Konzerthaus: Marcus Miller & Co huldigten Miles Davis

09.07.2026 • 06:00 Uhr
Konzerthaus: Marcus Miller & Co huldigten Miles Davis

Jazz-Bass-Legende Marcus Miller huldigt derzeit mit einer großen Tribute Tour Miles Davis. Der geniale Jazztrompeter wäre heuer 100 geworden. Der Tourstopp am Mittwoch im Wiener Konzerthaus war schlicht ein Abend der Superlative – die fast vollzählige Band von Davis beim Live-Comeback von 1981 auf der Bühne: Neben Miller Gitarrist Mike Stern, Saxofonist Bill Evans und Perkussionist Mino Cinelu, ergänzt durch fantastische jüngere Musiker, allen voran Trompeter Russell Gunn.

Miles Davis hatte von 1975 bis 1981 eine Konzertpause eingelegt. Als er dann endlich doch wieder live auftrat, rekrutierte er dafür eine Band ausschließlich aus Jungtalenten. Marcus Miller war gerade mal 22, der älteste – Mike Stern – 28. Einzig der damalige Drummer Al Foster war über 30. Die Gruppe absolvierte 1981 eine spektakuläre Tournee unter dem Motto “We Want Miles!”, verewigt auf dem gleichnamigen Live-Album, das 1982 erschien.

“Als ob wir miteinander in die Schule gegangen wären”

“Irgendwie war das, als ob wir miteinander in die Schule gegangen wären”, erzählte Marcus Miller im Konzerthaus. “Und deshalb macht es solche Freude, wieder miteinander zu spielen.” Und es war tatsächlich ein unvergesslicher Abend mit bestens disponierten und gelaunten Musikern. Da stimmen nicht nur Können, sondern auch “Chemie”. Die alten Herren “geigten” auf allen Instrumenten. Trompeter Russell Gunn – wie Davis aus Illinois – entpuppte sich als absoluter Glücksfall für die – sehr großen – Fußstapfen von Miles. Drummer Al Foster ist im Vorjahr verstorben, das Schlagzeug übernahm der bisher wenig bekannte, gleichwohl großartige Anwar Marshall. Und 1981 hatte die Band zwar keinen Keyboarder, bei der jetzigen Tour ist aber Brett Williams an diversen Tasteninstrumenten eine grandiose Ergänzung.

Das Programm bestand natürlich ausschließlich aus Miles Davis-Highlights, zum Start gab es ein Dreier-Set von “Aida”, “Fat Time” und “My Man’s Gone Now”. Es folgten “Catembre” und “Hannibal”, beides Kompositionen von Marcus Miller für Miles Davis. Das war eine Rückschau auf die 1980er-Jahre des Jazz-Trompeters. Dann ging es noch ein Jahrzehnt weiter zurück: “Miles hatte 1969 entschieden, erstmals elektrische Instrumente einzusetzen”, erzählte Miller. Das brachte natürlich einen radikalen Stilwandel zu den akustischen Klängen von vorher. Gewürdigt wurde diese Epoche mit einer Kombi von “Bitches Brew” (1970) – wo Miller die Bassline phasenweise auf einer Bassklarinette spielte – und “In A Silent Way” (1971). Das war der Austro-Aspekt des Abends: Das Stück stammt nämlich von Keyboarder Joe Zawinul, der es in seinem Haus in Erdberg in direkter Bezirksnachbarschaft zum Konzerthaus komponiert hatte.

Absoluter Höhepunkt des Abends war “Jean-Pierre”, dessen Grundmelodie Miles Davis einem französischen Wiegenlied entlehnt hat. Die simple Notenfolge wurde von Miller & Co. für intensivste Improvisations-“Exzesse” genutzt – zur vollständigen Begeisterung des Publikums. Die hochkarätige Zugabe: das ebenfalls von Marcus Miller geschriebene “Tutu”, eine Hommage an den südafrikanischen Bischof Desmond Tutu und dessen Kampf gegen die Apartheid.

(Von Werner Müllner/APA)