“Komm runter!” im Theater der Jugend – Sicher kein Downer

Mit rund 75 Minuten auf hohem Energieniveau zwischen großem Teenager-Drama und existenziellen gesellschaftlichen Problemen wartet “Komm runter!” im Wiener Theater der Jugend Liliengasse (TdJ) auf. Im Gegenteil zum chilligen Titel des Stücks aus der Feder von Sabrina Myriam Mohamed präsentierte sich das Ensemble bei der Premiere am Freitagnachmittag spielfreudig und agil. Die “Teenie-Clique” mit Migrationshintergrund wurde dementsprechend mit viel Applaus bedacht.
Bei “Komm runter!” handelt es sich um die zweite Produktion im Rahmen der neuen TdJ-Intendanz von Aslı Kışlal. Gleich zu Beginn wird klar, wie stark man sich bemüht, das junge Publikum in seiner Lebensrealität abzuholen. Wenngleich man auch in geschliffenem Schauspielschuldeutsch beginnt, folgt bald der erste kleine Exkurs ins Wienerische in einer seiner 2020er-Jahre-Varianten. Die vier Freundinnen Leilia (Minou M. Baghbani), Hannah (Tara Ewers), Adriana (Violeta Maleo) und Yasmin (Melanie Baljeet Kaur Sidhu) und der Burschenfreunden nicht so zugeneigte Istvan (Fridolin Blasl) bilden jene Gang, die sich am Ende des Schuljahres in ihrem Gemeindebau- und Schulumfeld über so manches wundern darf.
Hohes Tempo und dichte Atmosphäre
Da gibt es die zuletzt etwas erratisch agierenden Eltern, den ausländer- und vor allem muslimfeindlichen Klassenvorstand und den ebenfalls von Mirkan Öncel verkörperten attraktiven, etwas älteren Cousin von Leila namens Navid. Startet der Sommer zuerst mit der Verheißung für viele Cliquenmitglieder auf fünf Wochen Eintauchen in die Familienbande im Süden Europas, in Ägypten oder im Iran, entwickelt sich die Sache dann doch recht anders als gedacht.
Regisseur Niko Eleftheriadis lässt das Ensemble auf der mitten im Zuschauerraum von allen Seiten zugänglichen Bühne viele Meter abspulen und auch textlich ein hohes Tempo einschlagen. So arbeitet man sich mit viel Witz und einigen Inszenierungskniffen durch ebenso viele Themen – vom Kopftuch über die erste Regelblutung bis zur mehr oder weniger in Stein gemeißelten sexuellen Ausrichtung der Gangmitglieder. Da schwirrt durchaus viel durch den sprachlich vielfältig bespielten Raum mit wuseliger Atmosphäre. Wer dem Teenageralter schon ein Stück weit entwachsen ist, den ereilt womöglich eine Art Flashback in Zeiten, als man selbst noch ein Teeniegehirn sein eigen nannte. Die Stimmung der Gleichzeitigkeit und die Dichte der Emotionen versucht man so recht gekonnt einzufangen.
Damoklesschwert über “Sommer in Wien”
Letztlich changiert die Crew nicht nur zwischen Arabisch, Ungarisch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch, Persisch und diversen Jugendjargons Wienerischer Prägung, sondern auch zwischen natürlich übergroßen Problemchen und echten Problemen – mit fließenden Übergängen. Der Weg in Richtung jener Wende, die den Freundesverband dann tatsächlich auf die größte Probe des “Sommers in Wien” stellt, ist mitunter zwar ein wenig verworren, macht schlussendlich aber Sinn und gibt dem Stück eine gewisse Schwere, die die Stimmung aber nicht vollends kippen lässt.
So schafft es die Produktion, jugendtheatergerecht gesellschaftspolitische Themen einzuarbeiten, ohne dabei den ganz großen Zeigefinger zu schwenken. Klar ist, so schön in Wohlgefallen im Sinne der aufgeweckt-woken Gruppe mit ihren vielen, dem Zusammengehörigkeitsgefühl keineswegs hinderlichen kulturellen Hintergründen, löst sich in der Realität bei weitem nicht alles auf. Man ist ja schließlich im Theater – und damit eben doch auch ein Stück weit weg von neu-konservativen und betont rückwärtsgerichteten Tendenzen abseits der Bühne.
(Von Nikolaus Täuber/APA)
(S E R V I C E – “Komm runter” von Sabrina Myriam Mohamed im Theater der Jugend, Liliengasse 3, 1010 Wien. Regie/Bühnenfassung: Niko Eleftheriadis, Bühne/Kostüm: Heike Mondschein, Musik: Siri Thiermann. Mit Minou M. Baghbani – Leila, Fridolin Blasl – Istvan, Tara Ewers – Hannah, Violeta Maleo – Adriana, Mirkan Öncel – Navid, Melanie Baljeet Kaur Sidhu – Yasmin. Weitere Aufführungen bis 13. Dezember. )