Der Wert von Denken und Dissens: Philosophicum Lech eröffnet

24.09.2026 • 18:52 Uhr
Der Wert von Denken und Dissens: Philosophicum Lech eröffnet

Philosophie ist cool. Diesen Eindruck kann man erhalten, wenn man erlebt, wie aufmerksam das Publikum in den Lechwelten die Vorträge und Diskussionen des 29. Philosophicum Lech verfolgt. Heuer sei man bereits vier Tage nach Bekanntgabe des Programms ausverkauft gewesen, verkündete Vereinsobmann und Ex-Bürgermeister Ludwig Muxel bei der Eröffnung am Donnerstag stolz. Bürgermeister Gerhard Lucian hob hervor, wie sehr sich die Tourismusgemeinde in diesen Tagen immer verändere.

Landtagspräsident Harald Sonderegger (ÖVP) machte sich zum diesjährigen Thema “Betreutes Denken. Die neue Lust an der Unmündigkeit” eigene, unbetreute Gedanken: Es habe immer schon begleitetes und betreutes Denken gegeben. Die spannendere Frage sei jedoch: “Wo liegt das richtige Maß, wo sind die Grenzen? Wie viel an Betreuung und Begleitung im Denken sollen/wollen/dürfen wir zulassen/fordern/fördern? Wo befindet sich der Übergang von der Mündigkeit in die Unmündigkeit? Und läuft dieses Ideal der Mündigkeit des Einzelnen und der Gesellschaft heute, in Zeiten von AI oder KI, in Zeiten von digitalen Blasen- und Echokammercommunities, wirklich Gefahr, komplett verloren zu gehen?”

Mündig oder unmündig?

Genau darüber soll es bis Sonntag gehen, wobei Intendantin Barbara Bleisch im eröffnenden “Streitgespräch” mit ihrem Intendanten-Kollegen Konrad Paul Liessmann die Frage stellte, ob es angesichts so vieler begeisterter Philosophicum-Teilnehmer nicht “Die neue Lust an der Mündigkeit” heißen sollte, man mithin den Titel verfehlt habe. Man sei ja tatsächlich dafür der falsche Ansprechpartner, legte Liessmann noch eines drauf: Betreutes Denken sei für ihn natürlich kein Problem, “wir sind ja diejenigen, die betreuen”. Er habe auf der Universität hunderte Abschlussarbeiten betreut. “Mein offizieller Titel dafür war erster oder zweiter Betreuer.”

Als eine Form von Betreuung, die ihn bisweilen störe, empfinde er Werbung, als eine bevormundende Betreuung “mit eindeutigem pädagogischen Erziehungsauftrag” das Gendern im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. “Ich würde das sofort akzeptieren, wenn es dazu einen demokratischen Entscheidungsprozess gegeben hätte.” – “Ich halte das für ein sooo kleines Problem und staune, dass du dich darüber so aufregend kannst”, entgegnete Barbara Bleisch und brachte ihrerseits ein Beispiel, nämlich das aus dem Angelsächsischen kommende und in der Schweiz zunehmen Verwendung findende Genetiv-S-Apostroph. “Mich regt das furchtbar auf. Da fühle ich mich aber nicht betreut. Das ist falsch und fertig.”

Uni-Zukunft: KI schreibt Arbeiten, die von KI korrigiert werden

Natürlich musste auch die KI, vor deren immer schnellerer Entwicklung nun auch aus dem Silicon Valley gewarnt wird, zur Sprache kommen. An den Unis drohe eine virtuelle Schleife, dass nämlich künftig mit KI verfasste Arbeiten mithilfe von KI beurteilt würden, warnte Liessmann. Der Stolz auf das eigene Denken werde systematisch unterminiert, der kritische Einspruch nicht mehr gefördert. “Wer jetzt sich davon fernhält, hat vielleicht im Augenblick einen Nachteil. Das werden aber die sein, die in einer nahen Zukunft sehr begehrt sein werden, weil sie als einzige noch sinnvoll mit KI umgehen können.”

Barbara Bleisch hob den “Wert des Dissens” hervor – was Liessmann dazu brachte, die Absage der Wiener Festwochen an Peter Thiel zu kritisieren. “Woher diese Angst, mit ihm zu diskutieren und ihm zuzuhören? Ich könnte ja nachher sagen: Soviel Blödsinn habe ich noch nie gehört.” Man müsse lernen, “andere Positionen auszuhalten, auch wenn sie sehr krude und abseitig erscheinen”.

Es gebe dabei allerdings Grenzen, Positionen, die man nicht in den Diskurs integrieren könne und müsse, erwiderte Bleisch, fügte aber hinzu: “Insgesamt, finde ich, ist der Diskurs noch sehr offen und frei.” Beim 29. Philosophicum Lech soll das bis Sonntag unter Beweis gestellt werden.

(S E R V I C E – 29. Philosophicum Lech: “Betreutes Denken. Die neue Lust an der Unmündigkeit”, Lechwelten, Lech am Arlberg, 22. bis 27. September, )