Musikverein widmete Elfriede Jelinek eine große Hommage

04.11.2026 • 09:37 Uhr
Musikverein widmete Elfriede Jelinek eine große Hommage

Die erst- und möglicherweise auch einmalige Vorführung eines “Home-Movies” aus der Wiener Wohnung Elfriede Jelineks, die Uraufführung einer Musik-Text-Livecollage mit dem verstimmten Steinway-Flügel der Literaturnobelpreisträgerin im Zentrum und ein fulminantes Orgelkonzert als Hommage an die ausgebildete Organistin Jelinek: Die “Musikverein Perspektiven – Elfriede Jelinek”, ein Schwerpunkt des Festivals Wien Modern, haben am Dienstag ihren Höhepunkt erlebt.

Den langen Abend eröffnete im Gläsernen Saal der kurze Film “schatten + flügel” von Constantin Wulff. Im Gespräch mit dem Dramaturgen Claus Philipp, gemeinsam mit Musikvereinsintendant Stephan Pauly und Festivalleiter Bernhard Günther Mastermind dieser vielfältigen “Perspektiven”, gab der Regisseur Einblick in die erstaunliche Vor- und Entstehungsgeschichte dieses präzisen und klar strukturierten vierzehnminütigen Filmdokuments.

Gegengeschäft im Wohnzimmer

In Vorbereitung des Projekts der Pianistin Marianne Schroeder, die den seit 30 Jahren unbespielten und daher verstimmten Flügel in Jelineks Wohnzimmer ins Zentrum einer Arbeit stellen wollte, seien vor Ort Tonaufnahmen benötigt worden. Er habe angeregt, diese Gelegenheit zu nützen und das Ganze für private Zwecke auch auf Video festzuhalten. Weil Jelinek und Schroeder ihn baten, sich auch als Sprecher zur Verfügung zu stellen, sei dies quasi als “Gegengeschäft” zustande gekommen. Und schließlich hätten beide Künstlerinnen die Einwilligung gegeben, das am 3. April 2025 entstandene, nicht für die Öffentlichkeit bestimmte, Video im Rahmen der “Perspektiven” zu zeigen – als “bis dato einzige Gelegenheit, den Film zu sehen”, wie Claus Philipp betonte.

Es wäre schade, bliebe es dabei, denn “schatten + flügel” bietet in klaren, starren Einstellungen nicht nur seltene Einblicke in das von Büchern und Stofftieren dominierte Domizil der Dichterin, sondern besteht auch als eigenständiges Kunstwerk, in dem Schroeders improvisiertes Spiel auf dem verstimmten Klavier und Jelineks aus dem Off zu hörende ruhige Rezitation ihres Textes “SCHATTEN (Eurydike sagt)” bestechen als Zusammenführung unterschiedlicher Genres, die eine ähnliche Motivik bearbeiten. Bei Jelinek, vor kurzem 80 geworden, ist in der Umkehrung des klassischen Orpheus-Motivs die Trauer um ihren verstorbenen Mann Gottfried Hüngsberg zu spüren, die um ein Jahr älteren Pianistin gedenkt ihres verstorbenen Lebenspartners Jürg Laederach.

“Antasten_Schatten” im Goldenen Saal

Der Film konnte im Zusammenhang dieses Jelinek-Abends quasi als Making-of des Hauptacts gesehen werden, der anschließend im Goldenen Saal stattfand. Schroeder und der Tonmeister und Organist Johannes Schmelzer-Ziringer brachten gemeinsam “Antasten_Schatten”, ein Auftragswerk von Wien Modern und Musikverein, zur Uraufführung. Auf einen Orgel-Prolog folgte ein “Klavierdrama für anwesendes und abwesendes Klavier”, in dem das Livespiel am (gestimmten) Piano und Zuspielungen von Aufnahmen des verstimmten Jelinek-Flügels immer wieder von den Stimmen Jelineks und Wulffs überlagert wurden.

Dabei entstand eine 75-minütige Choreografie von Klängen und Stimmen (in die sich auch Schmelzer-Ziringer schauspielerisch als stumm bleibender Sänger einbrachte), die sich zu einem großen Trauern und Abschiednehmen fügte – auch vom eigenen Leben und Werk: “Mein größtes Glück: Endlich nichts.” Trotz Überlänge war große Konzentration und Betroffenheit im nicht voll besetzten Goldenen Saal spürbar.

Die kurze Pause zum Finale konnte man für den Besuch der im Metallenen Saal aufgebauten Multimediainstallation “Ghosts & Vampires” von Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek nutzen und dabei selbst auf einem Floß sitzend via Green Screen Teil der hier evozierten postapokalyptischen Welt werden. Retour im Goldenen Saal bot Angela Metzger einen Parforceritt durch moderne Orgelwerke.

Höllenritt an der Orgel

Bei dieser Hommage an die musikalische Vergangenheit der Dichterin spielte sie auch jenes Orgelstück von Olivier Messiaen (“Les Yeux dans les roues”), das Elfriede Jelinek einmal selbst im Mozartsaal des Konzerthauses interpretiert hatte (einen Ausschnitt davon kann man als YouTube-Video sehen). Anschließend beklagte, sie habe dabei ein Höllentempo eingeschlagen, das sie immer schneller werden ließ. Das Stück zu üben sei tatsächlich ein wahrer Graus, gab Metzger im Gespräch mit Bernhard Günther zu, als nach Stücken von Messiaen und Betsy Jolas für das Finale mit György Ligetis “Volumina” der Orgelmotor abgeschaltet und eine fünfeinhalbminütige Pause eingelegt werden musste.

Der Komponist wünscht sich für sein Stück, das von der Spielerin akrobatische Höchstleistungen, vollen Unterarm- und Ellbogeneinsatz und geschmeidige Handschuhe verlangt, nämlich spezielle Klangeffekte wie das Hochfahren der Orgel bei vollem Register – was schon so manche Orgel nicht überstanden habe, wie der Festivalleiter erzählte. Und tatsächlich gab es mitten in dem an startende Flugzeugturbinen erinnernden Sound der Orgelpfeifen einen Schreckmoment, in dem die Elektronik ihr Zutun versagte. Die Panne konnte behoben werden – und der Jelinek-Abend bekam ein lautes, mächtig dröhnendes, würdiges Finale.

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)