Beeindruckendes Ensemble: “Krieg und Frieden” in Reichenau

04.07.2026 • 10:43 Uhr
Beeindruckendes Ensemble: "Krieg und Frieden" in Reichenau

“Krieg und Frieden” in dreieinhalb Stunden – das bewerkstelligen die Festspiele Reichenau mit einer Fassung von Rita Thiele und Regisseur Philipp Hauß, basierend auf einer Dramatisierung von Leo Tolstois Roman, mit einem beeindruckenden Ensemble. Im Südbahnhotel am Semmering wurde die Premiere am Freitagabend bejubelt. 

Natürlich lässt sich wieder einmal festhalten, dass ein Roman eben kein Theaterstück ist und die Dramatisierung eines Romans daher meist zwangsläufig zum Konversationsstück gerät. Das ist auch in diesem Fall nicht anders, was aber nichts macht, weil hervorragende Mitwirkende am Werk sind, die Inszenierung für fließende Handlung sorgt und nicht zuletzt das zwischen Glanz und Verfall stehende Haus mit dem prächtigen Speisesaal und dem schönen Waldhofsaal mit der großen Terrasse hinter den hohen Glasfenstern bei jedem hier aufgeführten Stück die Hauptrolle spielt. Kluge Regisseure wie Hauß wissen das und wissen es zu nützen. 

Großartiger Martin Schwab

Auch gelingt es, die im Roman auf zumindest 1.500 Seiten aufgeteilte Handlung so zu komprimieren, dass sie nachvollziehbar wird bzw. bleibt. Manche Schauspieler übernehmen mehrere Rollen, was nur manchmal verwirrt. Großartig ist allen voran der wunderbare 88-jährige Martin Schwab, der auch die kleinste Rolle adelt, sei es als polternder Fürst Bolkonski, als weiser Feldherr oder gütiger Freimaurer. Seinen Sohn Andrej gibt Tim Werths kraftvoll, aber differenziert. Rafael Schuchter schlüpft gar in vier Charaktere, Dirk Nocker verkörpert den Grafen Rostow und – ganz anders – den Diener Tichon. 

Den Pierre spielt Noah Saavedra sehr überzeugend in seiner Entwicklung vom linkischen jungen Mann, der versehentlich ein Duell gewinnt, Arzt wird, an den Schrecken des Kriegs verzweifelt und schließlich seine wahre Liebe findet. Und das ist Natascha (Johanna Mahaffy verleiht ihr glaubhaft alle Facetten emotionaler Wechselbäder), die Tochter der Gräfin (sehr nobel: Emese Fay). 

Thematik gemahnt an heutige Kriegssituationen

Dass vieles in der Thematik an die heutige Kriegssituation u.a. in Russland und der Ukraine gemahnt, versteht sich von selbst. Es wird deutlich ausgesprochen: Krieg zerstört, tötet Leben, ruiniert Land und Menschen. Am schönsten zeigt es ein Vergleich, den Natascha anstellt: Frieden sichern durch Soldaten und Gewehre sei ebenso absurd, wie einen Fuchs in den Hühnerstall zu lassen, um die Hennen zum Eierlegen zu bringen.

Ein logistischer Hinweis: Bei der Anreise ist zu beachten, dass es in unmittelbarer Nähe des Südbahnhotels keine Parkplätze gibt. Allerdings wird ein kostenloser Shuttle von der Passhöhe zum Spielort und retour angeboten.

(Von Ewald Baringer/APA)

(S E R V I C E – “Krieg und Frieden” von Leo Tolstoi. Regie: Philipp Hauß. U.a. mit Noah Saavedra, Emese Fay, Dirk Nocker, Johanna Mahaffy, Martin Schwab. Festspiele Reichenau, Südbahnhotel Semmering. Weitere Vorstellungen bis 2. August. )