Mischung statt Verdrängung während der “Völkerwanderung”

11.06.2026 • 20:00 Uhr
Mischung statt Verdrängung während der "Völkerwanderung"

Analysen von alter DNA räumten in den vergangenen Jahren mit manchen historischen Mythen auf – so etwa um die “Völkerwanderung” nach dem Ende des Römischen Reiches. Nun zeigt ein Team im Fachblatt “Science”, dass es auch in der bis ins heutige Österreich reichenden “Kleinen Ungarischen Tiefebene” nicht zu einem Ersetzen der einstigen Bevölkerung kam. Vielmehr vermischten sich Menschen aus dem Norden mit der angestammten Population – und etablierten neue Machtverhältnisse.

Für seine umfassende Untersuchung von alter DNA gepaart mit Isotopenanalysen, die Aufschluss über die damalige Lebensweise geben, sowie archäologischen Funden, arbeitete das Team um die Erstautoren Yijie Tian von der Stony Brook University (USA) und István Koncz von der Eötvös Loránd Universität in Budapest vor allem mit Daten von zwei Friedhöfen aus römischen Siedlungen und von fünf Begräbnisstätten nach der römischen Zeit. So hatte man genetische Informationen von 68 “Römerinnen und Römern” und 246 Menschen, die nach dem Zerfall des Reiches im sechsten Jahrhundert in dem Gebiet östlich des Neusiedler Sees bis zum Hügelland nördlich von Budapest lebten, das lange Zeit Teil der Provinz “Pannonien” war. Die Analyse wurde im Rahmen des Großprojekts “HistoGenes” unter der Leitung von Walter Pohl von der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und der Universität Wien durchgeführt.

Kein kompletter Wechsel in Region

Eines der Zentren Pannoniens war bekanntlich Carnuntum im heutigen Niederösterreich. Hier wurden die römischen Verteidigungslinien in etwa nach dem Jahr 400 aufgegeben und es begann eine Zeit wechselnder Herrschaftsverhältnisse, bis um das Jahr 500 die Langobarden Einzug hielten, wie Pohl gegenüber der APA erklärte. Die “römischen” Überreste, auf die sich die Studie nun bezieht, stammen aus dem Kastell Arrabona im heutigen Györ. Die späteren stammen u.a. aus einem alten Friedhof in Hegykö im ungarischen Teil des Seewinkels nahe Pamhagen. Der Hauptfokus der Studie umfasst das vierte bis sechste Jahrhundert nach Christus.

Demnach vollzog sich in diesem Teil des Donauraumes ein Wechsel in Bezug auf die Zusammensetzung der Bevölkerung. Von einer völligen Übernahme des Landes nach dem Zerfall des Weströmischen Reiches, von der in manchen Darstellungen über die “Völkerwanderungszeit” früher ausgegangen wurde, kann angesichts der Daten aber keine Rede sein.

Langobarden etablierten neue Ordnung

Im fünften Jahrhundert dürfte die Gegend “eher dünn besiedelt gewesen zu sein”, so Pohl. Es blieb ein kleinerer Teil der Nachkommen der römerzeitlichen Bevölkerung. Neben Menschen, deren Gene eine ursprüngliche Herkunft vom Balkan und dem Mittelmeerraum nahelegen, waren auch schon vermehrt Menschen von nördlich der Donau präsent, die sich bereits mit anderen Bewohnern vermischt hatten. In der Folge gab es weiter Zuzug aus dem Norden, bis sich dieser um das Jahr 500 merklich verstärkte – “was wohl mit dem historisch bezeugten Zuzug der Langobarden zusammenhängt, die in Pannonien ein Königreich aufbauten”, so Pohl. Es kam also zu einer “substanziellen Veränderung in der post-römischen Zeit”, schreiben die Wissenschafterinnen und Wissenschafter.

Durch die Kombination der genetischen und archäologischen Befunde konnte das Team zeigen, dass sich in jener Zeit auch eine neue Gesellschaftsstruktur etabliert hat. So gab es offenbar mächtige Gruppen, die ihre soziale und wirtschaftliche Stellung über Verwandtschaftsverhältnisse weitergegeben und aufrechterhalten haben. Bestattet wurden sie zusammen mit Menschen aus der einheimischen Bevölkerung, die in historischen Quellen “Pannonier” genannt werden, wie Pohl erklärt: “Wir können daraus schließen, dass sie in einem Abhängigkeitsverhältnis lebten. Hier hatte sich eine soziale Abstufung entwickelt, in der die Pannonier wohl viele der Arbeiten in der Siedlung erledigten. Allmählich, wenn auch langsam, vermischten sich die beiden Gruppen miteinander.” Die Herkunft der Menschen in der Region blieb jedenfalls “recht vielfältig”.

Skandinavische Herkunft vielleicht mehr als Legende?

Auch zu der Frage, woher die Einwanderer aus dem Norden kamen, bietet die Analyse neue Hinweise: So fand man im Erbgut eine durchaus beträchtliche “skandinavische Komponente, wie sie auch in Norddeutschland in dieser Zeit bezeugt ist”, so der Historiker. Für Pohl ein “spannendes” Detail, denn spätere historische Quellen behaupten, dass die Langobarden aus Skandinavien kamen. In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung der vergangenen Jahre sei dies aber oft als Legende abgetan worden. Dass der neue Fund in der alten DNA jetzt ein Zufall ist, bezweifelt der Forscher eher: “Wir können nicht sagen, dass ‘die Langobarden’ aus Skandinavien kamen, aber viele von ihnen hatten offenbar tatsächlich skandinavische Vorfahren.”

(S E R V I C E – )