Fachärzte für mehr Diabetes-Früherkennung in Österreich

04.11.2026 • 12:22 Uhr
Fachärzte für mehr Diabetes-Früherkennung in Österreich

Fachärztinnen und -ärzte sprechen sich für mehr Früherkennung von Diabetes in Österreich aus. Für bereits erkrankte Betroffene brauche es zudem mehr Erstattung von Sensoren und automatisierten Insulinabgabesystemen, hieß es am Mittwoch bei einer Pressekonferenz der Diabetes Gesellschaft (ÖDG). Auch die Patienten-Interessenvertretung “Wir sind Diabetes” forderte flächendeckende Antikörper-Blut-Tests zur Früherkennung von Typ-1-Diabetes. Am 14. November ist Weltdiabetestag.

Mehr als 800.000 Menschen in Österreich leben mit Diabetes mellitus – die meisten mit dem Typ 1 oder Typ 2, es gibt aber auch seltenere andere Formen. “Früh zu handeln, bedeutet früh zu erkennen und nur das, was ich erkenne, kann ich dann auch therapeutisch angehen und langfristig versuchen, damit Komplikationen zu verhindern”, sagte ÖDG-Präsident Harald Sourij, der an der Med Uni Graz tätig ist. Er warnte vor den in Österreich jährlich rund 500 schwerwiegenden Amputationen – sogenannten Majoramputationen oberhalb des Sprunggelenks – als eine Folge von Diabetes.

HbA1c-Wert bei allen feststellen

Die ÖDG fordert, bei der Vorsorgeuntersuchung künftig neben dem nüchternen Blutzucker bei allen Menschen ab dem 35. Lebensjahr, insbesondere mit Übergewicht, alle drei Jahre auch den HbA1c-Wert festzustellen. “Das ist der rote Blutfarbstoff, an den sich Zucker anheftet und gibt uns eine Idee, wie hoch war der Blutzucker in den letzten zwei, drei Monaten”, erläuterte Sourij. “Liegt ein Prädiabetes vor, sollte man das jährlich tun, weil einfach das Risiko fortzuschreiten groß ist.”

Mittlerweile wurden diabetespezifische Antikörper im Blut identifiziert, die – wenn mehr als zwei davon bei einer Person nachgewiesen werden – zeigen, dass dieser Mensch “mit 100 Prozent irgendwann einmal in seinem Leben Diabetes bekommen wird”, berichtete Maria Fritsch, Vorsitzende vom Ausschuss Pädiatrie der ÖDG. Damit wurden Stadium 1 und Stadium 2 von Typ-1-Diabetes identifiziert, wo die Patienten zwar diese Antikörper haben, aber klinisch noch nicht symptomatisch sind, betonte die Medizinerin.

Stoffwechselentgleisung verhindern

Typ-1-Diabetes tritt vermehrt bereits im Kinder- und Jugendalter auf und beginnt häufig Monate bis Jahre vor den ersten Beschwerden. “Wenn wir diese Jugendlichen das erste Mal kennenlernen, dann ist ein Großteil dieser Patienten, nämlich bis zu 44 Prozent, in einer Stoffwechselentgleisung, in einer diabetischen Ketoazidose. Also die sind kritisch krank”, betonte Fritsch. Dabei gebe es eine sehr hohe Sterblichkeit. Ein Medikament könne zudem das Ausbrechen eines symptomatischen Diabetes bis zu zwei Jahre verzögern und auch das mache bei Kindern einen großen Unterschied, erläuterte Fritsch.

Ein flächendeckendes Screening sei auch wichtig, weil “über 80 Prozent der Kinder mit neu diagnostiziertem Typ-1-Diabetes keine nahen Angehörigen mit Typ-1-Diabetes haben”, berichtete Thomas Führer von “Wir sind Diabetes” als Betroffener. Außerdem machte er sich für Sensorsysteme zur Blutzuckermessung stark, weil diese mit der ständigen Analyse Sicherheit beim Schlafen und Sport geben. Bei der Erstattung und Verfügbarkeit von neuen Systemen der Diabetestherapie ortete Julia Mader, Erste Sekretärin der ÖDG, indes Nachbesserungsbedarf in Österreich.

Weitere GLP-1-Medikamente

Was weiter im Kommen ist, sind zusätzliche Medikamente mit GLP-1- oder GIP-Mechanismus, die neben der Diabetes-Behandlung auch als Abnehmmedikamente bekannt geworden sind. Diese haben einen prominenten Stellenwert, betonte Sourij, weil sie laut Studiendaten neben der Blutzuckersenkung und der Gewichtsreduktion auch das Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle, Nierenerkrankungen, Herzschwäche und allgemein Todesfälle bei den Betroffenen reduzieren. Es gebe zwar Nebenwirkungen wie Übelkeit bei bis zu einem Fünftel der Patienten, aber es seien “gute und sichere Medikamente”.