Experte: Shoa-Erinnerung prägt Israels Politik bis heute

Die Erinnerung an die Shoa prägt Israel bis heute. Der israelische Politpsychologe Daniel Bar-Tal sieht darin einen wesentlichen Faktor für die Entwicklung des Landes. Die Lehre daraus sei gewesen: “Wir müssen stark sein und uns verteidigen können”, sagt er im APA-Interview. Diese Form kollektiver Opferidentität und ein daraus abgeleitetes israelisches “Nie wieder” würden bis heute den Umgang mit Sicherheit, dem Nahost-Konflikt und internationaler Kritik bestimmen.
Bar-Tal erforscht seit Jahrzehnten das Konzept des “gewählten Traumas”. Gemeint sei damit nicht, dass sich eine Gesellschaft bewusst aussuche, traumatisiert zu sein. Vielmehr werde ein historisches Ereignis zu einem zentralen Bestandteil kollektiver Identität und über Generationen hinweg erinnert. “Nationen können ein bestimmtes Trauma auswählen, das sie nicht heilen, sondern erinnern wollen”, sagt Bar-Tal, der bis zu seiner Emeritierung an der Universität Tel Aviv lehrte. Für Juden sei dies die Shoa – hebräisch für “Katastrophe” oder “großes Unglück”.
Die Erinnerung an die Shoa habe in Israel ein anderes “Nie wieder” hervorgebracht als in Europa. In Deutschland und Österreich werde die Formel häufig als Mahnung gegen Nationalismus, Rassismus und Ausgrenzung verstanden. In Israel sei daraus vor allem die Überzeugung entstanden, dass Juden sich letztlich nur selbst schützen könnten und müssten. “Die Botschaft, die wir an die nächste Generation weitergeben, ist militaristisch und nationalistisch”, sagt Bar-Tal. Dies habe eine politische Kultur gefördert, in der Sicherheit und militärische Stärke häufig Vorrang vor anderen gesellschaftlichen oder politischen Zielen hätten.
Kritik an Shoa-Vergleich
Nach Ansicht des Wissenschaftlers beeinflusst diese Sichtweise bis heute die Wahrnehmung aktueller Konflikte. In Zeiten gesellschaftlicher Krisen oder existenzieller Bedrohungen werde das “gewählte Trauma” reaktiviert. Vergangenheit und Gegenwart könnten dabei miteinander verschwimmen. Nach dem Hamas-Terrorangriff vom 7. Oktober 2023 seien die Ereignisse von vielen Israelis unmittelbar mit der Shoa in Verbindung gebracht worden. Ministerpräsident Benjamin Netanyahu habe den Terroranschlag als das “schlimmste Verbrechen gegen Juden seit dem Holocaust” bezeichnet und Hamas als “die neuen Nazis” dargestellt. Für Bar-Tal zeigt dies, wie historische Traumata in Krisenzeiten reaktiviert werden können. Die Vermischung des 7. Oktober mit der Shoa hält er jedoch für problematisch: “Wie kann man ein solches Massaker mit dem vergleichen, was zwischen 1939 und 1945 geschehen ist?”
Aus der über Jahrzehnte gepflegten Erinnerungskultur sei auch eine Art “Belagerungsmentalität” entstanden. “Es ist die Vorstellung, dass die ganze Welt gegen uns ist, uns nicht mag und uns ständig kritisiert”, sagt Bar-Tal. Diese Wahrnehmung beeinflusse auch den Umgang mit Kritik aus dem Ausland. Wer die israelische Regierung wegen Menschenrechtsverletzungen kritisiere, werde häufig rasch mit Antisemitismusvorwürfen konfrontiert, erklärt der Wissenschafter. Dabei könne Kritik an israelischer Regierungspolitik durchaus aus dem Wunsch nach einem demokratischen und rechtsstaatlichen Israel entstehen.
Van der Bellens Kritik sei “pro-israelisch”
Vor diesem Hintergrund ordnet Bar-Tal auch die jüngste Debatte um die Kritik von Bundespräsident Alexander Van der Bellen an Israels “Kriegsverbrechen” in Gaza ein. Dass Österreich mit Verweis auf seine historische Verantwortung gegenüber Juden das Recht auf Kritik abgesprochen werde, hält er für falsch. Österreichs Vergangenheit dürfe heutige Kritik an israelischer Regierungspolitik nicht grundsätzlich delegitimieren. “Wir leben heute in einer anderen Zeit, mit anderen moralischen Regeln und anderen ethischen Maßstäben.”
Kritik an der israelischen Regierungspolitik dürfe nicht mit Feindseligkeit gegenüber Israel verwechselt werden. Van der Bellens Aussagen seien “nicht antisemitisch”, sondern vielmehr “pro-israelisch”, sagt Bar-Tal. Der österreichische Präsident unterstütze damit jene Kräfte innerhalb Israels, die für ein demokratisches Israel eintreten, das gleiche Rechte für alle garantiere und friedlich mit seinen Nachbarn koexistiere. Ziel müsse ein “moralisches und menschliches Israel” sein.
Österreich rät er zu zweierlei: Einerseits solle man etwa durch strengere Visa-Bestimmungen oder andere politische Maßnahmen gegenüber der israelischen Regierung Haltung zeigen. Andererseits sieht Bar-Tal die wichtigste Lehre aus der NS-Zeit darin, konsequent gegen Nationalismus, Rassismus und Ausgrenzung aufzutreten, nicht aber in einer bedingungslosen Unterstützung israelischer Regierungspolitik.
Sorge über Israels Entwicklung
Besorgt zeigt sich Bar-Tal über die politische Entwicklung seines Landes. Israel bewege sich zunehmend in Richtung einer stärker nationalistischen und religiös geprägten Gesellschaft. Die Regierung von Benjamin Netanyahu bezeichnet er als die “bisher rechteste der israelischen Geschichte”. “Israel verschlechtert sich Schritt für Schritt, und in den vergangenen Jahren sehr schnell”, sagt er. Insbesondere jüngere Generationen würden heute nationalistischer sozialisiert als früher. Auch die politische Opposition unterscheide sich in zentralen Fragen vielfach weniger stark von der Regierung, als häufig angenommen werde.
Seit dem 7. Oktober 2023 hätten viele Israelis das Land verlassen. Nach seinen Schätzungen seien zwischen 150.000 und 250.000 Israelis ausgewandert. “Vor allem junge Menschen, gut ausgebildete Menschen mit Kindern”, sagt Bar-Tal. Viele hätten sich in Ländern wie Großbritannien, Spanien oder Italien niedergelassen, wo sie sich bessere Lebens- und Zukunftsperspektiven erhofften.
Einen raschen politischen Kurswechsel erwartet Bar-Tal, auch im Lichte der Parlamentswahlen Ende Oktober, nicht. Ein Wandel werde seiner Einschätzung nach noch “mehrere Jahrzehnte” dauern. Veränderungen seien aus seiner Sicht nur durch langfristige gesellschaftliche Entwicklungen und verstärkten internationalen Druck möglich. Als Beispiel nennt er den Umgang der internationalen Gemeinschaft mit dem früheren Apartheid-Regime in Südafrika.