Belarussische Oppositionelle Kolesnikowa in Wien

Die berühmte belarussische Oppositionelle und ehemalige politische Gefangene Maria Kolesnikowa wünscht sich Neutralität für Belarus. “Für uns wäre es gut, neutral zu sein”, antwortete sie bei einem Auftritt am Montagabend in Wien auf die Frage, ob sie von einem EU-Beitritt ihres Heimatlandes träume. Es sei sehr wichtig, pragmatisch zu bleiben. Ebenso sei wichtig, zu verstehen, was für Belarus gefährlich ist, ergänzte Kolesnikowa in Anspielung auf das Nachbarland Russland.
Sie wünsche sich auch keinen Beitritt zu Russland. Ihr Land solle “unabhängig und souverän” sein, erklärte die Flötistin, die auf Einladung von Fjum (Forum Journalismus und Medien) und Erste Stiftung im Presseclub Concordia in Wien über den Widerstand gegen die Autokratie in Belarus sprach. Die Schweiz sei “vielleicht ein gutes Beispiel”, sagte Kolesnikowa. Diese Woche wird sie auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen treffen.
Festrednerin bei Salzburger Festspielen
Bei dieser Gelegenheit sprach Kolesnikowa außerdem über ihre geplante Rede bei den Salzburger Festspielen. Das Thema sei “geheim”, so die Aktivistin. Kolesnikowa verwies jedoch darauf, dass sie bereits bei der Münchner Sicherheitskonferenz über Kultur, Musik und Kunst als Waffe gesprochen habe. “Jeder spricht von mehr Militarisierung und mehr Waffen und ich habe gesagt: ‘Wofür wollt ihr kämpfen, was haben wir zu schützen?'” Ihre Botschaft sei: “Wir haben die europäischen Werte und die europäische Kultur zu schützen.” Sie selbst wolle eine “Botschafterin für Kunst und Werte” sein.
Nicht kommentieren wollte sie dagegen den geplanten Auftritt des griechisch-russischen Dirigenten Teodor Currentzis, dem der russische Präsident Wladimir Putin kurz nach der Annexion der Krim im April 2014 die Staatsbürgerschaft verlieh und der seit 2022 zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine schweigt. Die Salzburger Festspiele hätten über die Einladung entschieden. “Ich denke nicht, dass ich das kommentieren will, weil sie haben auch mich eingeladen. Und für mich ist es eine große Ehre”, sagte Kolesnikowa.
Mehr als fünf Jahre in Haft
Kolesnikowa war auf Drängen der USA im Dezember 2025 nach mehr als fünf Jahren in belarussischer Haft freigekommen. Sie gehörte zu den Anführerinnen der Demokratiebewegung in Belarus nach der Präsidentenwahl im August 2020, die vom Regime des Autokraten Alexander Lukaschenko brutal niedergeschlagen wurde.
Die Aktivistin und Künstlerin war im September 2020 festgenommen worden. Ein Jahr später wurde sie wegen Verschwörung zum Umsturz zu einer elfjährigen Haftstrafe verurteilt. Bei ihrer Festnahme hatte sie damals eine Zwangsausreise verhindert, indem sie ihren Pass zerriss, um in ihrer Heimat bleiben zu können. Sie habe ihrem Volk auch in dunklen Zeiten beiseite stehen wollen, erklärte sie diesen Schritt.
Mehr als zwei Jahre befand sie sich eigenen Angaben zufolge in Isolationshaft, die sie mithilfe von Büchern, Disziplin und positivem Denken überstand. Flöte spielen konnte sie nicht. Aber die Musik habe sie immer im Kopf, das sei für sie wie eine Art Schutzschild, schilderte die Künstlerin. Kolesnikowa lebt mittlerweile in Deutschland. Seit ihrer Freilassung hat sie zahlreiche Interviews gegeben, Auftritte absolviert und auch Preise entgegengenommen wie den renommierten Internationalen Karlspreis.
“Beispiel für Diplomatie”
Die 44-Jährige spricht sich dafür aus, Belarus aus der Isolation zu holen. “Ich selbst bin ein Beispiel dafür, wie Diplomatie funktioniert. Ich bin nur frei, weil die USA mit Lukaschenko verhandelt haben”, sagte Kolesnikowa im Gespräch mit der “Presse” (Sonntag). “2020 war nur möglich, weil viele Menschen davor die Möglichkeit hatten, in die EU zu reisen, dort zu studieren, die Luft der Freiheit zu atmen und europäische Werte kennenzulernen. Deshalb haben wir uns für einen europäischen Weg entschieden.” Das habe Putin verhindern wollen und deswegen Lukaschenko unterstützt. Aus demselben Grund habe Putin auch die Ukraine angegriffen. “Jetzt wächst in Belarus eine Generation heran, die diese Erfahrungen nicht hat und nicht mehr versteht, was Europa überhaupt ist.”
Kolesnikowa fordert von Europa eine Vision für ihr Land. “Seit mehr als fünf Jahren verhängt die EU nur Sanktionen gegen Belarus und öffnet kein Fenster für politische Lösungen. Einfach nicht mit der Regierung in Minsk zu sprechen, ist noch keine Strategie. So hat Europa keinen Einfluss auf die Situation”, erklärte sie. Aktuell gelten nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Wjasna noch immer mehr als 850 Häftlinge als politische Gefangene.
Auch bei der Lösung des Ukraine-Kriegs müsse Belarus mitbedacht werden, betonte sie. Putin habe in Belarus Waffen und Soldaten stationiert. Das sei nicht nur für die Ukraine und Belarus gefährlich, sondern auch für Litauen, Lettland, Polen und ganz Europa, betonte Kolesnikowa. Sicherheitsgarantien für die Ukraine seien ohne die Einbeziehung von Belarus daher nicht möglich.