Experte: Humanoide Roboter werden Teil der Arbeitswelt

31.05.2026 • 18:21 Uhr

Menschen nachempfundene Roboter werden laut Experteneinschätzung mittelfristig Teil der Arbeitswelt. “2035 könnten die im Einsatz befindlichen humanoiden Roboter in einem optimistischen Szenario auf bis zu 50 Millionen steigen”, sagte der Unternehmensberater Thomas Kirschstein von Roland Berger zur APA. In Wien fand am Wochenende ein “Festival der Roboter” statt und kommende Woche treffen sich 7.000 Expertinnen und Experten bei einer Robotik-Fachkonferenz in der Messe Wien.

Am Wiener Karlsplatz sorgte das “Festival der Roboter” mit rund 15.000 Besuchern am Samstag und Sonntag für großes Interesse bei Familien und Schaulustigen. “Dass Österreichs Forschungseinrichtungen und Unternehmen auf dem richtigen Weg sind, hat das Festival der Robotik eindrucksvoll bewiesen”, sagte der für Innovation zuständige Minister Peter Hanke (SPÖ). Vor allem das rege Interesse junger Besucherinnen und Besucher sei ihm positiv aufgefallen.

In einer kürzlich veröffentlichten Studie von Roland Berger prognostiziert die deutsche Unternehmensberatung “eine industrielle Skalierung” bei humanoiden Robotern in den kommenden Jahren und einen Anstieg des Robotik-Branchenumsatzes auf 300 Mrd. Dollar (258 Mrd. Euro) im Jahr 2035. Bis dahin können etwa 5 Millionen humanoide Roboter in Europa und 500.000 bis 1 Million in Deutschland und Österreich im Einsatz sein.

Humanoide Roboter noch im Testeinsatz

Durch Fortschritte bei Künstlicher Intelligenz (KI) und Robotik-Hardware könnten humanoide Systeme perspektivisch zu Betriebskosten von rund zwei US-Dollar pro Stunde arbeiten, erwarten die Unternehmensberater. Langfristig würden auch “Humanoide” im Haushalt und Service oder in der Pflege eingesetzt.

Derzeit ist das aber noch Zukunftsmusik: Die Jahresproduktion von humanoiden Robotern lag zuletzt laut Schätzungen bei 15.000 Stück, der Großteil davon wurde in China produziert. Die chinesischen Hersteller Agibot, Ubtech und Unitree haben deutlich höhere Stückzahlen für die kommenden Jahre angekündigt. In den USA und Europa werden derzeit eher Prototypen hergestellt und es wird sich stärker auf die Softwareentwicklung fokussiert. In Europa gibt es rund 20 Start-ups im Bereich humanoider Roboter, etwa das Linzer Start-up Iono Robotics mit seinem “Workmate”. “Derzeit sind noch keine produktiven humanoiden Roboter im Einsatz. Industrieunternehmen experimentieren mit isolierten Aufgaben, etwa in der Montage oder in der Logistik”, sagte Unternehmensberater Kirschstein im APA-Gespräch.

Zwischen Hype und Realität

Ein “State of the Art” humanoider Roboter aus China kostet derzeit circa 100.000 Euro. In den nächsten Jahren könnte der Preis für diese fortschrittlichen Modelle auf 20.000 bis 30.000 Euro sinken. “Einen ‘Business Case’ für humanoide Roboter in Fabriken wird es unserer Einschätzung nach ab 2028 geben”, erwartet der Robotik-Experte von Roland Berger. In Europa und den USA steht derzeit der geplante Einsatz in Fabriken und im Haushalt im Fokus. Einige Hersteller in China entwickeln ihre Modelle auch für das Militär und Sicherheitsbehörden.

Der wissenschaftliche Direktor des Austrian Institute of Technology (AIT), Andreas Kugi, sieht noch einigen Forschungs- und Entwicklungsbedarf: “Es ist noch ein langer Weg bis zu flexiblen Systemen”, in denen zum Beispiel humanoide Robotik in Verbindung mit Künstlicher Intelligenz (KI) mehr oder weniger autonom in der Fertigung mit menschlichen “Kollegen” interagiert, sagte Kugi im Mai bei der “Festival der Roboter”-Veranstaltungspräsentation. Im Gegensatz zu manchem, was aus China oder den USA komme, entwickle man in Europa Systeme, für die man auch Sicherheitsgarantien geben könne.

Experte: In nächsten Jahren “operatives Know-how” aufbauen

Unternehmensberater Kirschstein empfiehlt Industrieunternehmen in Deutschland und Österreich, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. “Noch können Unternehmen mit humanoiden Robotern kein Geld einsparen. Aber wer heute erste Piloten aufsetzt, baut operatives Know-how auf, das in zwei bis drei Jahren zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil werden kann”, so der Experte von Roland Berger. Man könne frühzeitig Beziehungen zu Robotik-Unternehmen aufbauen, die morgen die Lieferanten von Schlüsseltechnologie seien.

Für Unternehmen in Deutschland und Österreich sieht Kirschstein auch “gewaltige Chancen” als Zulieferer für die Produktion von humanoiden Robotern, etwa im Bereich Aktuatoren, Halbleiter, Motoren und Sensorik. Die schnelle Weiterentwicklung bei humanoiden Robotern werde sich auch auf die klassischen Industrieroboter auswirken, erwartet der Robotik-Experte. Fix installierte Roboterarme in Fabriken würden mit verbesserter KI auch flexibler und intelligenter werden.

Thema in EU “noch nicht weit oben auf der politischen Agenda”

Großen Handlungsbedarf sieht der Unternehmensberater auf EU- und nationaler Ebene. “Das Thema ist noch nicht weit oben auf der politischen Agenda. Das muss sich ändern”, betonte Kirschstein. Es brauche neben dem EU AI-Act gegebenenfalls auch einen Physical AI-Act. Im Bereich humanoider Roboter müssten Förderprogramme, Datenaustausch sowie Trainingsmöglichkeiten wachsen.

Tausende Robotik-Experten werden kommende Woche in Wien erwartet. Die Internationale Fachkonferenz für Robotik und Automatisierung (IEEE ICRA 2026) findet von 1. bis 5. Juni in der Messe Wien statt. Führende Forscher und Vertreter der Industrie treffen sich zum Ideen- und Wissensaustausch. “Das Potenzial der Robotik ist enorm – in wenigen Jahren wird für viele Menschen ein Roboter, der aufräumt und putzt, so selbstverständlich sein wie heute Autos”, so der Vorsitzende (General Chair) der IEEE ICRA 2026, Markus Vincze, in einer Aussendung. Die ICRA sei “die ideale Plattform, um Spitzenforschung mit gesellschaftlichen Fragen zu verbinden und die Entwicklung dieser Technologien aktiv mitzugestalten – so wie wir sie wollen”.