Militäroffensive: Rückkehr der “harten Hand” in Kolumbien

01.10.2026 • 05:00 Uhr

Die massiven Militäreinsätze in der kolumbianischen Touristenstadt Santa Marta markieren in diesen Tagen eine radikale sicherheitspolitische Wende: Gut sieben Wochen nach seinem Amtsantritt setzt der rechtsgerichtete Präsident Abelardo de la Espriella endgültig auf die Rückkehr der kompromisslosen “harten Hand”.

Nach der Quasi-Stilllegung der 600.000-Einwohner-Stadt durch die paramilitärische Gruppe Autodefensas Conquistadoras de la Sierra Nevada (ACSN) nutzt die Regierung die Krise, um die Region flächendeckend zu militarisieren und den Bruch mit der auf Friedensgesprächen fokussierten Politik der Vorgängerregierung noch deutlicher zu machen.

Ein bewaffneter Streik als Auslöser

Auch Tage nach der offiziellen Aufhebung eines bewaffneten Streiks am 25. September durch die ACSN prägt das Militär das Straßenbild. Zuvor hatte die Bande als Vergeltung für die Tötung ihres stellvertretenden Anführers Fahrzeuge niedergebrannt und die Schließung von Geschäften erzwungen, dafür nutzte die in Kolumbien als üblich geltende Bezeichnung “bewaffneter Streik”. Anrainer verglichen die leeren Straßen mit den Lockdowns der Corona-Pandemie.

Doch was vergangene Woche als lokale Gefahrenabwehr begann, baut die Regierung nun zu einer dauerhaften Militäroffensive aus: Über 1.000 Soldaten wurden im Rahmen der Offensive gegen die ACSN in die Stadt geschickt, Militärflugzeuge überflogen das Gebiet, und selbst an den Stränden patrouillierte die Armee. In dieser Woche treibt der Präsident laut eigenen Aussagen die Stationierung von weiteren 2.500 Soldaten in Santa Marta und der Hauptstadt des Departements Magdalena voran.

“In Gefängnisse oder in Säcke”

De la Espriella nutzt die Krise in der Karibikstadt für eine medienwirksame Zurschaustellung staatlicher Härte. “Das ist kein Streik, das ist Narkoterrorismus”, erklärte der Präsident. “Mit denen verhandelt man nicht, man steckt sie in ein Gefängnis oder in Säcke.”

Bei seinem Besuch in der Stadt trug der Staatschef selbst eine Schusswaffe. In einem auf der Plattform X veröffentlichten Video ließ er sich bei einer Fahrt durch die verlassenen Straßen filmen: “Alles ist ruhig, die Stadt ist militarisiert, der Staat ist hier. Wenn der Staat nicht hier ist, tun diese Banditen Böses.” Er rief die Bevölkerung auf, in den Alltag zurückzukehren, denn “wir beschützen sie”. Jeden militärischen Schlag teilt der Präsident in den sozialen Medien. Trotz lauter Kritik hält er an seiner drastischen Bildsprache fest – zuletzt ließ er sich zwischen weißen Leichensäcken mit mutmaßlich getöteten Bandenmitgliedern filmen, um seinen militärischen Triumph zur Schau zu stellen. Trotz scharfer Kritik hält er an diesem Vorgehen fest.

Geopolitische Neuausrichtung und Auslieferungsrekorde an die USA

Das Vorgehen in Santa Marta ist kein isolierter Vorfall, sondern fügt sich in eine größere, regional abgestimmte Strategie ein. Nach mehreren Jahren des Friedensdialogs unter seinem Vorgänger Gustavo Petro rüstet Kolumbien nun massiv auf, lockert die Waffengesetze und forciert eine enge Anbindung an Washington. Seit Kolumbiens Beitritt zur von Donald Trump angeführten Initiative “Shields of Americas” schmiedet Bogotá zudem neue sicherheitsstrategische Allianzen mit anderen rechtsgerichteten Regierungen, wie zuletzt bei einem Treffen mit Costa Rica.

Wie radikal dieser Kurswechsel ist, belegt eine beispiellose Auslieferungswelle: Zwischen seinem Amtsantritt am 7. August und dem 25. September 2026 unterzeichnete de la Espriella bereits 94 Auslieferungen – durchschnittlich zwei offizielle Genehmigungen pro Tag. Der Großteil der Betroffenen wird an Gerichte in den Vereinigten Staaten überstellt.

Zu den prominentesten Fällen zählt Geovany Andrés Rojas (alias “Araña”), der mutmaßliche Chef der kriminellen Organisation “Comandos de Frontera”. Ihn übergab de la Espriella am 25. September medienwirksam persönlich an die US-Antidrogenbehörde DEA. Unter Verweis auf sein nationalistisches Regierungsprogramm “Patria Milagro” (Wunder der Heimat), das für staatliche Härte steht, rief de la Espriella ihm zu: “Willkommen bei Patria Milagro.”

(Von Sara Meyer/APA in Bogotá)