Lagarde und Van der Bellen fordern Kapitalmarktunion für KI
EZB-Präsidentin Christine Lagarde und Bundespräsident Alexander Van der Bellen haben am Montag in Wien den raschen Ausbau der EU-Kapitalmarktunion gefordert. Mangelnde Finanzierung gefährde die technologische Souveränität Europas bei Künstlicher Intelligenz (KI), warnte Lagarde bei der Veranstaltung “Hofburg im Dialog”. Van der Bellen betonte vor Wirtschaftstreibenden, dass angesichts knapper Staatsfinanzen private Investitionen entscheidend seien.
Lagarde zog in ihrer Rede Parallelen zur Gründerzeit vor 1873, als europäisches Erspartes den Eisenbahnbau in den USA finanzierte. Derzeit würden Haushalte im Euroraum rund 440 Mrd. Euro an US-Technologiekonzernen halten, während europäische Ersparnisse von jährlich 1,4 Billionen Euro mangels tiefer Finanzmärkte ins Ausland abfließen würden. Den Investitionsbedarf, um den Rückstand bei Rechenzentren und Chips in den nächsten zehn Jahren aufzuholen, bezifferte die EZB-Präsidentin auf bis zu 600 Mrd. Euro. Ohne eigene Kapazitäten drohe Europa eine Abhängigkeit von ausländischen Technologieanbietern.
Lagarde: KI-Einsatz beschleunigen
Ein schneller Einsatz von KI könne das Produktivitätswachstum im Euroraum über ein Jahrzehnt um bis zu 4 Prozent steigern, sagte Lagarde. Dies sei notwendig, um den Arbeitskräftemangel abzufedern. Bundespräsident Van der Bellen rief die anwesenden Unternehmenschefs auf, selbst aktiv zu investieren, Personal einzustellen und innovativ zu sein.
Beide hoben hervor, dass fehlendes Risikokapital in Europa junge Technologieunternehmen seit Jahrzehnten in die USA treibe. Nur ein integrierter europäischer Kapitalmarkt könne das private Ersparte mobilisieren, um die technologische Unabhängigkeit des Kontinents zu sichern. “Wir brauchen einen echten europäischen Kapitalmarkt, eine echte Kapitalmarktunion”, sagte Van der Bellen.
Kocher mahnt bessere Rahmenbedingungen an
In der anschließenden Podiumsdiskussion unterstrich Nationalbank-Gouverneur Martin Kocher die Dringlichkeit, privates Kapital gezielter in europäische Zukunftsprojekte zu lenken. Risikokapital allein reiche nicht aus, Europa benötige verlässliche Rahmenbedingungen, eine gesicherte Energieversorgung und eine Entlastung der Betriebe. Regulierung müsse künftig konsequenter darauf ausgerichtet werden, Innovationen zu fördern statt sie zu hemmen.
Herlitschka: Eigene globale Stärken ausspielen
Die Vorstandsvorsitzende von Infineon Austria, Sabine Herlitschka, warnte vor ausufernden Bürokratiehürden im EU-Binnenmarkt. Europa verfüge bei Schlüsseltechnologien wie der Mikroelektronik über globale Stärken, müsse diese aber auch ausspielen. Es gelte, Regulierung künftig gezielt als “Hebel für Wettbewerbsfähigkeit” einzusetzen, um im globalen Wettbewerb mit den USA und China zu bestehen. Zudem nannte Herlitschka den Zugang zu leistbarer, grüner Energie als Grundvoraussetzung für die industrielle Transformation.
Johannes Brandstetter, Mitgründer des KI-Start-ups Emmi AI, wies auf die gravierenden Hürden bei der Skalierung junger Technologieunternehmen hin. Während Frühphasenfinanzierung in Europa vorhanden sei, fehle Risikokapital für spätere Wachstumsphasen, was viele Gründer nach wie vor in die USA dränge. “Wir müssen viel größer denken”, forderte Brandstetter mit Blick auf europäische KI-Initiativen.
Lagarde wart vor KI-Abhängigkeit von USA
EZB-Präsidentin Lagarde warnte eindringlich davor, KI-Technologien lediglich aus den USA oder China zu importieren statt selbst zu entwickeln. Wenn KI künftig Kernbereiche von Logistik, Steuerprüfungen und Bankwesen steuere, würde ein Entzug des Zugangs die gesamte Wirtschaft gleichzeitig treffen. “Das ist ein Druckmittel einer Art, wie es noch kein Handelspartner jemals gegenüber Europa in den Händen hatte”, sagte die EZB-Präsidentin. Für Europa bestehe die Gefahr, mangels eigener Systeme beim Wachstum zurückzubleiben oder sich in eine gefährliche technologische Abhängigkeit zu begeben.