Dramatisierte Zweig-Novelle in Reichenau: Fatale Spielsucht
Mit einer weiteren Bühnenadaption warten die Festspiele Reichenau auf: Gordon Greenberg und Thomas Kahry haben die Novelle “24 Stunden aus dem Leben einer Frau” von Stefan Zweig für den Neuen Spielraum dramatisiert. Die romantisch-tragische Story vom jungen Spieler und seiner scheiternden Retterin überschreitet bisweilen die Schwulstgrenze. Das Premierenpublikum ließ sich dennoch zu frenetischem Beifall hinreißen.
Auf der Bühne stehen große Koffer. Ein ältlicher Hotelboy (Alex Kapl) erscheint. “Tratschen’s ruhig weiter”, spricht er ins Publikum, erklärt ein paar Regeln (Handys abschalten, die gab es nämlich 1931 noch nicht) und reagiert auf einen Nieser aus der Zuschauerschaft mit einem höflichen “Gesundheit!”. Dann richtet er sich auf und verjüngt sich. Das war’s aber schon mit dem unterhaltsamen Teil des insgesamt 100 Minuten dauernden Abends.
Der Ich-Erzähler bei Zweig wird in dieser Fassung durch Agnes, die Schwester der Protagonistin Charlotte alias Mrs.C., ersetzt. Sona MacDonald stellt diese Schwester sehr bevormundend dar. Im Verlauf des Abends gibt sie im Marlene-Dietrich-Outfit einige Chansons zum Besten. Wie überhaupt die Musik (Bandleader Roman Frankl spielt auch einen älteren Gentleman) sehr zur melancholischen Gesamtatmosphäre beiträgt. Man merkt es dezent: Regisseur Greenberg kommt vom Broadway. Gelungen sind das schlichte Bühnenbild (ein Bar-Element verwandelt sich problemlos in ein Kirchenfenster) und die Kostüme (Alena Hoffmann).
Aus Erfahrung nicht klüger geworden
Charlotte, verwitwet und stets dem Gefühl ausgesetzt, für andere funktionieren zu müssen (Julia Stemberger zwischen Blockade und Befreiungswunsch), erinnert sich Agnes gegenüber an eine kurze heftige Beziehung mit einem jungen Mann. Nils Arztmann gibt diesen für Charlotte erotisierenden Teo, suizidgefährdet, spielsüchtig und schließlich alle Versprechen brechend, bis der unvermeidliche Schuss fällt.
Sucht mit letalem Ausgang: Bei Joseph Roths “Legende vom heiligen Trinker” (tags zuvor zur Premiere gelangt) war es der Alkohol, bei Zweig ist es das Glücksspiel. Sie würde sich wieder mit Teo einlassen, meint Charlotte 25 Jahre nach dieser Erfahrung. Offenbar ist sie – um nichts klüger geworden – ebenfalls einer Sucht erlegen: jener nach Liebe um jeden Preis. So erklärt sich vielleicht auch der Ausspruch einer beeindruckten Zuseherin, das Stück sei “so richtig aus dem Leben gegriffen”.
Von sechs Produktionen in dieser Reichenauer Saison ist nur eine (“Reigen”) ein Theaterstück, fünf sind Dramatisierungen bzw. Bearbeitungen. Auch hier lässt sich eine Art Sucht konstatieren – und auf den Gegentrend zum originären Theaterrepertoire hoffen.
(Von Ewald Baringer/APA)
(S E R V I C E – Stefan Zweig, “24 Stunden aus dem Leben einer Frau”. Regie: Gordon Greenberg. Mit Julia Stemberger, Nils Arztmann, Sona McDonald, Alex Kapl, Roman Frankl, Teresa Müllner. Festspiele Reichenau. Weitere Vorstellungen bis 2. August. )