“Der fliegende Holländer”: Milo Raus Deutschland-Deutung

Von Flugscham ist auf den deutschsprachigen Opernbühnen nichts zu spüren: Richard Wagners “Der fliegende Holländer” setzt derzeit allerorten die Segel, so 2025 etwa im Steinbruch von St. Margarethen und dem Linzer Musiktheater, 2028 auf der Bregenzer Seebühne und am gestrigen Samstag im Musiktheater an der Wien. Auf dieser Welle surft auch der Wiener Festwochen-Intendant Milo Rau vorne mit, feiert seine Interpretation doch am 24. Oktober Premiere an der Deutschen Oper Berlin.
Und Milo Rau wäre nicht Milo Rau, würde diese erste Beschäftigung des 49-jährigen Regisseurs mit dem Wagner-Kosmos nicht als Großereignis par excellence beworben. Versprochen wird “eine Reise in die politischen Tiefenschichten der Bundesrepublik Deutschland”. Vom Sinnbild des ewig wandernden Juden soll es über den Antisemitismus des Komponisten bis hin zum Erlösungskult gehen. Bei dem versprochenen “Roadmovie durch die deutsche Kultur und Geschichte nach 1945” bis hinauf zu den deutsch-israelischen Beziehungen von heute solle es um die Frage gehen, was es nach der Shoah bedeutet, Wagner zu lieben. “Rau wagt damit den Schritt in schmerzhafte Areale des Diskurses – ohne erträgliche Antworten zu versprechen”, macht die Deutsche Oper diskursfreudigen Opernfans den Mund wässrig.
Viele Vor- und Nachgespräche
Dazu flankiert man die Inszenierung entsprechend. So war bereits am vergangenen Samstag ein Roundtable von Rau mit dem Historiker Dan Diner, der Autorin Mirna Funk und Sven Friedrich als Direktor des Wagner Museums in Bayreuth über die ambivalente Rezeption des Tonsetzers angesetzt – gleichsam als Vorgespräch. Unter dem Titel “Nachgespräche” hingegen folgen nach den jeweiligen Vorstellungsterminen in Berlin Foyer-Debatten mit Prominenten wie der einstigen deutschen Kulturstaatsministerin Monika Grütters, dem einstigen deutschen Botschafter in Israel, Steffen Seibert, oder Güner Balci, dem Integrationsbeauftragten von Berlin-Neukölln.
Im Kern scheint das alles vertraut und bekannt, gehört es doch seit Jahrzehnten zum Wagner-Diskurs, dass jede neuerliche Auseinandersetzung wie eine Monstranz vor sich herträgt, nun endlich das Tabu zu brechen, offen auszusprechen, dass der Komponist Antisemit war und die Frage zu stellen, welche Implikationen für die heutige Beschäftigung dies hat. Ob Milo Rau hier also Eulen nach Athen trägt oder der Berliner “Holländer” tatsächlich neue Einblicke eröffnen wird, muss sich noch weisen.
Grandiose Besetzung
Fix ist aber jetzt schon, dass Rau und der Deutschen Oper für die Inszenierung eine grandiose Besetzung zur Verfügung steht. Der Salzburger Festspiel-Liebling Aušrine Stundytė feiert ihr persönliches Rollendebüt als Stella, der von ihr fanatisch begehrte Holländer wird von Wagner-Routinier Tomasz Konieczny gesungen, und Tareq Nazmi gibt den Kapitän Daland. Auch im Graben ist da Großes zu erwarten, dirigiert doch die junge Wahlösterreicherin Giedrė Šlekytė, die einst als Erste Gastdirigentin des Linzer Brucknerorchesters Bekanntheit erlangte und an den großen Häusern des Landes zu hören war. Zumindest bezüglich der musikalischen Qualitäten dürfte in Berlin also keine Debatte entbrennen.
(S E R V I C E – “Der fliegende Holländer” von Richard Wagner an der Deutschen Oper Berlin, Bismarckstraße 35, 10627 Berlin. Regie: Milo Rau, Musikalische Leitung: Giedrė Šlekytė, Bühnenbild: Anton Lukas, Kostüme: Silvie Naunheim. Mit Daland – Tareq Nazmi, Senta – Aušrine Stundytė, Erik – Attilio Glaser, Mary – Kai Rüütel-Pajula, Steuermann – Omar Mancini, Der Holländer – Tomasz Konieczny. Premiere am 24. Oktober. Weitere Aufführungen am 28. und 31. Oktober, am 5., 8. und 15. November sowie am 13. und 20. Februar 2027. )