Joseph Lorenz brilliert als “heiliger Trinker” in Reichenau

05.07.2026 • 08:08 Uhr
Joseph Lorenz brilliert als "heiliger Trinker" in Reichenau

Nach dem erfolgreichen “Hiob” im Vorjahr widmet sich Regisseurin Alexandra Liedtke bei den Festspielen Reichenau in diesem Sommer nun einem weiteren Stoff von Joseph Roth. Auch bei der “Legende vom heiligen Trinker” brilliert Joseph Lorenz in der Hauptrolle. Die Premiere am Samstagabend im Großen Saal wurde heftig akklamiert.

Liedtke hat die Textfassung der Novelle für die Bühne erstellt und lässt dabei hörbar die Erzählung erzählen – durch die Personen selbst, oft auch aufgeteilt. Das erweckt streckenweise den ermüdenden Eindruck einer szenischen Lesung.

Dass dieser Eindruck nach 100 pausenlosen Minuten nicht überwiegt, ist vor allem der intensiven schauspielerischen Leistung von Joseph Lorenz zu verdanken. Wie Lorenz – sonst oft als soignierter Herr oder eleganter Gentleman im Einsatz – diesen heruntergekommenen Clochard spielt, wie er verzweifelt ein Glas nach dem anderen in sich hineinschüttet, jeden gewonnenen Franc wieder ausgibt und am Ende fast bis zur Unkenntlichkeit verfällt, ist bedrückend und berührt. 

Geschichte eines Alkoholikers als eine Art Märchen

Die Geschichte des obdachlosen Alkoholikers Andreas Kartak ist tatsächlich eine Art Märchen. Ein großzügiger Unbekannter und in weiterer Folge an Wunder grenzende Zufälle verhelfen Andreas zu unverhofftem Reichtum. Doch kann er mit dem Geld nicht umgehen und investiert alles in Alkohol. 

Knapp vor seinem Zusammenbruch hat Andreas eine Vision: Es erscheint ihm die heilige Therese, in der sich auch alle anderen ihm jemals nahen Frauen wiederfinden, gleichsam als Symbolgestalt der Liebe. Julienne Pfeil meistert diese Aufgabe sympathisch unaufgeregt und umso überzeugender.

Pariser Atmosphäre – und Briefauszüge von Zweig an Roth

David Oberkogler wiederum verkörpert das Wunder unter anderem als edler Spender oder freundlicher Polizist. Die Allegorie der Sucht veranschaulicht Oliver Urbanski, etwa als Saufkumpan oder Wirt. Er leitet aber auch das musikalische Geschehen, das Pariser Atmosphäre anklingen lässt.

Zwischendurch werden Auszüge aus Briefen von Stefan Zweig an Roth gelesen, in denen Zweig besorgt an den Freund appelliert, eine Entziehungskur zu beginnen – umsonst, wie wir wissen. Die posthum 1939 in Amsterdam erschienene Novelle war gleichsam Roths literarisches Testament – und endet mit den sarkastisch anmutenden Worten “Gott gebe uns allen, uns Trinkern, einen so leichten und schönen Tod.” 

(Von Ewald Baringer/APA)

(S E R V I C E – Joseph Roth: ” Die Legende vom heiligen Trinker”. Regie und Textfassung: Alexandra Liedtke. Mit Joseph Lorenz, Julienne Pfeil, David Oberkogel und Oliver Urbanski. Festspiele Reichenau, Großer Saal. Weitere Vorstellungen bis 2. August. )