Burgtheater zeigt 2022/23 Uraufführungen von Handke und Reza

05.05.2022 • 13:30 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Burgtheater zeigt 2022/23 Uraufführungen von Handke und Reza

Burgtheater-Direktor Martin Kušej möchte sein Haus “als eine Art Zufluchtsort, eine Andockstation, in die man mit seinen Sorgen und seinen Gefühlen gehen kann”, verstanden wissen. “Du bist nicht allein – das ist unsere Botschaft, unsere Kampagne für die kommende Spielzeit”, sagte er am Donnerstag bei der Spielplan-Pressekonferenz. 25 Produktionen wurden angekündigt, darunter Uraufführungen von Peter Handke, Yasmina Reza und Daniel Kehlmann.

11 Produktionen sind Ur- oder Erstaufführungen, es inszenieren mehr Frauen als Männer (Kušej: “Wir haben keine Quote, es ist ein Zeichen, dass Frauen das einfach supergut machen.”), und obwohl der Leitende Dramaturg Andreas Karlaganis das Burgtheater “erklärtermaßen als Haus der Dramatik” ausrief, gehen zumindest acht Produktionen auf Roman- oder Prosavorlagen (u.a. kommt “Der Zauberberg” in einer Version von Bastian Kraft) zurück. “Es ist schon so, dass wir in erster Linie neue Stücke lesen und suchen”, versicherte Karlaganis auf Nachfrage, fand aber “Dogmen nicht so nützlich”. Nach einem “Schreibstau” kämen die Texte, die aus den Theaterverlagen kommen, “jetzt wieder ins Laufen”, doch Romane wie Rezas “Serge” würden eben mit tollen Rollen und Dialogen bestechen. “Es gibt fließende Grenzen.”

Martin Kušej selbst inszeniert zweimal: “Drei Winter” von Tena Štivičić sei ähnlich wie Miroslav Krlezas “Agonie” (das er 2013 inszenierte) “ein großes Geschichtsepos, eine Art Familiengeschichte über drei Generationen einer Zagreber Familie. Mich interessieren Randgebiete, Landschaften, Städte, die zunächst einmal weit weg erscheinen”, sagte der Direktor, der im Burgtheater im Oktober auch Daniel Kehlmanns “Nebenan” auf die Bühne bringen wird. Er habe den gleichnamigen Film von Kehlmann und Daniel Brühl gesehen und rasch den Autor angerufen: “Du musst diesen Film fürs Theater adaptieren.”

Auch mit Peter Handke hat Kušej eine gute Gesprächsbasis: “Er ist eigentlich sehr altersmilde geworden.” Was Frank Castorf aus seinem Stück “Zdenĕk Adamec” gemacht hat, habe dem Autor “sehr gefallen”. Im Roten Salon des Hotel Sacher habe er daraufhin den neuen Text des Nobelpreisträgers überreicht bekommen, ein “Zwiegespräch”, das mittlerweile als Prosa-Bändchen erschienen ist. Der Text ist den verstorbenen Schauspielern Otto Sander und Bruno Ganz gewidmet. Regisseurin Rieke Süßkow werde den Text bei der Uraufführung nicht von zwei älteren Darstellern, sondern von mehreren Schauspielerinnen und Schauspielern umsetzen lassen, verriet Kušej.

Das Ensemble insgesamt verzeichnet einige Zu- und Abgänge (so verlassen etwa u.a. Mehmet Atesci, Stacyian Jackson und Falk Rockstroh das Haus, werden aber das Repertoire weiterspielen) und bleibt etwa auf dem Zustand von rund 70 Mitgliedern. Dafür verlässt Vizedirektorin Alexandra Althoff mit Saisonende das Haus, um sich “neuen Aufgaben zuzuwenden”. Der Direktor dankte “mit einer ganzen Portion Wehmut” und gab Katrin Hiller, derzeit künstlerische Betriebsdirektorin am Schauspiel Düsseldorf, als Nachfolgerin und “sehr gute Besetzung für diese Position” bekannt.

Mit “Die Eingeborenen von Maria Blut” von Maria Lazar und “Das flüssige Land” von Raphaela Edelbauer (die erste Arbeit von Sara Ostertag am Burgtheater) kommen zwei große Romane über das Widerspiegeln von (Zeit-)Geschichte in österreichischen Dörfern ins Akademietheater bzw. ins Kasino. Geister oder Gespenster soll es in der kommenden Spielzeit immer wieder auf der Bühne geben. “Das Theater bewegt sich immer an der Grenze zwischen Leben und Tod”, sagte Kušej, der als “Gegenstück” zu Johan Simons’ “Dämonen”-Bearbeitung (“Darf man russische Autoren noch spielen? Selbstverständlich!”) Lucy Prebbles “Extrem teures Gift” ankündigte, Politfarce und Thriller um den Giftanschlag des russischen Geheimdienstes aus Alexander Litwinenko.

Das Burgtheater habe in der Omikron-Welle “die schwerste Zeit durchzumachen” gehabt, sei aber “insgesamt sehr gut durch diese schwierige Zeit gesteuert”, sagte der Direktor. Der kaufmännische Geschäftsführer Robert Beutler steuerte die Zahlen dazu bei: 192 Abänderungen und Ausfälle habe es bisher in dieser Saison gegeben, besonders viele davon im Herbst. “Doch die Kraft des Theaters ist ungebrochen. Wir sind am aufsteigenden Ast.” Die Zahl der Abonnenten sei wieder ansteigend, auch die Auslastung, die “dazwischen auch schon unter 60 Prozent” gelegen sei, liege im Moment bei 65 Prozent, was die Prognose zulasse: “Es geht insgesamt Richtung 63 Prozent.” Dank Kurzarbeit und vielen zusätzlichen Förderungsmöglichkeiten sei die finanzielle Situation aber nicht alarmierend. “Unter dem Strich ist das Budget im Griff. Wir werden nicht negativ abschließen.”

Martin Kušej zeigte sich als deklarierter Pazifist angesichts des Ukraine-Krieges und der in Deutschland losgebrochenen Debatte über Waffenlieferungen “im Moment sehr existenziell verwirrt”. “Es ist wahnsinnig schwierig, da überhaupt eine Position zu haben.” Eines sei sicher: “Ich lehne Krieg ab.” Und noch etwas anderes steht fest. Bei der für September erwarteten Neu-Ausschreibung des Burgtheater-Direktor-Postens werde er sich “natürlich” wieder bewerben: “Ich bin noch längst nicht fertig hier!”

(S E R V I C E – )

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