wirkstoffen in Österreich in zwei Jahren in Verkehr gebracht worden sind, wollten die Grünen in einer parlamentarischen Anfrage von Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig (ÖVP) erfahren. Die verkaufte Gesamtmenge von PFAS-Pestiziden hat 2025 (136,1 Tonnen) im Vergleich zu 2024 um 31 Prozent zugenommen, im Vergleich zu 2015 um 54 Prozent. Jene der sogenannten Substitutionskandidaten (532,4 Tonnen) stieg um 18 Prozent.

Das berichtete Olga Voglauer, Landwirtschaftssprecherin der Grünen, der APA und hielt zu den Ergebnissen fest, dass “wenn gerade die giftigsten und besorgniserregendsten Pestizide derartige Steigerungsraten aufweisen, bei Umwelt- und Landwirtschaftsminister Totschnig schon längst alle Alarmglocken schrillen” sollten. Insgesamt 50 Wirkstoffe wurden abgefragt, die entweder im Verdacht stehen, die “Ewigkeitschemikalie” Trifluoressigsäure (TFA) zu produzieren (PFAS-Pestizide) oder wegen ihrer Bedenklichkeit zu den Substitutionskandidaten zählen – oder unter beide Kategorien fallen. TFA ist eine Chemikalie, die laut Einschätzung der EU-Chemikalienbehörde ECHA eine schädliche Wirkung bei der Fortpflanzung hat. Substitutionskandidaten sind wiederum laut EU-Pflanzenschutzrecht besonders bedenkliche Wirkstoffe, die laut Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) zwar genehmigt wurden, wegen ihrer “unerwünschten Eigenschaften, die schrittweise durch andere Wirkstoffe oder alternative Verfahren und Methoden ersetzt werden sollen.” Die EU-Kommission hat demnach das Ziel formuliert, den Einsatz dieser Wirkstoffe bis 2030 um 50 Prozent zu reduzieren.

Flufenacet auch ohne Zulassung beliebt

Von einer Reduktion in Österreich kann jedoch nicht die Rede sein, was beispielsweise die Inverkehrbringung von Chlorotoluron zeigt: Während 2024 noch 28,9 Tonnen des Herbizids auf den Markt kamen, waren es 2025 mit bereits 54,5 Tonnen fast die doppelte Menge eines Mittels, das laut ECHA vermutlich krebserregend ist, das Hormonsystem beeinträchtigen kann und im Verdacht steht, die gesunde Entwicklung von Föten in der Schwangerschaft zu schädigen.

Noch kritischer steht es um den Wirkstoff Flufenacet, der nicht nur sowohl Substitutionskandidat und TFA-Verdächtiger ist, sondern bereits seine Zulassung verloren hat. Das deutsche Agrarfachmagazin “Agrarheute” hielt im März 2025 fest, dass es bereits alternative Mittel ohne diesen Wirkstoff für den Maisanbau geben würde. Die Landwirtschaftskammer Niederösterreich riet im August des Vorjahres jedoch dazu, man sollte sich mit der laut EU-Kommission hormonschädigenden Substanz “früh genug bevorraten, um möglichen Engpässen aus dem Weg zu gehen”. Die Aufbrauchsfrist wurde jedenfalls für den 5. Dezember 2026 festgelegt. In der Anfragebeantwortung gehört Flufenacet zu den Top Ten und damit zu jenen zehn Wirkstoffen, die im zweistelligen Tonnenbereich ausgebracht wurden. Auch hier gibt es einen frappanten Anstieg, denn nach 28,9 Tonnen 2024 waren es im Jahr darauf 53,6 Tonnen.

Pestizid-Promi Glyphosat und Rechtsstreitigkeiten

Nicht auf der Liste der Wirkstoffe, aber Teil der Anfrage war dann auch das wohl prominenteste Pestizid Glyphosat, das dem deutschen Agrar- und Pharmakonzern Bayer durch eine Jahre andauernde Klagewelle wegen einer möglichen krebserregenden Wirkung nicht nur einen milliardenschweren Rechtsstreit in den USA beschert hat, sondern für das es seit 2021 in Österreich auch ein Teilverbot gibt. Und Glyphosat legt in Österreich nach sinkenden Verkaufsmengen ein Comeback hin, zumindest war hier der Anstieg nach 289,7 Tonnen 2024 im Jahr 2025 auf 368,6 Tonnen. Glyphosat gilt nach Einschätzung der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) der Weltgesundheitsagentur (WHO) als wahrscheinlich krebserregend für den Menschen.

Der gestiegene Einsatz von problematischeren Pflanzenschutzmitteln in Österreich wurde bereits Ende Dezember 2025 von Global 2000 thematisiert, ebenfalls auf Basis einer parlamentarischen Anfrage. Damals berechnete die NGO mit den veröffentlichten wirkstoffgenauen Daten, wie viele Hektar mit den verkauften Substanzen theoretisch behandelt werden können. Diese Analyse ist nun zu einem Fall für das Handelsgericht Wien geworden: Am heutigen Donnerstag wird die Klage der Umweltschutzorganisation gegen die Industriegruppe Pflanzenschutz (IGP) behandelt, die in Österreich die Interessen von Pestizidherstellern vertritt.

Anlass ist laut Global 2000, dass die IGP im Vorjahr öffentlich behauptet habe, dass der Anstieg von Pestiziden auf die fälschliche Einbeziehung von CO2 bzw. Lagergasen zurückzuführen sei. In einer Aussendung hielt die NGO fest, dass es bei der Klage im Kern um die Frage geht, “ob wissenschaftlich fundierte Analysen durch unzutreffende Behauptungen diskreditiert werden dürfen und welche Folgen dies für die öffentliche Debatte über Umwelt- und Gesundheitsrisiken hat.”