“Linzer Torte” widersetzt sich der Bürokratie

Mehlspeisen und Bürokratie – das haben wir in Österreich seit Kaisers Zeiten perfektioniert. Nach dem “Derby” im Vorjahr setzt David Bösch heuer einer kalorienreichen Linzer Spezialität ein Denkmal aus eigener Feder. “Linzer Torte mit Schlag” ist eine Geschichte über Eigenständigkeit und Widerständigkeit, aber vor allem ein witziger Abend mit viel Lokalkolorit und Musik, garniert mit einer Lovestory. Die Uraufführung am Samstag im Linzer Musiktheater schmeckte dem Publikum.
Mehlspeisen sind für die Herrschenden nicht ungefährlich. Man bedenke die Rolle des Kuchens beim Losrollen der Französischen Revolution. Die Linzer Torte – Mürbteig, Ribiselmarmelade, 1653 erstmals erwähnt – ist politisch auch nicht ohne. Im Vergleich zur elitären Sachertorte ist sie nicht nur verdauungsfördernder, sondern kommt auch subversiver daher, ungeschliffen, ohne fixes Rezept. Ein Alptraum der Bürokraten vom “Ministerium für kulinarische Angelegenheiten und süßliche Kulturfragen”, repräsentiert von einem gestrengen kaiserlichen Prüfer (Christian Higer), der alles testet außer den Geschmack, und der in dem Gebäck einen Quell des republikanischen Widerstands und der Anarchie vermutet, allerdings mit Ribiselmarmelade korrumpierbar sein könnte.
Linzer-Torten-Franchise
Angefixt von einem rätselhaften Brief kommt der Amerikaner Jackson (Christian Taubenheim) in das Land der Mehlspeisverordnungen. Er ist auf der Suche nach der Linzer Torte, in seinem Gehirn klingelt schon die Kasse, er will das Originalrezept finden und eine Franchisekette damit aufziehen. In der Backstube von Franziska “Franzi” Schlingdrak – in Anlehnung an die Linzer Traditionskonditorei Jindrak – macht er sich in Denglisch mit oberösterreichischem Zungenschlag auf die Suche nach der Geheimzutat, muss aber feststellen, dass selbige schwer fassbar ist. Dafür verknallt er sich Hals über Kopf in die resolute Franzi (Angela Waidmann), die von den Franchiseplänen so gar nichts hält.
Gelenkt werden Jacksons Wege in Ober-Upper-Austria vom Geist seiner Tante Mary und einem ominösen Grenzbeamten/Hotelportier (wieder Christian Higer). In Franzis Backstube träumt Magda (wieder Marlena Reinwald) von der großen Welt und ihrem Alejandro, Ferdinand (Kaspar Simonischek) von Magda. Die Musik reicht von nestroyhaften Couplets über Pop bis hin zu Schlagerschnulzen – wenn etwa Ferdinand wie “Schlagobers im Regen” zerfließt oder Jackson “Dein ist mein ganzes Herz.” schmettert.
Liebe zum Detail auch in der Pause
Bedingt durch den Umbau an der Promenade läuft die Schauspielproduktion in der BlackBox des Musiktheaters. In der Pausenlounge, wo Kaffeehausmöbel samt rosa Schleifchen stehen, frönen Spartenleiter Bösch und Bühnenbildner Patrick Bannwart der Liebe zum Detail. Hier sieht es aus wie nach einer Tortenschlacht. Auf der Pausenbühne spricht der Kaiser zu seinem Volk und lässt sich über die Prüfung der Linzer Torte informieren. Schräge Pflückrezepte hängen an der Wand – zum Beispiel für die Culinary-Fusion-Kreation Linzer Sachertorte – und man darf seine Nase in die Küchenkredenz stecken sowie die Bühnenmusik nachhören.
Nach der Pause geht es mehr um die Liebe als die Torte. Jackson sucht die Romantik, aber “In Europa heißt romantisch meistens, dass am End irgendwer stirbt”, ist Franzi da recht unempfänglich für Süßholz. In dem Lied “Singt für Gretchen” geht es um die vielen literarischen Frauenfiguren, die am Ende romantischer Tragödien sterben mussten – so wollen die Linzer-Torten-Bäckerinnen nicht enden. Schließlich ist Linz auch die “Hauptstadt aller Dinge, die sich nicht regieren lassen”. Und nur so als Hinweis zum Schluss: Auch bei der Frage “mit oder ohne Schlag?” lässt man sich in Linz nix vorschreiben, goi?
(Von Verena Leiss/APA)
(S E R V I C E – “Linzer Torte mit Schlag” von David Bösch, Inszenierung: David Bösch, Bühne: Patrick Bannwart, Kostüme: Bianca Sarah Stummer, Musik: Joachim Werner. Mit Christian Taubenheim (Jackson), Christian Higer (Leopold/Lorenz/Prüfer), Marlena Reinwald (Magda), Kaspar Simonischek (Ferdinand), Angela Waidmann (Franziska), Lutz Zeidler (Kaiser), Joachim Wernhart (Bote/Hofmusiker). Weitere Vorstellungstermine: 22., 24., 25., 26., 29., 30. September, Linzer Musiktheater, BlackBox. )