Gob Squad lud bei den Wiener Festwochen zur Mitmach-Party

“Wo fange ich an? Wo höre ich auf? Wo fängst du an?”, fragen sich zwei Performende des multinationalen Kollektivs Gob Squad mit Blick ins Publikum und spiegeln dabei das, was das Gegenüber sagt. Ihre bei den Wiener Festwochen uraufgeführte Arbeit “Doppelgänger/Doppelganger” interessiert sich für das Individuum und inszeniert die Abgrenzungen von Du und Wir als charmantes, aber banal improvisiertes Spiel mit Verdoppelungen und Verwechslungen in der Halle G im Museumsquartier.
“Wann hast du dich das letzte Mal selbst verloren? Dich entselbstet?” heißt es weiter. Ausgangspunkt dieser Erkundung ist eine Sause. Aber niemand der Partygesellschaft erinnert sich, was oder wer eigentlich gerade gefeiert wird. Nina von Mechow und Amir Baltić haben das Doppelgänger-Motiv im Bühnenbild und in den Kostümen reizvoll umgesetzt: In einem teils einsichtigen Glaskubus mit Spiegelboden und Drehtüren wird zu schnellen Beats getanzt, gefeiert und Kuchen gegessen. Fragen nach Selbstbespiegelung werden mit Live-Videos, überlagerten Bildern, aufgenommenen Selfies clever auf die Vorderseite des Kubus projiziert (Videodesign: Miles Chalcraft). Irgendwann tanzt jemand wie ein Geist zu seinem eigenen Bild.
Das Publikum als Einflüsterer
All das mutiert an diesem lockeren Abend als eine Art Vorglühen. Denn im Fokus stehen die Mitspielerinnen und Mitspieler aus dem Publikum. Sie werden aktiv von den vier Performance-Profis gesucht. Entweder mittels Fragen wie: “Kannst du loslassen? Oder willst du immer die Kontrolle behalten?” Oder aber: “Alle Cis-Männer hinsetzen. Alle Männer hinsetzen. Ihr scheidet aus!” Jedes Mal bleibt am Ende ein Doppelgänger oder eine Doppelgängerin übrig. Mit buschigen Grauhaar-Perücken, Tüchern und Blousons ausgestattet, nähern sich die Duos optisch aneinander an. Zunächst steuern die Spontanen, ausgestattet mit Retro-Kopfhörern und Mikrofonen, die Schauspielenden wie einen Avatar, irgendwann werden die Rollen getauscht und man fragt sich: Wer hat das Sagen? Wer führt wen? Wer entscheidet, was als Nächstes geschieht? Und ist das alles wirklich improvisiert oder stammt es von einem Skript?
Einer begnügt sich nicht mit der Fragerunde, um seinen Doppelgänger oder seine Doppelgängerin zu finden. Er reiht eine goldene Box mit eingebautem Mikrofon durchs Publikum, das ihm einflüstern darf. Das Mitmachtheater erprobte Festwochen-Publikum spielt mit und flüstert ihm u.a. nicht ganz jugendfreie Witze über Santa Claus ins Ohr. An manchen Stellen haben die Pausen durch die technische Übersetzung einen schönen Verfremdungseffekt, an anderen ziehen sie das Gesagte nur in die Länge. Am Premierenabend überzeugten die titelgebenden Doppelgänger und Doppelgängerinnen mit Erlebnisberichten von der steirischen Dorfdisco, der demenzkranken Mutter und Beschwerden über die fade Party. Die Schlagfertigkeit der Mitspielenden erhielt viel Beifall.
“Willkommen in meinem Leben ohne Pointe”
Der Abend des vielfach ausgezeichneten Kollektivs plätschert auf rund 100 Minuten gemächlich dahin, das Publikum fiebert mit den spontanen Auserwählten mit, zollt ihnen Respekt für den Schritt auf die große Bühne. In Zeiten von digitalen Doppelgängern, Deepfakes und Identitätsraub bleibt die jüngste Arbeit der Festwochen-Wiederkehrer von Gob Squad aber erstaunlich eindimensional. “Doppelgänger/Doppelganger” steckt bald auf der Ebene der Banalitäten fest. Und enthält nur vereinzelt Spuren von Naomi Kleins pointiertem Buch “Doppelgänger”. “Willkommen in meinem Leben ohne Pointe”, wiederholt einer der Performer der Partygesellschaft mantraartig. Und das gilt am Ende auch ein bisschen für diesen sympathischen, riskanten aber letztlich oberflächlichen Theaterabend.
(Von Julia Schafferhofer/APA)
(S E R V I C E – Wiener Festwochen: “Doppelgänger/Doppelganger in der Halle G. Konzept: Gob Squad. Entwicklung, Performance: Johanna Freiburg, Sean Patten, Tatiana Saphir, Sharon Smith, Berit Stumpf, Sarah Thom, Bastian Trost, Simon Will. Sounddesign: Sebastian Bark, Julio Zúñiga. Videodesign: Miles Chalcraft. Bühne und Kostüm: Nina von Mechow, Amir Baltić. Licht und Technische Leitung: Chris Umney. Weitere Termine: 19., 20. und 21. Juni, Halle G im Museumsquartier. )