Ignaz Tschinön: Rampensau ist aus dem Heimstudio ausgebüxt

01.11.2026 • 06:00 Uhr

Matthias Nowak verbringt seit Jahren viel Zeit im (Heim-)Studio, um im Eigenbrötel-Verfahren Soul der 1970er, Funk und Wiener Schmäh zu vermählen – bisher weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das dürfte sich rasch ändern: Als “Ignaz Tschinön” absolvierte der Musiker am Samstagabend ein sensationelles Release-Konzert für seinen Album-Erstling “Parasympathikus” – und da wurde dem Publikum schlagartig klar: Die Funk-Soul-Rampensau ist aus dem Heimstudio ausgebüxt.

Großartige Songs auf dem Album wie “Schpompanadln” und “Seicht” – mit der genialen Line “Selbst reflektieren tuast Di nua am Display, wenn der Akku aus is'” – sind nicht einmal neu, stammen aus 2021/22, wurden aber bisher quasi nur in Eigenregie veröffentlicht. Nun hat der mittlerweile knapp über 30-Jährige nach seiner Rückkehr aus Berlin nach Wien diese und noch viele andere ungehobene Schätze auf seiner Festplatte in ein reguläres Album (erschienen auf Monkey Music/Gspusi Records) verwandelt, mit dem programmatischen Titel “Parasympathikus”. Der Parasympathikus ist laut medizinischer Definition der Teil des vegetativen Nervensystems, der für Ruhe, Erholung und Regeneration zuständig ist.

Und genau hier setzt ein enormer Verdacht ein: Könnte Matthias Nowak etwa ein schlitzohriger Underdog sein, der den lätscherten Wiener “nur” kultiviert? Denn auf dem Album, aber noch viel mehr live im Porgy mit seiner Band “Entourage” verschanzt sich hinter seinem geheiligten Fender Rhodes Piano eine klassische Rampensau. Einen ganz großen Anteil an dem mitreißenden Konzert hatte Ignaz Tschinöns Band “Entourage”, die seinen Schmäh-durchtriebenen Sprechgesang mit druckvollem Funk-/Soul-Sound samt jazzigen Bläsersätzen pushte; an der E-Gitarre übrigens Count Basic-Mastermind Peter Legat (der über seinen Sohn und “Entourage”-Drummer Max zur Truppe stieß).

Sollte jemand zur stilistischen Einordnung des Kopfsaltos von Matthias Nowak musikalische Schubladen benötigen: Ignaz Tschinön pendelt irgendwo zwischen 5/8rerl in Ehren, Norbert Schneider, Voodoo Jürgens, H.C Artmann, althergebrachtem Soul und knochentrockenem Funk, wobei über all dem textlich der kontemporäre Wiener Schmäh surft. Und, ja: “Es geht sich irgendwie aus”, wie der Künstler betont – und das Premierenpublikum im Porgy & Bess überzeugend bemerkt hat.

(Von Werner Müllner/APA)