Gefrorene Bewegung: Erika Giovanna Klien im Belvedere

16.09.2026 • 11:19 Uhr
Gefrorene Bewegung: Erika Giovanna Klien im Belvedere

Die Bewegung, die Aktion und der Versuch, diese im gefrorenen Moment des Bildes festzuhalten – dies prägte das Frühwerk von Erika Giovanna Klien in ihrer Wiener Zeit in den frühen 1920ern. Im Unteren Belvedere nun widmet man der 1957 in New York verstorbenen Künstlerin eine Personale, die auch das spätere Œuvre umfasst. Herausgekommen ist ein Hochamt des Wiener Kinetismus, ein Panoptikum der Vielgestaltigkeit, ein Parcours durch ein kreatives Leben zwischen zwei Kontinenten.

Die Großausstellung mit rund 325 Objekten ist von Kuratorin Verena Gamper dabei bewusst nicht chronologisch gehängt, sondern fokussiert auf Rote Fäden im gesamten Werkkorpus, die sich von der Wiener Kunstgewerbeschule bis in die Nachkriegs-USA ziehen. “Die Idee war, die beiden Werkkörper miteinander zu verzahnen”, umriss Gamper das Konzept. Und tatsächlich zeigt sich in so manchem Gestus, manchem Strich über die Jahrzehnte bei aller Varianz auch eine teils überraschende Stringenz.

Aus dem Trentino in die Welt

Geboren wurde Klien am 12. April 1900 im Trentino, wobei sie nach der Übersiedlung nach Wien 1919 an der dortigen Kunstgewerbeschule beim legendären Franz Čižek zu studieren begann. Sie entwickelt eine futuristische Sicht auf Dynamik, begeisterte sich für die Energie der Großstadt und wird somit zur prominenten Vertreterin des Kinetismus, der eben jene Rhythmik der Welt in abstrakte Bilder übersetzen möchte.

Fliegende Vögel, rasende Lokomotiven, rotierende Maschinen, Körper im Tanz – nichts steht hier still. Schließlich kam Kliens stets präsente Faszination für Tanz und Theater ihrem künstlerischen Ansatz zusätzlich entgegen. Vieles aus dieser Zeit gemahnt an den Kubismus eines Marcel Duchamp, zeigt sich somit vollends am Puls der Zeit in den energiegetriebenen Goldenen Zwanzigern.

Übersiedlung in die USA

Ungeachtet der frühen Erfolge in diesem Feld, übersiedelt Klien, deren Kreativität sich auch in Konzepten für ein Marionettentheater oder technischen Apparaten manifestierte, 1929 nach New York. Es ist ein künstlerischer Aufbruch, ein privater Neubeginn. Aus finanziellen Gründen sieht sich die Künstlerin allerdings alsbald gezwungen, als Kunstpädagogin zu arbeiten, Gebrauchsgrafiken zu erstellen, von denen sich ebenfalls einige in der Schau finden.

Klien habe diese Tätigkeit einfach als neues Arbeitsfeld, nicht als Zurücksetzung empfunden, macht Gamper deutlich. Zugleich entstehen in den USA Blicke in die Arbeitswelt, werden konkretere soziale Themen adressiert. Und wenige Jahre vor ihrem Tod 1957 fokussiert Klien dann erneut auf die eigene künstlerische Arbeit.

Wiederentdeckung ab den 60ern

Zu dieser Zeit war die Künstlerin bereits vergessen, wurde aber ab den 1960ern bereits sukzessive wiederentdeckt – ein Prozess, der bis heute anhält. So präsentiert man auch in der aktuellen Belvedere-Schau neue Forschungserkenntnisse, etwa die Aufarbeitung persönlicher Briefe und neu entdeckter Werke.

“Wenn man das Werk von Erika Giovanna Klien nicht kennt, fehlt einem im Wissen um die Kunstgeschichte ein wesentliches Puzzlestück. Es ist wirklich ein singuläres Werk”, lockte Generaldirektorin Stella Rollig Interessierte ins Untere Belvedere zur Erkundung eines Œuvres abseits des gängigen Kunstkanons.

(S E R V I C E – “Erika Giovanna Klien. Alles ist Bewegung” im Unteren Belvedere, Rennweg 6, 1030 Wien von 18. September bis 31. Jänner 2027. Dazu erschienen “Erika Giovanna Klien. Alles ist Bewegung”, hrsg. von Stella Rollig, Verena Gamper, Cosima Rainer und Stefano Franchini, Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König Köln, 440 Seiten, 39 Euro. )