Liddell untersucht bei den Festwochen die Lust am Sterben

Wenn die spanische Performancekünstlerin Angélica Liddell die Bühne betritt, sind Triggerwarnungen quasi Pflicht. Anlässlich von “Seppuku. Die Beerdigung von Mishima oder die Lust am Sterben”, das am Donnerstag bei den Wiener Festwochen im Volkstheater Premiere feierte, wurde das Publikum vor Themen wie Tod und Suizid gewarnt, aber auch vor Nadeln, Blut und Sex. Auch die Nummer der Telefonseelsorge durfte nicht fehlen. Nach zwei Stunden war klar: Es ist drin, was draufsteht.
Mit ihrem radikalen Körpertheater war Liddell immer wieder Gast der Festwochen, man erinnert sich etwa an “Wendy-Syndrom”, “Scarlet Letter” oder zuletzt vor zwei Jahren “Liebestod”. Diesmal hat sich die 60-Jährige dem Werk des japanischen Autors Yukio Mishima (1925-1970) verschrieben. “Seppuku” ist der Begriff für eine Form des rituellen Selbstmords, die einst in Japan vor allem von Samurai praktiziert wurde. Anhand von Auszügen aus Mishimas Texten “Patriotismus” und “Der Held der See” untersucht Liddell also, wie sie nicht müde wird zu betonen, die Schönheit der Verquickung von Tod und Lust.
Spielarten von Suizid und Sex
Die von Liddell selbst konzipierte Bühne deutet in reduzierter Form einen japanischen Garten an: Die weiße Spielfläche ist großzügig mit rotem Granulat eingerahmt, aufgetreten wird durch einen angedeuteten Laubengang. “Nur Sex und Tod konfrontieren uns mit den Grenzen des Körpers”, schreibt Liddell im Programmheft. Und: “Selbstmord ist ein Moment maximaler Vitalität”. Und so spielt sie – meist nackt – im Laufe von zwei sehr langen Stunden verschiedene Varianten des Suizids durch, gepaart mit Spielarten der Lust. Unterstützt wird die Performerin dabei von dem androgynen japanischen Schauspieler Ichiro Sugae und seinen Kollegen Kazan Tachimoto und Masanori Kikuzawa.
Sie schlüpfen in die Rolle von stoischen Samurai, lüsternen Liebhabern und wandelnden Stichwortgebern, wenn sie Liddell etwa jene Kleidungsstücke von Selbstmörderinnen und Selbstmördern bringen, deren Geschichten die Künstlerin von einem Zettel abliest. Mit großer Geste schlüpft sie in T-Shirts, wickelt sich in Schals oder zwängt sich in Kleider. Hintergrund ist ein Erlebnis vom 7. Jänner 2024, als Liddell in Madrid Zeugin eines Selbstmords wurde. “Zu Ingmar Bergman wurde als Kind gesagt: ‘Wenn du an den Ort gehst, an dem sich jemand das Leben genommen hat, kannst du erfahren, wann du sterben wirst'”, heißt es im Programmheft. Und so werden die Kleider zu jenen Orten, an denen Liddell mit den Toten in Verbindung tritt und immer wieder laut fragt: “Wann werde ich sterben?”
Homoerotische Bodenkämpfe
Wie nah Sex und Tod beieinanderliegen, wird nicht nur immer wieder behauptet, sondern auch lustvoll ausgespielt. Homoerotische Bodenkämpfe und Schamlippen als Aschenbecher inklusive. Was es allerdings mit dem Bodybuilder Alberto Alonso Martinez auf sich hat, der im knappen Höschen seine enormen Muskeln spielen lässt und so einen Extremkontrast zu den schmächtigen japanischen Performern bildet, bleibt ebenso ein Rätsel des Abends wie eine live durchgeführte Blutabnahme. Und so nützt sich dieser Abend recht bald nicht nur thematisch, sondern auch ästhetisch ab. Am Ende stand großer Jubel für großen Körpereinsatz.
(Von Sonja Harter/APA)
(S E R V I C E – Wiener Festwochen: “Seppuku. Die Beerdigung von Mishima oder die Lust am Sterben” von Angélica Liddell im Volkstheater. In spanischer und japanischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln. Weitere Termine: 12. und 13. Juni, 19.30 Uhr. )