Militärexperte kritisiert Entlassung von Fedorow

Die Entlassung des ukrainischen Verteidigungsministers Mychajlo Fedorow ist nach Ansicht eines Militärexperten “ein Schuss ins eigene Knie”. Er könne sich diese Entscheidung von Präsident Wolodymyr Selenskyj “nur politisch” erklären, sagte Gustav Gressel von der Landesverteidigungsakademie Wien im Gespräch mit der APA. Ein Konflikt zwischen Fedorow und Armeechef Olexander Syrskyj gilt als Hintergrund für den vorgenommenen Wechsel an der Spitze des Verteidigungsministeriums.
Fedorow habe zwar keinen militärischen Hintergrund. Er hatte nach Ansicht von Gressel aber ein besseres “Verständnis von der Ressourcenlage” sowie auch “ein höheres strategisches Verständnis” als Syrskyj aufgewiesen. Eine “Rekordsumme an finanziellen Zusagen der internationalen Partner und an Verträgen für die verteidigungsindustrielle Kooperation zwischen der Ukraine und westlichen Unternehmen” seien ihm “zu einem sehr großen Teil zu verdanken”.
Demonstrationen für Wiedereinsetzung des Verteidigungsministers
Auch der derzeitige erfolgreiche Drohnenkampf trage die Handschrift Fedorows, der frühere Digitalminister war. Ein stellvertretender Kommandant der ukrainischen Luftstreitkräfte, der als der Strippenzieher der ukrainischen Abfangdrohnen-Streitkraft galt, trat nun ebenfalls zurück. Er bezeichnete die Abberufung Fedorows als “ein großes Übel für die Verteidigungsfähigkeit” der Ukraine.
Fedorow sei bestrebt gewesen, “unter geringstmöglichen ukrainischen Verlusten dem Gegner weit höhere Verluste zuzubringen und so asymmetrisch den Krieg zu gewinnen”. Viele der Demonstranten, die nun seit Tagen für eine Wiedereinsetzung des Verteidigungsministers auf die Straßen gehen, seien junge Menschen, deren Angehörige im Krieg seien. Es seien junge Frauen, die nicht wollen, “dass ihre Männer für irgendwelche sinnlosen Landstreifen geopfert werden”.
Dass man Fedorow nachsagt, bei der Reform zur Mobilmachung versagt zu haben, ist für Gressel noch “zu früh zu sagen”. Eine solche Reform sei “eine langfristige Sache”. Das neue Mobilisierungsgesetz wurde im Mai verabschiedet. Das Gesetz verpflichtet alle Männer im wehrfähigen Alter unter anderem dazu, sich in einer landesweiten digitalen Datenbank von Wehrpflichtigen zu registrieren. Immer wieder tauchten seither Berichte auf, wie Männer in Militäruniform Rekruten auf offener Straße in Busse zerrten und abtransportierten. Doch die regionalen Rekrutierungsbüros unterstehen eigentlich Syrskyj, erläutert Gressel. “Das, was man Fedorow vorwirft, dass er nicht erreicht hat, wäre eigentlich Syrskyjs Aufgabe gewesen.”
“Kräfteverschwendung” durch Festhalten an Städten
Syrskyj sei zwar “ein guter Taktiker”, allerdings habe der Armeechef auch “schwer nachvollziehbare Entscheidungen” getroffen, erklärte Gressel weiter. So habe etwa er zu lange an der ostukrainischen Stadt Bachmut festgehalten. Die Schlacht, die ab August 2022 zehn Monate dauerte, habe “nur herbe Verluste” gebracht. Im darauffolgenden Jahr habe es dazu geführt, dass die Ukrainer für eine Gegenoffensive über zu wenige Kräfte verfügt hätten. Ebenso seien die Städte wie Pokrowsk, Awdijiwka und Wuledar “ewig gehalten” worden, zählte Gressel weiter auf.
Die überraschende Besetzung von Teilen der russischen Region Kursk durch ukrainische Truppen im August 2024, für die Syrskyj verantwortlich zeichnete, war zwar ein symbolischer Erfolg – die ursprünglichen Pläne aber “zu optimistisch”. Das Festhalten an dem Gebiet habe zu einer “Verlängerung der ukrainischen Front und einer Zersplitterung der ukrainischen Kräfte” geführt. Schlussendlich eroberte Russland die Region mithilfe nordkoreanischer Soldaten zurück. Insgesamt sei die Kursk-Offensive “auch wieder eine Kräfteverschwendung” gewesen. “Die Ukraine schöpft nicht aus dem Vollen, was Personal und Material angeht”, betonte Gressel.
Syrskyj habe außerdem neue Brigaden aufgestellt. Dies sei aber auf Kosten alter Brigaden geschehen, die nicht personell ergänzt wurden. Dabei hätte die Durchmischung von älteren und neueren Kadern die Möglichkeit geboten, dass die neuen Soldaten von den Erfahrenen lernen können. Syrskyj habe außerdem neue Brigaden aufgestellt. Dies sei aber aufgrund alter Brigaden geschehen, die nicht personell ergänzt wurden. Dabei hätte die Durchmischung von älteren und neueren Kadern die Möglichkeit geboten, dass die neuen Soldaten von den Erfahrenen lernen können. Eine neu geschaffene Sturmtruppe, unter dem Kommando von Syrskyj nahe stehenden Personen, wiederum sei von “einer ganzen Reihe von Skandalen” erschüttert worden. Berichte über Misshandlungen von Untergebenen und Bestrafungen von Abweichlern außerhalb der Militärjustiz werden geprüft.
In einem Punkt gibt Gressel Syrskyj jedoch recht. Dieser bestehe nämlich auf der Beschaffung von konventionellen Systemen, die eine lange Vorlaufzeit haben und deswegen rechtzeitig bestellt werden müssten. Allerdings stünden einige der Unternehmen im Verdacht, “zu viel zu verrechnen”, weswegen die Antikorruptionsbehörden ermitteln. Das sei für Fedorow ein Grund gewesen, die Bestellungen zurückzufahren – auch um das Geld, das die Ukraine von der EU erhalte, nicht in korrupte Kanäle versickern zu lassen. Diese Zurückhaltung bei der Mittelverwendung habe Fedorow “Standing bei internationalen Geldgebern gebracht”.
Unterschiedliche Kriegsziele
Fedorow sei mit dem Führungsstil Syrskyjs unzufrieden gewesen, weswegen er zweimal beim Präsidenten vorgesprochen habe mit der Bitte, Syrskyj ablösen zu dürfen. Warum Selenskyj sich in dem Konflikt für Syrskyj und gegen Fedorow entschieden hat, ist für den Militärexperten “nur politisch zu verstehen”. Syrskyj gilt als Vertrauter des früheren Präsidialamtschefs Andrij Jermak, der nach Geldwäsche-Vorwürfen entlassen wurde. Und Syrskyj sei “politisch loyal” und strebe keine politische Karriere an. Fedorow sei zwar auch loyal gewesen. Aber er verfolge offenbar auch andere Kriegsziele als der Präsident. Wenn Selenskyj von einem Kriegsende redet, “spricht er von einem Waffenstillstand. Fedorow dagegen spricht davon, Russland mit den geringstmöglichen ukrainischen Verlusten zu besiegen”, erläuterte Gressel.