ImPulsTanz: Harrell füllt Lücken der Geschichte durch Tanz

29.07.2026 • 05:00 Uhr
ImPulsTanz: Harrell füllt Lücken der Geschichte durch Tanz

Sein Großprojekt “Twenty Looks or Paris Is Burning at The Judson Church” verhalf dem US-Choreografen Trajal Harrell einst zu internationaler Bekanntheit. Eineinhalb Jahrzehnte später bringt der ImPulsTanz nun eines der Werke rund um postmodernen Tanz und New Yorker Ballroomkultur zurück nach Wien, während mit “o’ Music Music” zugleich seine neue musikzentrierte Schaffensphase eingeläutet wird. Im APA-Gespräch erklärt Harrell, warum sein Frühwerk oft missinterpretiert wird.

Die Auseinandersetzung mit zwei voneinander unabhängigen Kapiteln amerikanischer Tanzgeschichte als “Fusion Dance” zu bezeichnen, mag oberflächlich betrachtet schlüssig wirken, und doch ist Harrells “Twenty Looks or Paris Is Burning at The Judson Church” alles andere als eine simple Verbindung zweier Tanzstile. Sein Großprojekt, das neben sieben Performances auch eine Publikation umfasst, ist durch feministische sowie postkoloniale Theorie geprägt. Es sind Arbeiten, in denen der US-Choreograf Lücken der Tanzgeschichte füllt: Voguer aus Harlem treffen auf Performende des frühen postmodernen Tanzes. Eine Begegnung, wie sie freilich nur in Harrells Vorstellung stattfand.

Tanz, der Demokratie hinterfragt

New York in den frühen 1960er-Jahren – Ursprung paralleler Entwicklungen der Tanzgeschichte: Nachdem sich Modern Dance zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Gegenbewegung zum klassischen Ballett durchgesetzt hatte, distanzierten sich erste Tanzschaffende von beiden Stilrichtungen. Experimentelle Arbeitsweisen wurden strikter Technik vorgezogen, Alltagsbewegungen flossen in Choreografien ein. Zwar hatte das Kollektiv rund um Yvonne Rainer, Trisha Brown und Steve Paxton traditionelle Bühnen noch nicht erobert, doch fand es ein Zuhause in der Judson Church in New Yorks Greenwich Village: Geboren war das Judson Dance Theatre, in dem man an die Demokratisierung des Körpers glaubte – jede Bewegung kann Tanz sein, jeder Körper vermag zu tanzen.

Demokratische Prinzipien rund um Teilhabe hinterfragte zugleich andernorts eine Gruppe Menschen, die sich an den Rand der Gesellschaft gedrängt sah. Die Ballroomkultur in Harlem entstand als diskriminierungsfreier Zufluchtsort insbesondere für Schwarze und lateinamerikanische Homosexuelle und Transfrauen. Jugendliche fanden in der nach “Houses” mit “Housemothers” strukturierten Szene Ersatzfamilien. Ausdruck der Community war das Voguing – heute längst etablierte Tanzrichtung, damals ein von Modemagazinen wie der “Vogue” abgeleitetes Bewegungsmuster: ausdrucksstarke Mimik, lineare Bewegungen, die den Körper einrahmen, abrupte Stopps, Verharren in Fashionposen, dazu aufwändige Kostüme – all das wurde in Wettbewerben (“Balls”) zur Schau gestellt, um am Laufsteg des Untergrunds möglichst überzeugend die vorgegebene Kategorie zu verkörpern: “Realness”, “Runway”, “Sex Siren”.

“Hinsichtlich der historischen Darstellung gab es eine Kluft zwischen Judson Dance Theater und Harlem-Ballroom-Kultur”, erklärt Harrell, der zwölf Jahre lang für sein Großprojekt recherchierte. “Was sie in meinen Augen verband, war die Idee, dass alltägliche Bewegungen eine Grundlage für die Schaffung von Tanz sein können. Darüber hinaus versuchten beide Kontexte, das Konzept der Demokratie und die Frage, wer daran teilhaben darf, zu hinterfragen. Durch den Begriff der ‘Realness’ drückte das Voguing aus: ‘Wenn ich will, kann ich so gehen und mich so kleiden, als wäre ich etwas, das ich nicht bin, und beispielsweise als Geschäftsmann oder als ein anderes Geschlecht überzeugen.'” Judson hingegen habe die Definition von Tanz geöffnet und postuliert, alle Bewegungen – Gehen, Sitzen, Stehen, Laufen – könnten Teil davon sein. “Die Auseinandersetzung mit Demokratie fand in den 1960er-Jahren in den USA statt, und diese Fragen tauchen in vielen unserer Kulturen immer wieder auf”, beobachtet Harrell 14 Jahre nach der Premiere von “Judson Church is Ringing in Harlem (Made-to-Measure)” in New York.

Falsche Zuschreibungen und Simplifizierung

Als besonderes Element des Projekts, das durch Kleidergrößentitel seine Verbindung zum Laufsteg betont, visualisiert “(Made-to-Measure)” Vorstellungen einer Person des frühen postmodernen Tanzes, die bei einem Ball in Harlem performt. Was in dieser analytisch-choreografischen Auseinandersetzung jedenfalls nicht entsteht, ist “Fusion Dance” – ein simpler Mix aus Tanzstilen, wie er Harrell oft fälschlicherweise zugeschrieben wurde. “Ich arbeite in meiner Vorstellung und versuche, etwas zu erschaffen, das ich noch nicht kenne.” So habe er sich für “M2M” die Frage gestellt: “How does one give ‘Church'” – “Wie verkörpert man ‘Kirche’? “In der afroamerikanischen Kultur ist ‘to give Church’ eine Handlung. Wie also bringt die Tanzbewegung der Judson Church ‘Kirche’ zum Ausdruck?”

Von der Bezeichnung als Voguer grenzt sich der Gründer des Zürich Dance Ensembles klar ab: “Ich bin kein Voguer, ich habe noch nie bei einem Ball performt. Ich mache zeitgenössischen Tanz. Hier kam es oft zu Verwechslungen. Ich habe mich mit den theoretischen Grundlagen der Ballroomkultur und deren Beziehung zu den theoretischen Grundlagen des frühen postmodernen Tanzes beschäftigt. Ich bin jedoch weder ein postmoderner Tänzer noch ein Voguer, aber mir war klar, dass manche Leute, wenn ich diese Tanzgeschichte bearbeite, aufgrund meiner Hautfarbe annehmen würden, ich sei einer”, so Harrell im APA-Gespräch, in dem er betont, weder für die Ballroomszene noch als Historiker sprechen zu wollen – im Sinne des wertschätzenden Abstands zur Community.

Sprache und Werk im Wandel

Breitere Bekanntheit erlangte Voguing bereits in den 90ern durch Madonnas “Vogue” und Jennie Livingstons Doku “Paris is Burning”, die auch in den Titel von Harrells Projekt Eingang fand. Seit einigen Jahren erleben Ballroompraktiken im Mainstream einen regelrechten Hype. Weshalb? “Nun, es ist eine großartige Kunstform. Auch hat das Internet meiner Meinung nach maßgeblich zur Verbreitung beigetragen. Heutzutage lernen Fernsehserien wie ‘Pose’ und einige Voguer über YouTube. Weiters mögen die Zugänglichkeit von Modenschauen, die wachsende Sichtbarkeit von Transrechten und die neue Sprache rund um Gender eine Rolle spielen.”

Während die Generation Z mit Ausdrücken wie “it’s giving”, “shade” oder “clock it” Ballroombegriffe übernommen hat – teils ohne deren Kontext zu kennen -, ist unter jungen Menschen auch ein sprachlich sensiblerer Umgang mit Identität üblich geworden. “Wir lernen früh, das Geschlecht einer Person unbewusst zuzuordnen”, so Harrell. “Als ich meinen ersten Ball beobachtete, wurde mir klar, dass diese unbewussten Annahmen nicht immer hilfreich waren und auch nicht zwingend zutrafen. Natürlich hatten wir damals noch nicht die heutigen Begriffe wie ‘nicht-binär’ und ‘Gender nonconforming’.” Wer heute die Ballroomkultur beschreibe, greife oft auf diese zurück. “Aber damals benutzte niemand, den ich kannte, diese Begriffe – wir gingen nicht einmal von der Idee ‘queer’ aus.”

Neues wurzelt in der Geschichte

Während gegenwärtige Entwicklungen neue Perspektiven auf das Projekt “Twenty Looks or Paris Is Burning at The Judson Church” ermöglichen, zeigt Harrell, der 2024 den Silbernen Löwen für Tanz in Venedig erhielt, bei ImPulsTanz auch ein Werk seiner neuen, musikzentrierten Schaffensphase. Nach der Uraufführung von “Music Music” bei den Festwochen im Mai kommt das Werk nun als “o’ Music Music” mit Livemusik von Lula Pena ins Odeon. Darin setzt er sich mit seiner eigenen Schaffensgeschichte auseinander.

Mit der Verschiebung des Fokus auf historische Fragen in Richtung Musik hofft er, die Fehlinterpretation “Fusion Dance” zu verabschieden. Trotzdem bleiben Lücken in der Geschichte und historische Unmöglichkeiten weiterhin eine Inspirationsquelle. “Denn eine unserer Aufgaben als Künstler ist es, die Menschen fortwährend zu inspirieren, an das Unmögliche zu glauben. Kunst kann uns an unser menschliches Potenzial erinnern und daran, dass das, was unmöglich erscheint – wie zum Beispiel Frieden -, tatsächlich möglich ist!”

(Das Gespräch führte Selina Teichmann/APA)

(S E R V I C E – “Judson Church Is Ringing in Harlem (Made-to-Measure) / Twenty Looks or Paris Is Burning at The Judson Church (M2M)” im Rahmen des ImPulsTanz im Wiener Odeon. Choreografie: Trajal Harrell. Performance: Trajal Harrell, Thibault Lac und Ondrej Vidlar. Termine am 2. und 4. August um 21 Uhr. Sowie “o’ Music Music. An evening with Trajal Harrell & Lula Pena”. Choreografie, Performance, Kostüme, Bühnenbild, Licht und Sound: Trajal Harrell. Livemusik: Lula Pena. Termine am 7. und 9. August um 21 Uhr. )