ImPulsTanz: “Dancing with Bob” als Hommage an Rauschenberg

Radikale künstlerische Grenzenlosigkeit nimmt im Wiener Volkstheater Gestalt an: Die österreichische Erstaufführung von “Dancing with Bob” im Rahmen von ImPulsTanz ist zugleich Fenster zur Postmoderne und Hommage an den Künstler Robert Rauschenberg. Denn es sind seine innovativen Designs, die die Werke des 75-minütigen Abends – Trisha Browns “Set and Reset” und Merce Cunninghams “Travelogue” – verbinden: Drei Koryphäen, deren Wirken bis heute begeisterten Beifall verdient.
Sei es in der Malerei, Fotografie, Objektkunst oder im Tanz, Robert Rauschenberg (1925-2008) sprengte als einer der einflussreichsten Künstler der amerikanischen Nachkriegszeit ehrfurchtlos traditionelle Grenzen des kreativen Schaffens. Grund genug, ihm anlässlich seines hundertsten Geburtstags 2025 mit “Dancing with Bob: Rauschenberg, Brown & Cunningham Onstage” ein Werk zu widmen, das zwei seiner bedeutendsten Kollaborationen vereint. Gemeinsam öffnen die New Yorker Trisha Brown Dance Company und der Merce Cunningham Trust eine Zeitkapsel aus dem 20. Jahrhundert.
Bumped into Trisha at the theatre
Rauschenbergs dreidimensionale Videoinstallation tritt aus der Dunkelheit hervor: Zwei Pyramiden flankieren eine zentral platzierte rechteckige Kiste, das gesamte Gebilde wird zur Projektionsfläche für Schwarz-weiß-Tonfilme aus Archivmaterial. Eine Uhr, das Meer, Flugzeuge, Urlaubsaufnahmen – alles in Fragmenten. Die Tonspuren überlagern einander. Wer empfindlich auf Reizüberflutung reagiert, erlebt ein paar herausfordernde Minuten, ehe das Konstrukt in die Höhe gezogen wird und fünf Performende die Bühne betreten. Streng genommen nur vier – eine Person wird überkopf getragen.
Ihre Körper sind in hauchdünne, transparente Kostüme gehüllt, die mit industriellen Motiven in Grautönen besiebdruckt wurden. Kaum wird der schwebenden Tänzerin Boden unter den Füßen gegeben, setzt Laurie Andersons Musikstück “Long Time No See” ein und die Choreografie entfaltet sich scheinbar impulsartig. Sprünge, Drehungen und Schritte, rhythmisch und kraftvoll, wirken wie eine unmittelbare Reaktion auf die Bewegungen der angrenzenden Tänzer und Tänzerinnen. Vom Körper gestreckte Arme und Beine zeichnen Linien und geometrische Figuren in den Raum. Immer wieder kommt es zu ungewollt anmutenden Zusammenstößen. Die in der englischen Sprache auffällige Doppeldeutigkeit von “to bump into each other” – die zufällige Begegnung, die den Kommentar “Long time no see!” bewirken mag – kann wohl kaum ein Zufall sein.
Eine revolutionäre Bewegungssprache
Und doch ist der Zufall zum Greifen nahe: Trisha Browns 1983 im Rahmen des Next Wave Festival aufgeführtes Werk “Set and Reset” bezwingt die Widersprüchlichkeit von Improvisation und Choreografie. Als Pionierin des postmodernen Tanzes arbeitete die US-Choreografin (1936-2017) nach der Methode der “Memorized Improvisation”: Die Entwicklung von Bewegungen aus freier Improvisation und ihre anschließende Einstudierung sollten die Lebendigkeit des improvisatorischen Moments in der Choreografie bewahren. Was sich auf der Bühne des Wiener Volkstheaters entfaltet, ist demnach zufällig und unzufällig zugleich.
Es ist ein Bewegungsrepertoire, das offen und frei wirkt: Hüftschwünge, Rückwärtsrollen, Körperwellen – nichts ist dem Tanz unwürdig. Ganz im Sinne des experimentellen Kollektivs “Judson Dance Theatre”, zu deren Gründungsmitgliedern Brown zählte, sind Alltagsbewegungen essenzieller Teil der postmodernen Choreografie. Eine Philosophie, die in “Set and Reset” auf der musikalischen Ebene durch die regelmäßige Wiederholung der titelgebenden Textzeile unterstrichen wird. Dass der Tanz so abrupt endet, ist beinahe bedauerlich. Immerhin bleibt dem Publikum die Videoinstallation Rauschenbergs während der Verbeugung noch erhalten, ehe das Gebilde nach einer 20-minütigen Pause einem nicht minder innovativen Setdesign weicht.
Cunningham trifft auf Cage und Rauschenberg
Für Merce Cunninghams “Travelogue”, uraufgeführt 1977 im New Yorker Minskoff Theatre, haben drei Personen mit Skripten und Mikrofonen an einem Tisch vor der Bühne im Volkstheater Platz genommen. Kein Publikumsgespräch. Stattdessen entsteht hier die Werkstätte, in der sogleich John Cages Musik “Telephones and Birds” rekonstruiert und adaptiert wird. Wie der Titel des Werks vermuten lässt, handelt es sich bei diesem Stück des Nachkriegs-Avantgardisten um Aufnahmen von Telefonaten und Vogelgesang.
Bevor diese erklingen, wird Rauschenbergs Bühnenbild enthüllt: Das Design “Tantric Geography” umfasst eine Reihe von Holzsesseln auf weißen Plattformen, die von Fahrrad-Reifen auseinandergehalten werden, dahinter eine sattrote Leinwand. Auch die hautengen Einteiler der Performenden wurden von “Bob” in knalligen Farben gestaltet.
Bemerkenswert ist die choreografische Vielfältigkeit des Werks, dessen thematischer Rahmen das Reisen ist. Akrobatik und Ballett werden mit Gesellschaftstänzen und Alltagsbewegungen kombiniert. Ab und an fließen humoristische Momente mit ein – oftmals aufgrund der Klangkulisse. Sämtliche Telefonanrufe werden offenbar an das Band weitergeleitet: “Österreichische Bundestheater, guten Tag. Sie erreichen uns außerhalb unserer Öffnungszeiten”, erklingt eine automatische Anrufbeantwortung, während die Performenden zwischen synchronen und individuellen Bewegungsformen oszillieren. Auch Requisiten kommen zum Einsatz – darunter Flaggen, Stoffe sowie eine Schnur, an der Dosen befestigt sind. Immer wieder verharren die Tanzenden in ihren Positionen, um einen Augenblick später mit einer für Cunningham bezeichnenden Präzision zum nächsten Sprung anzusetzen.
Zwei Kunstwerke – zufällig zeitgleich
Dass Klangkulisse und Choreografie dabei auffallend unabhängig voneinander bleiben, mag störend wirken, sollte jedoch nicht überraschen, zumal die Separierung von Tanz und Musik im Entstehungsprozess zu den innovativen Ideen Cunninghams (1919-2009) zählte. Mit seinem langjährigen Lebenspartner Cage arbeitete er begeistert an der sogenannten Aleatorik – Musik, die das Element des Zufalls zulässt. Ob die Live-Produktion der Klangkulisse im Volkstheater inszeniert ist oder bei der Premiere tatsächlich ein Mitarbeiter von John Harris Fitness das Telefon abhob, bleibt offen.
Fakt ist jedenfalls: Seit 1979 wurde Cunninghams “Travelogue” nicht mehr von einem professionellen Ensemble aufgeführt. Wer Interesse am Schaffen einer bedeutenden Persönlichkeit der Postmoderne hat, sollte sich diese einzigartige Gelegenheit im Volkstheater also nicht entgehen lassen.
Ein Einblick, ein Ausblick
Die kurzweilige ImPulsTanz-Darbietung bleibt freilich bloß eine tanzgeschichtliche Kostprobe. Denn eine 75-minütige, zweifellos gelungene Hommage an ausgewählte Koryphäen kann wohl kaum die künstlerische Fülle rund um Postmoderne, Avantgarde und Judson Church erfassen. Wem “Dancing with Bob” geschmeckt hat, dem bietet sich am 16. Juli eine Möglichkeit für Nachschlag: Im Odeon zeigt der ehemalige Cunningham-Schüler Elio Gervasi mit “Shifting Lines” seine Auseinandersetzung mit Cunningham und Brown. Am 2. August folgt mit Trajal Harrells “Judson Church Is Ringing in Harlem (Made-to-Measure) / Twenty Looks or Paris Is Burning at The Judson Church (M2M)” eine weitere Portion Tanzgeschichte des 20. Jahrhunderts. Und bis 1. November widmet die Kunsthalle Krems Robert Rauschenberg eine umfassende Werkschau.
(Von Selina Teichmann/APA)
(S E R V I C E – “Dancing with Bob: Rauschenberg, Brown & Cunningham Onstage” im Rahmen des ImPulsTanz Festivals im Volkstheater Wien. Doppelaufführung bestehend aus “Set and Reset” und “Travelogue”, Originaldesign und Kostümen von Robert Rauschenberg. “Set and Reset” Choreografie: Trisha Brown. Musik: Laurie Anderson – Long Time No See. Performance: Savannah Gaillard, Burr Johnson, Catherine Kirk, Ashley Merker, Patrick Needham, Jennifer Payán und Spencer Weidie. / “Travelogue” Choreografie: Merce Cunningham. Musik: John Cage – Telephones and Birds. Performance: Savannah Gaillard, Burr Johnson, Claude Johnson, Catherine Kirk, Ashley Merker, Patrick Needham, Jennifer Payán und Spencer Weidie. Termine am 15. und 16. Juli um 21 Uhr. )