Krieg, Krise, Klima – Forscher zeigt großen Geburtenrückgang

Ein tiefgreifendes Schwinden des Vertrauens in eine gedeihliche Zukunft angesichts umfassender Krisen, Kriege und des Klimawandels lässt weltweit die Geburtenraten drastischer sinken als bisher vielfach gedacht. Das zeigt Tomáš Sobotka vom Institut für Demographie der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in einer Analyse im Fachblatt “Reproductive BioMedicine Online”. Mittlerweile leben rund 2 Mrd. Menschen in Ländern, in denen Frauen im Schnitt weniger als 1,3 Kinder bekommen.
Von einem “freien Fall der weltweiten Fertilitätsraten” spricht Sobotka im Titel seines Überblicksartikels in der Fachzeitschrift. Dass dieser Trend vor allem in Ländern mit mittleren bzw. höheren Einkommen besonders ausgeprägt erscheint, ist an sich nicht neu. Der Forscher weist aber darauf hin, dass bereits rund ein Viertel der Weltbevölkerung in Staaten zuhause ist, in denen die niedrigen Geburtenraten schon zu einem raschen Absinken der Bevölkerungszahlen führen würden, wenn es keine Zuwanderung gebe, heißt es in der Arbeit.
Nachhaltiger Abwärtstrend in vielen Ländern seit 2008
Als Knackpunkt, ab dem sich diese Entwicklung breiter durchsetzt, identifiziert der Forscher nicht etwa die oft genannte Covid-19-Krise, sondern die großflächige Finanzkrise mit ihrem Ausgangspunkt im Jahr 2008. Laut der Analyse ist der aktuell wahrnehmbare Rückgang deutlich “weitreichender, tiefgreifender und dauerhafter als bisher angenommen”, heißt es.
Von den rund zwei Milliarden Menschen, die in einem Land mit sehr niedriger Geburtenrate ansässig sind, lebt das Gros in China mit seinen im Jahr 2024 rund 1,4 Mrd. Einwohnern. Das auch für die Ein-Kind-Politik bekannte Land verzeichnete eine der markantesten Abnahmen bei der Rate in den vergangenen ungefähr 25 Jahren: Im Jahr 2000 lag die Geburtenrate noch bei über 1,6 Kindern pro Frau, jetzt sind es 0,9. Die niedrigsten Werte verzeichnen mit Macao, Südkorea, Hongkong, Singapur und Taiwan vor allem asiatische (Stadt-)Staaten. Darauf folgt Puerto Rico mit dem stärksten Geburtenraten-Rückgang von rund zwei (2000) auf knapp 0,9 Kinder pro Frau im Jahr 2023.
Österreich ist Teil von größer werdender Staaten-Gruppe
Auch u.a. Österreich und die Schweiz finden sich in der Gruppe der Länder mit besonders niedrigen Geburtenraten – wenngleich der Rückgang hierzulande von 1,36 im Jahr 2000 auf im Vorjahr 1,29 Kinder pro Frau nicht so deutlich wie in vielen anderen Staaten ausfiel. Auffällig ist, wie unterschiedlich die Länder in der Liste sind. Neben vielen asiatischen und europäischen Staaten findet man etwa auch lateinamerikanische Länder darin. Ebenso vielfältig sind demnach die möglichen Ursachen für die Entwicklung, so Sobotka.
Wirtschaftliche Verwerfungen sind aber insgesamt sehr bedeutend: “Als Wendepunkt kann die ‘Große Rezession’ von 2008 bis 2010 angesehen werden”, schreibt der Demograph. Damit wurde eine neue Ära niedriger und instabiler Geburtenraten und eine gewisse Abkehr von der Zwei-Kind-Normfamilie eingeläutet. Die Covid-19-Krise, kriegerische Auseinandersetzungen, geopolitische Konflikte, die fortschreitende Klimakrise sowie besserer Zugang zu Verhütungsmitteln, steigende Wohnkosten oder unsichere Arbeitsmärkte bis hin zu neuen Sichtweisen auf Elternschaft oder die Abnahme von echter Interaktion zwischen Menschen zugunsten von Social-Media-Aktivitäten und ähnlichem haben den Prozess seither weiter begünstigt.
Einfache finanzielle Anreize wirken kaum
Das schwindende Vertrauen in die Zukunft wirke sich eben “auch auf Entscheidungen über Partnerschaft und Kinder aus”, wird Sobotka in einer ÖAW-Aussendung zitiert: “Junge Erwachsene äußern heute geringere und weniger feste Kinderwünsche als frühere Generationen.” Vielfach wird die Nachwuchsplanung auch in Ländern mit höheren Durchschnittseinkommen auf einen Zeitpunkt verschoben, wenn gewisse persönliche und wirtschaftliche Voraussetzungen erfüllt sind.
Gleichzeitig sinke in vielen Ländern die Wahrscheinlichkeit, dass diese Ziele überhaupt erreicht werden können. Man habe es vielerorts mit einem Phänomen zu tun, das nun schon länger andauert und durch mehr Faktoren verursacht ist, als vielfach gedacht. Während frühere Einbrüche eher auf zeitlich begrenzte “Schocks” zurückzuführen waren, sei der Abschwung in den vergangenen 20 Jahren nachhaltig. Das sei so von Expertinnen und Experten in dieser Form auch nicht erwartet worden, schreibt Sobotka in seinem Kommentar.
Man sehe in dieser Lage, wie familienpolitische Maßnahmen, um die Kinderanzahl zu erhöhen, zunehmend ihre Wirkung verfehlen: “Wenn sich Kinderwünsche und Vorstellungen von Elternschaft verändern, lassen sich Geburtenraten nicht einfach durch finanzielle Anreize erhöhen”, meint Sobotka. Heben ließe sich die Geburtenrate eher durch gut abgestimmte Maßnahmenbündel rund um leistbares Wohnen, sichere Arbeitsplätze, flexible und hochwertige Kinderbetreuung und moderne Teilzeitmodelle für Eltern.
(S E R V I C E – )