Krasanovsky sieht Politik in der Krise, nicht die Kultur

08.08.2026 • 06:00 Uhr
Krasanovsky sieht Politik in der Krise, nicht die Kultur

Mit Josef Maria Krasanovsky bekommt das Bregenzer Theater Kosmos 2027 eine neue Leitung. Derzeit wird dort unter seiner Regie für die Uraufführung von Natalie Baudys Stück “under the influence” am 12. August im Rahmen der Bregenzer Festspiele geprobt. Der Theatermacher stellt im Gespräch mit der APA zur Lage der Kultur fest: “Wir haben keine Kulturkrise. Wir haben eine Krise der Politik, die sich fragt, ob sie Kultur weiter subventionieren soll.”

Noch ist der 1976 in Salzburg geborene Autor und Theaterregisseur dabei, am herausfordernden Wohnungsmarkt eine Bleibe zu suchen, “aber ich freue mich wahnsinnig auf Bregenz, weil ich glaube, dass dieses Haus großes Potenzial hat”. Die Probleme der freien Szene kennt Krasanovsky als “Kind der Wiener Theaterreform” bestens. Seit über 20 Jahren arbeitet er im deutschsprachigen Raum an der Schnittstelle von freiem und institutionellem Theater. Aus dem so über die Jahre entstandenen Netzwerk habe sich auch der Kontakt zum Theater Kosmos ergeben, so Krasanovsky. 2024 wurde hier sein Stück “Mondmilch trinken, immer und jetzt/dein Solarplexus ist mir egal” uraufgeführt, 2023 hat er dafür den Preis der Plattform Theaterallianz erhalten.

Theater Kosmos als “optimales Match”

Die Übernahme der künstlerischen Leitung von den Vorarlberger Theaterlegenden Hubert Dragaschnig und Augustin Jagg ist für ihn ein “optimales Match”, denn “dieser Ort vereint alles, wofür ich als Autor und Regisseur immer gestanden bin: zeitgenössische Stücke, ganz stark autor:innen-affin, immer in Verbindung mit der freien Szene”. Zudem bringe er eine Außenperspektive mit. “Das, glaube ich, tut einem Ort wie diesem immer gut”, befand er. An das Profil des Theater Kosmos als wichtigen Ort für Zeitgenössisches und Diskursives will er anknüpfen. Er habe bereits viele Ideen, spruchreif seien diese noch nicht, nur so viel: “Gerade den gesellschaftlichen Diskurs können wir als kleines Haus etwas weiter treiben, als das eine Landesinstitution kann. Wir können etwas mutiger sein.”

Widerstand gegen Kulturkürzungen …

Für die Zeit ab 2027 würden die Planungen von Stadt und Land derzeit weiter ausgearbeitet, er sehe aber “viel positiven Willen”, einen Kahlschlag bei Kulturförderungen zu vermeiden, so Krasanovsky, selbst wenn gleichbleibende Gelder natürlich Kürzungen bedeuteten. “Noch kleinere Kulturbudgets wären in Wahrheit eine absolute Katastrophe”, betonte er. Das gelte nicht nur für Vorarlberg.

“Man sieht ja, was schrecklicherweise in der Steiermark passiert, was in Oberösterreich passiert. Und wer da stark mitverantwortlich ist, wissen wir auch alle. Und dagegen muss man massiv auftreten. Das darf man sich auch gar nicht gefallen lassen, weil grad systematisch probiert wird, permanent Kunst und Kultur an den Karren zu fahren”, erklärte Krasanovsky. Gegen den “letztklassigen Versuch, Kunst und Kultur in ihrem Wert zu schmälern” müsse jeder eintreten, “der morgen in einer hübschen Gesellschaft aufwachen will”. “Ich finde, wir könnten hier massiv lauter sein, als wir es grad sind”, befand er.

… aber kein Gegeneinander

Er sprach sich angesichts knapper Budgets für eine Lösungssuche mit der Politik “Hand in Hand” aus. Zugleich sei es wichtig, Stopp zu sagen, wenn existenzielle Grenzen erreicht seien. Man dürfe Themen wie die Finanzierbarkeit von Sozialsystem und Gesundheit nicht gegen die Kultur ausspielen, “und das probiert die Rechte grad ganz fleißig”. “Es geht nicht darum: Brauchen wir Spitäler oder Theater? Die Antwort ist sehr simpel: wir brauchen beides”, betonte der Theatermacher. Wenn er höre, dass Kultur nicht mehr finanzierbar sei, mache ihn das wütend, denn “es sind Dinge finanzierbar, die wirklich niemand braucht.” Kultur habe im Unterschied zur Wirtschaft und weil sie aus Individualisten bestehe, aber eben eine schwache Lobby.

Momentan laufen im Theater Kosmos die Proben für “under the influence”. Autorin Natalie Baudy habe einen sprachlich komplexen Text geschaffen, der mit Humor unterfüttert den Umgang mit Alkohol und Sucht anspreche. “Eine Freude ist das wirklich großartige Spielerinnen-Quartett”, so Krasanovsky zum rein weiblichen Cast. Erzählt wird die Geschichte dreier unterschiedlicher Frauen, die in einem Haus zusammenfinden, das von biblischen Plagen heimgesucht wird – es regnet im Lichthof Kröten, einmal sogar Sportsocken.

Gemeinsam diskutieren sie schmerzhafte Erinnerungen, unerfüllte Sehnsüchte und Generationenkonflikte. Zudem mischt als Hausmeisterin die gefallene Göttin Dionysos mit. Eine wichtige Rolle spielt der Exzess, für Krasanovsky “ein wichtiger Bestandteil des menschlichen Seins”, gerade in Zeiten des neuen Biedermeier. “Es kommt zur richtigen Zeit, dass wir uns das Thema Rausch noch einmal ansehen”, so der Regisseur über das Gewinnerstück der Ausschreibung der Theaterallianz, das in Koproduktion mit den Bregenzer Festspielen realisiert wird. Baudy gehe das Thema aus feministischer Perspektive an.

Hoffen auf Fortbestand der Bregenzer Festspiele-Kooperation

Dass das Schauspiel bei den Bregenzer Festspielen aus Spargründen in Frage steht, ist Krasanovsky bewusst. Noch sei keine endgültige Entscheidung kommuniziert, er hoffe jedoch, dass die Kooperation mit der Theaterallianz fortgeführt wird. “Ich glaube, dass unsere Kooperation den Innovationscharakter der Festspiele sehr unterstreicht – bei relativ geringen Budgetmitteln”, sagte Krasanovsky. Dieser Autoren-Wettbewerb bringe die Festspiele nach ganz Österreich, wenn das Stück durch die Bundesländer wandere. Eine Fortführung wäre außerdem ein “starkes Zeichen des Zusammenhalts”.

Zur Frage der Lage der freien Theaterszene in Österreich betonte er: “Wir haben keine Kulturkrise. Wir haben eine Krise der Politik, die sich fragt, ob sie Kultur weiter subventionieren soll. Die freie Szene funktioniert prächtig in ihrer Kreativität.” Die Politik müsse sich aktiv fragen, welche Art von Gesellschaft sie ermöglichen wolle. “Als Kulturschaffende können wir nur sagen, dass wir mit unserem Tun zur Verfügung stehen – that’s it”, so Krasanovsky.

Er sprach sich für eine Erhöhung der Kulturbudgets aus, zudem brauche es bessere Rahmenbedingungen, etwa niedrigere Lohnnebenkosten für Kultur. “Es geht vor allem darum, unsere Lebensrealität zu erleichtern”, betonte er. Grabenkämpfe seien dabei fehl am Platz, man müsse gemeinsam Lösungen suchen, das passiere auch. Derzeit fehle wegen ungewisser Budgets allerdings generell die Förder- und damit eine auch mehrjährige Planungssicherheit.

Innovation und Miteinander als Schlüssel zum vollen Haus

Dass es aus finanziellen Überlegungen vermehrt zu Selbstbeschränkungen von Kulturschaffenden kommt, etwa zu “publikumssicheren” Programmen, glaubte Krasanovsky nicht. Finanzierungsfragen spielten bei der künstlerischen Planung aber immer eine Rolle, “es wäre naiv zu sagen, das ist nicht so”. Rüstzeug für die Zukunft als Theaterleiter hole er sich gerade am Lehrgang “Executive Master in Arts Administration” der Universität Zürich.

“Ich glaube nicht, dass man konservativer werden muss, um die Bude voll zu haben”, war er überzeugt. Man müsse sich Gedanken machen, wie die Begegnung Zuschauer:in und Bühne ausschaue, “dann ist ein Publikum auch zu großen Sprüngen bereit”. Zudem brauchten neue künstlerische Prozesse oft etwas Zeit, um Partner zu finden. “Gut miteinander umzugehen, ist der Schlüssel zu einem vollen Haus. Und gerade in Zeiten wie diesen ist Innovation gefragt”, so Krasanovsky.

(Das Gespräch führte Angelika Grabher-Hollenstein/APA)

(S E R V I C E – “under the influence” von Natalie Baudy im Bregenzer Theater Kosmos, Mariahilfstraße 29. Eine Koproduktion von Theater Kosmos, Bregenzer Festspiele, klagenfurter ensemble und Schauspielhaus Salzburg im Rahmen der Österreichischen Theaterallianz. Regie: Josef Maria Krasanovsky. Premiere am 12. August, 20 Uhr. Weitere Aufführungen am 14., 15. August, jeweils 20 Uhr. Karten unter )