Kritik von Global 2000 zum Umgang mit Chemikalie TFA

01.10.2026 • 16:39 Uhr

Schwere Vorwürfe gab es am Donnerstag von der Umweltschutzorganisation Global 2000 gegen das Landwirtschaftsministerium zur Präsentation des Grünen Berichts im Ausschuss im Parlament. Die NGO kritisierte, dass in dem Bericht die Ewigkeitschemikalie TFA, die etwa als Abbauprodukt von PFAS-Pestiziden freigesetzt wird, völlig fehlt. Die NGO sprach von “beunruhigenden Daten”, die verharmlost werden. Das Ministerium reagierte nach einer APA-Anfrage nun am Donnerstagnachmittag.

In dem Report wird laut Global 2000 als größte Pestizidbelastung des Grundwassers ein Abbauprodukt des Unkrautvernichters Dimethachlor genannt. TFA, “die mit Abstand größte Belastung”, würde hingegen fehlen. “Das ist nur das jüngste von mehreren Beispielen, in denen das Ministerium entscheidende Informationen über Anstieg und Ausmaß der TFA-Belastung nicht darstellt. Die wachsende Bedrohung unserer Trinkwasserressourcen bleibt dem Parlament und der Öffentlichkeit damit verborgen”, sagte Global 2000-Umweltchemiker Helmut Burtscher-Schaden in einer Aussendung. “Dieses Muster hat uns veranlasst, das Versagen des Ministeriums im Umgang mit der TFA-Belastung des Grundwassers in einer Dokumentation aufzuarbeiten und dem Parlament zu übergeben”, kündigte er Donnerstagfrüh an.

Fast an jeder Messstelle TFA

Global 2000 betonte, dass beide Abbauprodukte laut Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) als humantoxikologisch relevant bewertet werden. Für beide gelte somit im Grundwasser derselbe Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter. Das im Grünen Bericht genannte Dimethachlor-Abbauprodukt lag im amtlichen Monitoring 2018 bis 2022 an etwa jeder 15. Messstelle darüber. TFA allerdings an praktisch jeder: an 98,9 Prozent der untersuchten Messstellen, so Global 2000. 2024 erreichte TFA im Mittel das 24-Fache des Grenzwerts.

“Der Grüne Bericht informiert über die Situation der österreichischen Land- und Forstwirtschaft, mit Fokus auf die Einkommensentwicklung”, wurde vonseiten des Ministeriums betont. Darin werden “in erster Linie die in Verkehr gebrachten Wirkstoffmengen, aggregiert nach Wirkstoffgruppen, veröffentlicht, keine Metaboliten wie TFA”, hieß es in einem Mail an die APA.

Global 2000 kritisierte zudem, dass auch der Wassergütebericht, den das Ministerium im Juli veröffentlicht hatte, Entscheidendes weglasse. Er stelle die 2024 gemessene TFA-Belastung zwar dar. Dass Österreich bereits 2018/2019 eine vergleichbare Messserie durchgeführt hatte, werde in dem Bericht jedoch nicht erwähnt. “Damit bleibt unsichtbar, dass sich die Belastung mit dieser gefährlichen Ewigkeitschemikalie im österreichischen Grundwasser in nur fünf Jahren mehr als verdoppelt hat – und dass sich der Anstieg nach allen verfügbaren Daten beschleunigt”, zeigte Burtscher-Schaden auf.

“Wir nehmen diese Erkenntnisse sehr ernst”, hieß es aus dem Ministerium zu der Zunahme der Werte. Gleichzeitig sei eine sachliche Einordnung wichtig. “Die Zahl der direkt vergleichbaren Messstellen ist gering und die Messstellen wurden gezielt in potenziell belasteten Gebieten ausgewählt. Die Ergebnisse lassen daher keine allgemeine Aussage über die Entwicklung des gesamten österreichischen Grundwassers zu.”

Kritik auch an der AGES

Problematisch sieht Global 2000 auch die Kommunikation der AGES, deren Eigentümerrechte das Landwirtschaftsministerium gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium wahrnimmt. Statt des Mittelwerts der aktuellen Messserie von 2,4 Mikrogramm pro Liter nennt sie auf ihrer TFA-Informationsseite einen Mittelwert über sämtliche Proben seit 2018: 1,4 Mikrogramm pro Liter. Diese Darstellung würde sowohl den steilen Anstieg als auch das aktuelle Ausmaß der Belastung verschleiern, so die Umweltschutzorganisation. Gleichzeitig seien mit dem letzten Update der AGES-Seite der bisher strengste gesundheitlich abgeleitete Trinkwasser-Richtwert Europas – der niederländische Wert von 2,2 Mikrogramm pro Liter – und die Empfehlung, TFA weiterhin als humantoxikologisch relevanten Metaboliten zu behandeln, verschwunden. Außerdem relativiere die AGES die gesundheitliche Bedeutung von TFA mit Vergleichen, die mit einer wissenschaftlichen Risikobewertung unvereinbar seien, um dann zu schlussfolgern, TFA stelle “kein Gesundheitsrisiko für die Menschen” dar, sondern sei “ein Umweltproblem”. Das Ministerium betonte dazu lediglich, dass die AGES komplexe, wissenschaftliche Informationen in einfach verständlicher Sprache zugänglich mache und diese “Informationen werden entsprechend neuen Erkenntnissen immer wieder aktualisiert”.

Global 2000 betonte, die EU-Agenturen würden TFA inzwischen schon deutlich strenger bewerten. “Der zuständige Ausschuss der Europäischen Chemikalienagentur ECHA empfiehlt, TFA als fortpflanzungsgefährdend einzustufen. Die Lebensmittelbehörde EFSA hat die tolerierbare tägliche Aufnahmemenge um mehr als 70 Prozent gesenkt”, so Burtscher-Schaden.

NGO ist für Verbot von Flutolanil

Global 2000 kritisierte auch den Umgang mit dem PFAS-Pestizid Flutolanil. Ende 2024 schlug die EU-Kommission vor, die Genehmigung von Flutolanil nicht zu verlängern. Grund waren ungeklärte Risiken durch TFA im Grundwasser und in landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Österreich hat wie zwölf andere Länder keine Stellungnahme zu einem Verbot abgegeben, wie aus der parlamentarischen Folgeanfrage von Olga Voglauer, Landwirtschaftssprecherin der Grünen, im Oktober 2025 hervorging. Einem Vorschlag vonseiten der EU für eine technische Verlängerung bis zum 15. Juni 2027 stimmte Österreich zu. Totschnig dazu in der Anfragebeantwortung: “Im Überprüfungsbericht zu Flutolanil geht die Europäische Kommission davon aus, dass Flutolanil TFA freisetzt und dieses aufgrund seiner hohen Persistenz und Mobilität in das Grundwasser gelangt. Ob dies in weiterer Folge aber zu einer Überschreitung des regulatorischen Grenzwerts von 0,1 μg/l (Mikrogramm pro Liter, Anm.), der formal für jede einzelne Indikation gilt, führt, ist nicht angegeben und auch nicht bekannt.”

Das Ministerium betonte, dass die Verlängerung der Genehmigung von Flutolanil im Rahmen eines rein verfahrensrechtlichen Schrittes erfolgt sei, damit das laufende Erneuerungsverfahren ordnungsgemäß abgeschlossen werden kann und stelle “keine Vorentscheidung über den Wirkstoff dar”. So könne die Entscheidung auf Basis einer vollständigen fachlich-wissenschaftlichen Bewertung des Wirkstoffs und seiner Eigenschaften getroffen werden, einschließlich der Bildung von TFA. “Der Vorschlag der Kommission zur Nichterneuerung wird davon unabhängig weiter im Ständigen Ausschuss diskutiert.”

“Der Minister schützt Pestizidzulassungen statt unser Grundwasser. Damit stellt er die Vorsorge auf den Kopf: TFA liegt längst flächendeckend über dem Grenzwert – trotzdem verlangt er den Nachweis, dass jede einzelne Pestizidanwendung für sich diesen Grenzwert überschreitet”, sagte Burtscher-Schaden. Bei konkreten EU-Vorhaben könne der Nationalrat dem zuständigen Minister nach Art. 23e B-VG eine verbindliche Position vorgeben und damit auch Österreichs Haltung bei EU-Entscheidungen über Pestizidwirkstoffe festlegen, wie die bindende Stellungnahme zu Glyphosat aus dem Jahr 2017 gezeigt habe, argumentierte Global 2000.

Deshalb ersuchte die NGO am Donnerstag die Abgeordneten, diese Möglichkeit zum Schutz der wichtigsten Trinkwasserressource auch bei künftigen EU-Entscheidungen über TFA-bildende Pestizide in Anspruch zu nehmen. Außerdem verlangte Global 2000 die Überprüfung der in Österreich zugelassenen TFA-bildenden Pestizide sowie die vollständige Offenlegung der TFA-Messdaten.