Fünf Jahre nach dem Putsch: Bürgerkrieg zerstört den Sudan
Im Sudan spielt sich die derzeit größte humanitäre Krise weltweit ab. 33 Millionen der rund 52 Millionen Einwohner sind laut den Vereinten Nationen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Hintergrund ist der Bürgerkrieg zwischen der Armee unter General Abdel Fattah al-Burhan und den Rapid Support Forces (RSF) unter Mohamed Hamdan Dagalo (auch “Hemedti” genannt). Ausländische Mächte mischen im rohstoffreichen Land dabei kräftig mit.
Vor fünf Jahren, am 25. Oktober 2021, stürzten Armee und RSF die zivile Regierung unter Ministerpräsident Abdalla Hamdok. Nach der Machtübernahme lösten RSF und Armee sofort den Geheimdienst auf und teilten dessen Unternehmen untereinander auf. Schon zuvor hatten sie die wesentlichsten Teile der sudanesischen Wirtschaft unter sich aufgeteilt. Im April 2023 eskalierte der Machtkampf und Hemedti versuchte, al-Burhan wegzuputschen, womit der Bürgerkrieg begann.
Wie das Außenministerium auf Bluesky und X postete, erlebt die Zivilbevölkerung im Sudan seit mehr als drei Jahren “Leid durch Krieg und Vertreibung”. Wegen der nun drohenden Hungersnot müssten alle Konfliktparteien “ungehinderten Zugang für humanitäre Hilfe garantieren, Helfende schützen und das Völkerrecht einhalten”.
Tradition verschiedener Sicherheitsakteure
Generell habe es Tradition im Sudan, dass es verschiedene Sicherheitsakteure gebe, berichtet die Sudan-Expertin Anette Hoffmann vom Clingendael Institute in den Niederlanden im APA-Interview. Dadurch wollte man verhindern, dass eine Gruppe zu mächtig werde. Al-Burhan und Hemedti hätten die Zivilregierung schließlich weggeputscht, weil “beide so viel Dreck am Stecken hatten” aufgrund der Gräueltaten im Darfur-Krieg, wo beide “an der Seite des damaligen Diktators Omar al-Bashir” intensiv kooperierten.
Die arabische Miliz Janjaweed (sinngemäß: berittene Teufel), aus denen später die RSF hervorgingen, habe die Drecksarbeit am Boden erledigt, während die Armee vor allem Dörfer bombardiert habe. Schätzungen zufolge wurden damals mindestens 300.000 Menschen nicht-arabischer Bevölkerungsgruppen getötet. Nach dem Putsch eskalierte der Machtkampf der beiden. Sowohl al-Burhan als auch Hemedti fürchteten wohl, vom anderen an den Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) ausgeliefert zu werden, glaubt Hoffmann.
Ausländische Akteure mischen im Bürgerkrieg mit
Beide Bürgerkriegsparteien sind stark von ausländischer Unterstützung abhängig, berichtet die Sudan-Expertin. So sei die RSF “existenziell abhängig von der Unterstützung aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE)”. Daneben gebe es zweitrangig noch eine ganze Reihe von afrikanischen Nachbarn, wie den Tschad, Südsudan, Uganda oder Kenia, die logistisch unterstützen. Die sudanesische Armee wiederum stütze sich vor allem auf den jahrzehntelangen Verbündeten Ägypten, das den Sudan immer als seinen Hinterhof betrachtet habe, der unbedingt stabil bleiben muss. Saudi-Arabien finanziere vor allem die Militärhilfe, Unterstützung gebe es aber auch von der Türkei, dem Iran und Katar. Türkische und iranische Drohnen hätten zudem die Art der Kriegsführung drastisch verändert.
Klar festzustellen sei “eine rasante Eskalation der Rivalität zwischen Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten”, konstatiert Hoffmann. Dabei gehe es auch darum, das Rote Meer als wichtige Handelsroute zu kontrollieren. Während Saudi-Arabien auf institutionelle Partner setze, würden die VAE auf “strong men” wie General Khalifa Haftar in Ostlibyen oder den äthiopischen Präsidenten Abiy Ahmed setzen, der trotz Parlament ziemlich autokratisch regiere. Außerdem gebe es zahlreiche Lieferungen von Militärgütern aus Russland und China, wobei “die ganz opportunistisch beide Seiten beliefern und bedienen”, so Hoffmann.
Militärisches Patt zwischen Armee und RSF
“Ein militärischer Sieg der einen oder der anderen Seite ist eigentlich auszuschließen”, zeigt sich Hoffmann überzeugt. Am Anfang des Bürgerkrieges sei die RSF am Boden am Vormarsch gewesen, während die Armee nie wirklich am Boden kämpfte, sondern vor allem ihren strategischen Vorteil, eine Luftwaffe zu haben, militärisch ausnutzte. Zwar gebe es hin und wieder kleine Gebietsgewinne für die eine oder andere Seite und die mit ihnen verbundenen Milizen, doch im Großen und Ganzen habe sich die Frontlinie im Westen und Süden des Landes in den vergangenen Wochen und Monaten wenig verschoben.
Mittlerweile würden Drohnen den Kriegsalltag bestimmen. “Man sieht wirklich die meist avancierte Drohnentechnologie im Sudan. Da gibt es nichts, was in der Ukraine eingesetzt wird, was nicht auch im Sudan irgendwie mal getestet wird”, so Hoffmann. So würden Drohnen der RSF etwa immer wieder in der von der Armee kontrollierten Hauptstadt Khartum in Tankstellen, Kaufhäusern, Schulen oder Krankenhäusern einschlagen. Das mache diesen Krieg auch so furchtbar grausam.
Sudan mittlerweile in zwei Kontrollsphären aufgeteilt
Zurzeit ist der Sudan, der 22,5 Mal so groß ist wie Österreich, zu weiten Teilen in zwei Kontrollsphären aufgeteilt. Die Armee kontrolliert seit dem vergangenen Jahr wieder die zu großen Teilen zerstörte Hauptstadt Khartum und den Osten des Sudans. Die RSF hat mit der Eroberung der Stadt Al-Fashir die große Region Darfur im Westen unter Kontrolle.
Derzeit wird vor allem in der weiter südlich gelegenen Region Kordofan heftig gekämpft. Seit Beginn des Bürgerkriegs gab es über 150.000 Tote, verschiedene Schätzungen gehen allerdings von weit höheren Opferzahlen aus. Knapp 20 Millionen Menschen sind laut Hilfsorganisationen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen, mindestens 13 Millionen Menschen sind auf der Flucht.
Aufarbeitung der Kriegsverbrechen für Frieden notwendig
Eine Aufarbeitung der Kriegsverbrechen sei der “einzige Weg zu nachhaltigem Frieden”, zeigt sich indes Hoffmann überzeugt. Mittlerweile sei der erste Kriegsverbrecher des früheren Völkermords in Darfur, Ali Kushayb, in Den Haag verurteilt worden. Zwar könne man argumentieren, dass erst einer der Kriegsverbrecher verurteilt worden sei, doch dürfe man nicht unterschätzen, was diese Verurteilung für Menschen in Darfur bedeute.
Eine Friedenslösung sei vorerst nicht in Sicht, glaubt Hoffmann. Bevor es dazu kommen kann, müsste zunächst der Schutz der Zivilbevölkerung in den Vordergrund gestellt werden. Dann gelte es, die Rolle der ausländischen Akteure, und hier vor allem jene der VAE, klar zu benennen. “Die Vereinigten Arabischen Emirate und auch Ägypten, Saudi-Arabien, die müssen Teil einer Friedenslösung sein”, ist Hoffmann überzeugt. Diesen Mittwoch endete jedoch ein Koordinierungstreffen für eine Friedenslösung in Genf ohne Ergebnis. Vertreten waren bei dem Treffen unter anderem die USA, China, Deutschland, Ägypten, die Türkei und die VAE, nicht aber die beiden sudanesischen Konfliktparteien.