Der Ausraster: Deutscher Schauspieler Klaus Kinski wäre 100

Man muss ihn nicht mögen, um sich an ihn zu erinnern. Kaum ein deutscher Schauspieler hat so polarisiert wie Klaus Kinski. Am Sonntag (18. Oktober) vor 100 Jahren wurde er im Ostseebad Sopot bei Danzig geboren. Selbst 35 Jahre nach seinem Tod hat er noch heute eine Präsenz wie wenige. Fünf Gründe, warum das so ist:
1. Der Abend, der zum Mythos wird
Im November 1971 will Kinski in der Berliner Deutschlandhalle seinen Monolog “Jesus Christus Erlöser” uraufführen. Doch der Abend mit rund 5.000 Menschen wird ein Desaster. Das Publikum macht sich über die Aufführung mit Gelächter, Lästereien und Zwischenrufen (“Kinski ist nicht Jesus”) lustig.
Der Schauspieler lässt sich provozieren und reagiert mit Beschimpfungen. Als ein Zuschauer sagt, Jesus sei “duldsam” gewesen und habe bei Widerspruch nicht “Halt deine Schnauze!” gerufen, entfährt es Kinski: “Nein, er hat nicht gesagt ‘Halt die Schnauze’. Er hat eine Peitsche genommen und hat ihm in die Fresse gehauen! Das hat der gemacht. Du dumme Sau!” Kinski will die große Bühne, aber keinen Widerspruch.
2. Früchte des Zorns: die fünf Herzog-Filme
Mit Regisseur Werner Herzog geht Kinski in die Kinogeschichte ein. Fünf Filme dreht das Gespann: “Aguirre, der Zorn Gottes”, “Nosferatu – Phantom der Nacht”, “Woyzeck”, “Fitzcarraldo” und “Cobra Verde”. Kinski äußert sich mehrmals äußerst herablassend über den Regisseur, bezeichnet ihn als feige, geldgierig, sadistisch und bösartig.
Am Set von “Aguirre” soll der Schauspieler gedroht haben, das Team zu verlassen. Herzog erzählt später, er habe Kinski einmal gewarnt, ihn zu erschießen. Beim Dreh zu “Fitzcarraldo” kommt es zu einer der legendärsten Streitereien (“Leck mich doch am Arsch!”). Danach soll ein Ureinwohner dem Regisseur angeboten haben, Kinski für ihn umzubringen. Herzog nennt ihn mal ein “Weltwunder”, mal “die ultimative Pest”. Die manische Beziehung der beiden lässt sich wohl am ehesten mit Hassliebe beschreiben.
3. Kurze Lunte, große Fernsehbühne
Eine Kleinigkeit reicht – und Kinski explodiert. Mindestens so berühmt wie für seine Filme ist er für seine teils unterhaltsame, teils unerträgliche Cholerik bei Auftritten im deutschen Fernsehen. Eine ZDF-Reporterin herrscht er an: “Von einer Analphabetin muss ich mir so einen Quatsch erzählen lassen!” In einer ARD-Talkshow erwidert er einem Zwischenrufer aus dem Publikum: “Ich kann Sie gar nicht so beleidigen, wie Sie mir auf den Wecker gegangen sind.”
In der “NDR Talkshow” lobt er vor laufender Kamera mehrmals den Po der Moderatorin, will aber nichts von seinen Projekten erzählen: “Ich habe keine Ambitionen, Publicity zu machen.” Und in einem Interview mit Thomas Gottschalk lässt er diesen minutenlang mit “Ich verstehe die Frage nicht” auflaufen.
4. Vorwürfe der Töchter
Spätestens mit den Missbrauchsvorwürfen seiner beiden Töchter, der Schauspielerinnen Nastassja und Pola Kinski, sieht man den Vater in einem anderen Licht. Posthum bezichtigt ihn Pola (heute 74) in ihrem Enthüllungsbuch “Kindermund” von 2013 des jahrelangen sexuellen Missbrauchs. Zudem habe er wie ein Despot über die Familie geherrscht. Nastassja (65) sagt, er habe sie belästigt, als sie vier oder fünf gewesen sei. Kinski selbst kann sich zu den Vorwürfen, die im Raum stehen, nicht mehr äußern.
5. Kinski, nachgespielt
Wer Kinski nie auf der Leinwand erlebt hat, kennt ihn womöglich besser über den Komiker Max Giermann. Der tobende Schauspieler ist eine von dessen Paraderollen. Er imitiert ihn so genau, dass Zuschauer die beiden zuweilen kaum auseinanderhalten können. Im Kinofilm “Die Geschichte der Menschheit – Leicht gekürzt” von 2022 übernimmt Giermann ausgerechnet die Rolle des Jesus – in Gestalt von Klaus Kinski.