Grace Tjang widmet sich bei ImPulsTanz dem familiären Trauma

24.07.2026 • 09:38 Uhr
Grace Tjang widmet sich bei ImPulsTanz dem familiären Trauma

Tief im Dschungel versteckt sich das Trauma. Es ist nicht mehr als eine Ahnung, die im Unterbewusstsein verankert ist und sich nun langsam Bahn bricht. Das ist die Prämisse von Grace Tjangs Stück “The Garden of Earthly Disquiet”, das die indonesisch-niederländische Needcompany-Mitbegründerin am Donnerstag im Rahmen von ImPulsTanz im Akademietheater zur Aufführung brachte. Ausgerechnet der Tanz fiel zwischen starker Musik, wilder Kulisse und viel Text eher enttäuschend aus.

Die 68-Jährige, die unter ihrem Namen Grace Ellen Barkey seit 25 Jahren regelmäßig auf dem Festival zu Gast ist, hat sich vor einiger Zeit in Anlehnung an ihre Großmutter in Grace Tjang umbenannt. Ahnen sind es nun auch, die im Rahmen des 70-minütigen Abends beschworen werden. Mit stampfenden Bewegungen, flatternden Händen und wild geschüttelten langen Haaren nähern sich Tjangs Tochter Romy Louise Lauwers, Sung Im Her, Martha Gardner und Maarten Seghers in stilisierten javanischen Kostümen (Sharlotta Seeligmüller und Simon Perotti) den verlorenen Müttern an.

Viel Text am Overhead-Projektor

Wie schon in ihrer Installation “Malam / Night”, die 2022 im mumok zu sehen war, arbeitet Grace Tjang auch diesmal mit Overhead-Projektoren. Diese projizieren einzelne Sätze einer Geschichte des Verlusts auf die den Bühnenhintergrund bildende Leinwand. Geboren im indonesischen Surabaya, entstammt Tjang einer Familie, die schwer unter dem niederländischen Kolonialismus und der darauf folgenden japanischen Besatzung ihrer Heimat litt, wie im Programmheft nachzulesen ist: Beide Elternteile wurden von ihren Müttern getrennt.

Wie sehr sich diese Ur-Angst in die Seelen (und Gene) der Nachkommen einschreiben kann, ist seit mehr als einem halben Jahrhundert Teil der Forschung zu transgenerationalen Traumata. Grace Tjang lässt ihre Performerinnen tief in ihrem Inneren graben und die Verlustangst im wahrsten Sinne des Wortes abschütteln. Zu mitreißenden Klängen, die Aya Suzuki live auf der Bühne aus allerlei Schlagwerk herausholt, turnen die Tänzerinnen über die Bühne, auf der riesige Pflanzenkulissen und geisterhafte Projektionen auf mobilen Leinwänden für das tropische Setting sorgen.

Lebenslange Unruhe im Paradies

Dass Angst auch ganz unmittelbar erfahrbar ist, machen nicht zuletzt ein Tiger und ein Reh deutlich, die auf fahrbaren Glasscheiben auf die Bühne geschoben werden. “In dieser Nacht verwandeln sich die Tiere in Kreaturen, die die Zukunft voraussagen”, heißt es im Stücktext. Am Rande des Dschungels, am Meeresstrand, verabschiedet sich eine Mutter von ihrem Sohn. Sie gibt ihm einen Zaubertrank, um sie zu vergessen. Doch wie könnte man eine Mutter je vergessen? Diese Unmöglichkeit lotet Tjang in ihrem “Garden of Earthly Disquiet” aus: Die lebenslange Unruhe macht auch vor dem Paradies nicht Halt.

(Von Sonja Harter/APA)

(S E R V I C E – ImPulsTanz: “The Garden of Earthly Disquiet” von Grace Tjang/Needcompany im Akademietheater. Konzept, Choreografie, Text, Bühne und Video: Grace Tjang. Musik: Aya Suzuki. Mit Romy Louise Lauwers, Sung Im Her, Martha Gardner und Maarten Seghers. Zu sehen noch am 25. Juli, 21 Uhr. )