Erste Favoritinnen bei Wettlesen um den Bachmann-Preis

26.06.2026 • 16:47 Uhr

Ein Autorinnen-Quartett darf sich nach den ersten beiden Lesetagen der 50. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt gute Preischancen für Sonntag ausrechnen. Zu Jovana Reisinger und Kinga Tóth, den Publikumsfavoritinnen des ersten Tages, gesellten sich am Freitag Lena Schätte und Magdalena Schrefel, die für ihre Texte viel Jurylob erhielten.

Lena Schätte kam auf Einladung von Thomas Strässle nach Klagenfurt. Ihr Text “Was wir tragen” erzählt von zwei dicken, noch zur Schule gehenden Mädchen und ihren Problemen. “Manchmal möchte ich klein sein und zierlich”, heißt es von der Ich-Erzählerin, die von ihrer Freundin, der noch viel gewichtigeren Else, lernt, dass man sein Gewicht auch als Waffe einsetzen kann. Doch Body-Positivity ist nicht einfach.

“Literarische Superkraft”

Die Jury zeigte sich fast einhellig angetan. Laura de Weck war “begeistert” von der “literarischen Superkraft” der Autorin, Strässle ortete “große Literatur” und lobte die “unheimlich existenzielle Wucht, die hier hinter jedem Wort steht”. Philipp Tingler fand den Text “großartig” und “im besten Sinne eigenartig”. Mithu Sanyal lobte die “Erzählökonomie” des Textes, der in den Auslassungen viel erzähle, sowie die Verbindung von “großer Brutalität und großer Zärtlichkeit”. Mara Delius fand die Anlage sehr konventionell, aber “interessant, wie in lakonischer Form eine extreme Form von Fiesheit und Radikalität reinkommt”. Brigitte Schwens-Harrant hielt den Text für “sehr gut gemacht”, Klaus Kastberger stimmte grundsätzlich mit ein, warnte aber vor allzu großer Ergriffenheit und brachte eine “klitzekleine” allgemeine Warnung vor Selbsterfahrungsliteratur an.

“Erzählerische Pracht” oder “Neuköllner Biedermeier”?

Ozan Zakariya Keskinkılıç, der von Mara Delius eingeladen wurde, erzählte in “Vater ohne Sohn” von einem 46-jährigen schwulen Mann, seinem 23-jährigen Lover Elijah und seiner Freundin Azadeh. Die Jury zeigte sich mehrheitlich beeindruckt. “Was für eine erzählerische Pracht!”, begeisterte sich Klaus Kastberger. Thomas Strässle lobte den “überaus virtuosen, extrem anspielungsreichen Text”. Mara Delius zeigte sich angetan, u.a. von der “hohen Poetik” und der “großen Zärtlichkeit” des Textes, Laura de Weck von der “konkreten Sinnlichkeit”. Kontra gab es von Philipp Tingler, der den Text als Beispiel für “die neue Konvention” und das “Neuköllner Biedermeier” bezeichnete.

Landschaft als Resonanzraum

Die Schweizerin Seraina Kobler las mit “Rifugio” einen Text, in dem idyllische alpine Natur mit Szenen unter den Bewohnern dieses vermeintlichen Paradieses kontrastiert wird. “Die Straße ins Paradies, eine Sackgasse”, lautet der Anfangssatz. Tingler, der den Text eingeladen hatte, ortete in ihm “eine Durchlässigkeit von Mensch und Landschaft, Tier und Geschichte” sowie “eine Erhebung des Geistes über die Erinnerung”. Tingler hatte Mara Delius auf seiner Seite, die die Verwendung von “Landschaft als eine Art psychischer Resonanzraum” interessant fand, auch von Laura de Weck gab es Lob. Kritik kam dagegen von Mithu Sanyal, Thomas Strässle, Brigitte Schwens-Harrant und Klaus Kastberger. “Der Rhythmus erzeugt eine sehr pathetische, getragene Stimmung”, kritisierte Kastberger “typische Erhabenheitsmetaphern”.

“Grandiose Beiläufigkeit”

Magdalena Schrefel eröffnete die Nachmittags-Session mit ihrem Text “Kirschen, Herz mit Verband”, in dem die Anfangssätze “Ich weiß es, bevor ich es weiß. Ich weiß es, weil ich die Statistik kenne. Ich weiß es, weil ich eine Familiengeschichte habe”, sich, wie sich rasch herausstellt, auf eine Brustkrebs-Diagnose der Ich-Erzählerin beziehen, über die diese in so origineller wie poetischer Weise reflektiert.

Vom Publikum gab es viel Applaus, von der Jury viel Lob. Laura de Weck, die die Einladung ausgesprochen hatte, zeigte sich “begeistert von der literarischen Kraft” und der mehrschichtigen Bildersuche. Der Text suche selbst nach bildgebenden Verfahren, hatte Mara Delius ähnliche Gedanken zu dieser “Autofiktion, die viele Motive aufgreift”, und fand den Text “extrem anrührend, weil er extrem kühl, fast sachlich von dieser furchtbaren, fast allgegenwärtigen Krankheit erzählt”. Auch Mithu Sanyal zeigte sich”sehr beeindruckt”, u.a., weil “die Schwierigkeit des Sprechens bereits im Text enthalten” sei.

Schwens-Harrant zeigte sich fasziniert, Strässle lobte das “sehr komponierte Sprechen”, hatte aber “ein kleines Problem bei den Bildern”. Kastberger hob den “immens literarischen Ansatz” hervor: “Ich finde es super, dass er nicht das Pathos des Überlebens. Die Kategorie der Beiläufigkeit ist die riesige Stärke des Textes. Es ist ein beiläufiger Triumph über den Tod. Grandios!” Wie so oft wollte Tingler in den Lobeschor nicht mit einstimmen. Er ortete “ein sehr sorgfältig konstruiertes literarisches Produkt” und gab “eine gewisse Skepsis zu Protokoll”.

“I’m a fan!”

Den Abschluss machte die von Mithu Sanyal eingeladene Caroline Rosales, in deren Text “Das Schiff des Theseus” eine reiche Ich-Erzählerin sich an einen von ihr als Callboy engagierten Stripper wendet: “Du heißt Kevin, und das ist nicht gut. Dein Name ist ein Klassismus, eine Hässlichkeit, eine Diagnose, ein Abdruck, ein Kevinismus, ein Imperativ, unangenehm berührt auf dich herabzublicken.” Das Erzähl-Ich sucht immer größere Nähe zu ihm, im Bewusstsein der Sinnlosigkeit ihres Unterfangens.

Als einzige sah Schwens-Harrant in der Jury-Diskussion in Kevin eine Erfindung, “ein erfundenes Du mit einer erfundenen, klischierten Herkunft”: “Wir wissen über das Du nur das, was wir von dem Ich wissen. Aber auch beim Ich ist viel Klischee drinnen, das nicht gebrochen ist.” Das bleibt ebenso unkommentiert wie unwidersprochen.

Der Rest zeigte sich angetan von der Umkehrung des traditionellen Machtgefälles zwischen Frau und Mann (Laura de Weck) und der Umkehrung des Blickes zum “Female Gaze” (Mara Delius). Strässle hielt es gut, dass der Verlauf “des dialektische Ringens” unklar bleibe. Und erstaunlicherweise gab es nach der zehnten Lesung dieses Jahrgangs, in dem in jedem zweiten Text Flecken auftauchen, wie nicht nur Kastberger auffiel, erstmals Konsens zwischen Kastberger (“Super Text! Lustig!”) und Tingler. Der Schweizer Juror lobte den zugrunde liegenden Nihilismus, “ein kulturelles Motiv unserer Zeit, mit dem sich die Literatur viel zu wenig befasst. Doch dann kommt Kevin und wir bekommen einen Einblick. I’m a fan!”

Das Wettlesen wird am Samstag mit vier Lesungen beendet. Am Start sind mit Christoph Szalay und Wolfgang Popp auch zwei Österreicher. Die Preisvergabe findet am Sonntag statt.

(S E R V I C E – )