Neue ÖNB-Generaldirektorin Mayr setzt auf den Wow-Effekt
Michaela Mayr ist seit 1. April Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB). Sie wurde vor 18 Jahren von ihrer Vorgängerin Johanna Rachinger ans Haus geholt und hatte zuletzt die interimistische Leitung inne. Die “Vision 2035” der ÖNB, die den Titel “Wir öffnen Räume” trägt, wird sie weiterverfolgen. Im APA-Interview verteidigt sie die Zusammenarbeit mit Google und kündigt ein KI-Symposium an. Das Wissenserlebnis soll künftig im Vordergrund stehen.
APA: Frau Mayr, Sie sind am 1. Oktober ein halbes Jahr Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek. Ist Ihnen schon gelungen, Weichen zu stellen, die eine neue Handschrift erkennen lassen?
Michaela Mayr: Ja, das würde ich auf jeden Fall sagen. Aber ich bin seit über 18 Jahren im Haus, und somit war mein Einstieg kein großer Wandel für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ich habe ja voriges Jahr in der Zeit, in der Frau Dr. Rachinger nicht mehr da war, gemeinsam mit Richard Starkel, unserem wirtschaftlichen Geschäftsführer, das Haus interimistisch geführt. Dadurch bin ich sehr rasch in einen produktiven Arbeitsmodus gekommen und habe sehr viele Gespräche geführt – im Haus und außerhalb des Hauses.
“Ich bin interessiert an den Ideen, die aus dem Team kommen”
APA: Johanna Rachinger hat die Zügel recht straff geführt. Sie hat von allen viel verlangt. Gibt es jetzt mit Ihnen einen amikaleren Führungsstil?
Mayr: Er hat sich insofern gewandelt, als dass ich ja aus dem Team komme und dass ich auch als Fachexpertin angetreten bin. Wir haben einen sehr guten, sehr offenen Umgang. Ich habe im Haus signalisiert: Ich bin ansprechbar, ich bin gern bereit, viele Dinge auch zu diskutieren, ich bin interessiert an den Ideen, die aus dem Team kommen. Aber es muss für alle klar sein, wer am Schluss die Verantwortung trägt – und das bin jetzt ich.
APA: Das eine ist die Kommunikation nach innen, das andere ist die Kommunikation mit außen, oder, wenn Sie so wollen: nach oben, mit der Politik. Bekommen Sie genügend Rückendeckung in sehr schwierigen Budgetzeiten?
Mayr: Wir waren froh, dass die Basisabgeltung beibehalten werden kann, denn die diskutierten Schreckensszenarien hätten auch für uns ziemliche Einschnitte bedeutet. Rückendeckung gibt es etwa durch die Bestätigung des Standorts für das Haus der Geschichte (hdgö) im Museumsquartier. Es gibt einen guten Austausch, auch mit dem Kulturressort, und ich habe den Eindruck, dass da alle an einem Strang ziehen.
“Mit vollem Elan an den Vorarbeiten” für das hdgö
APA: Aber gerade der hdgö-Neubau ist ja on hold.
Mayr: Inhaltlich arbeiten wir mit vollem Elan an den Vorarbeiten. Dafür gibt es auch eine Finanzierung. Aber der Bau kann erst beginnen, wenn es die Finanzierung gibt.
APA: Laut Regierungsprogramm soll das hdgö ein eigenständiges Bundesmuseum werden.
Mayr: Das Commitment gibt es, ja. Aber auch das wird wahrscheinlich eine wirtschaftliche Frage sein, früher oder später.
APA: Wären Sie froh darum, oder würden Sie es gerne wie jetzt bei der ÖNB behalten?
Mayr: Ich kann mit beiden Varianten gut leben. Mir ist wichtig, dass das Haus der Geschichte einen adäquaten Rahmen hat, dass es genug Fläche zur Verfügung hat. Solange das Haus der Geschichte unter dem Dach der Österreichischen Nationalbibliothek ist, werden wir das mit voller Kraft vorantreiben.
“Meine Stärke liegt ohne Zweifel im Digitalen”
APA: Welche inhaltlichen Schwerpunkte werden Sie setzen?
Mayr: Ich habe zehn Jahre die digitale Bibliothek geleitet und in der Zeit auch die Strategieentwicklung koordiniert. Meine Stärke liegt ohne Zweifel im Digitalen. Mir ist es wichtig, dass wir analog und digital besser verschränken. Im Analogen sind wir großartig. Den Prunksaal kann man ja kaum toppen. Aber wir brauchen auch in diesen Bereichen eine gewisse Modernisierung. Einige Weichenstellungen sind schon gemacht. Das Globenmuseum in der Herrengasse hat zum 70-Jahre-Jubiläum einen neuen, multimedial gestalteten Ausstellungsraum erhalten. Neue Zugänge für die Besucherinnen und Besucher sind ein Thema, mit dem wir uns sehr intensiv beschäftigen.
APA: Die Nationalbibliothek hat früh auf Digitalisierung gesetzt und dabei auch mit Giganten wie Google zusammengearbeitet. Daran gibt es auch Kritik. Jüngst hat etwa die IG Autorinnen Autoren darauf hingewiesen, dass dabei Vertragsinhalte geheim sind. Da denkt man sich natürlich: Was steht denn da drinnen? Ist man damals zu weit gegangen, nur um mit dabei sein zu können?
Mayr: Nein, das sehe ich nicht so. Wir haben die Zusammenarbeit mit Google 2010 begonnen, aber wir machen seit über 20 Jahren auch selber Digitalisierung. Der Anteil der Google-Digitalisierung ist ungefähr 20 Prozent an unserer Gesamtdigitalisierung. Es fließt kein Geld zwischen unseren Institutionen. Die Zusammenarbeit besteht darin, dass wir im Haus die Katalogisierung machen, und Google übernimmt die Bereitstellung der Digitalisate. Rein rechtlich gesehen ist es so, dass die Bestände urheberrechtsfrei sind, aber diese Bestände wählen auch wir aus. Es ist nicht so, dass Google uns da irgendwas vorgibt. Google hat keine exklusiven Rechte darauf. Nach 15 Jahren sind die Digitalisate frei für jegliche Nutzung. Das waren und sind die Konditionen, und ich finde nach wie vor, dass das vertretbar ist.
“Wir werden von KI-Bots abgegrast”
APA: Sogar im Silicon Valley werden immer mehr Stimmen laut, dass die Künstliche Intelligenz (KI) droht, aus dem Ufer zu laufen. Teilen Sie die Befürchtungen?
Mayr: Wir sehen seit einiger Zeit sehr massiv das Phänomen, dass wir von KI-Bots abgegrast werden. Das betrifft alle, die Inhalte online stellen. Vor Kurzem gab es einen Bericht des Bundesrechenzentrums darüber, dass auch das Rechtsinformationssystem davon betroffen war. Auch wir spüren das und würden das gern einmal besprechen. Daher machen wir Ende November ein KI-Symposium für eine Fachcommunity, um uns diesen Fragen zu widmen: Wie offen können wir als Bibliothek noch sein? Wie frei können wir unsere Bestände online hergeben? Und wie geschlossen müssen wir sein, um uns vor überbordender KI-Nutzung zu schützen? Da sollten wir Bibliotheken uns gemeinsam wirklich etwas überlegen. Dabei ist es ganz wichtig, dass man mit der Forschung spricht, denn es gibt viel datengetriebene Forschung, die unsere Daten braucht. Wir wollen KI ja auch selber nutzen, denn sie bietet viele Chancen. Aber wir müssen diese Dinge hinterfragen. Gleichzeitig bleibt die Öffnung weiterhin extrem wichtig für die demokratische Teilhabe, auch außerhalb von Österreich. Unsere Bestände haben globale Relevanz. Als wir wegen dieser KI-Bots kurzfristig einmal den Zugriff auf Europa beschränken mussten, haben wir innerhalb kürzester Zeit viele Nachfragen von Forscherinnen aus den USA bekommen, warum sie nicht mehr zugreifen können.
APA: Sie planen auch Initiativen für Kinder und Jugendliche.
Mayr: Wir werden das Zutrittsalter für die Lesesäle auf 14 Jahre senken, weil wir glauben, dass wir noch früher ansetzen müssen. Gerade, was das Thema Medienkompetenz betrifft, engagieren wir uns seit einigen Jahren und haben schon ein vielfältiges Kursangebot, das sich auch an Kinder und Jugendliche richtet. Es geht etwa darum, Fake News zu erkennen und sie zu unterstützen in der Einordnung dessen, was sie so täglich konsumieren. Wir werden uns auch im Rahmen von Ausstellungen stärker an diese Zielgruppe wenden. Nächsten Herbst werden wir im Prunksaal eine Ausstellung zu Kinder- und Jugendliteratur machen und schauen, dass wir den Prunksaal dann auch zielgruppengerecht bespielen.
“Wichtig ist mir, dass wir als lebendiges Haus wahrgenommen werden”
APA: Bitte mit neuen Vitrinen und einer neuen Ausstellungsästhetik. Jedes Mal denke ich mir bei Ausstellungen im Prunksaal: Da ist wirklich die Zeit stehen geblieben.
Mayr: Wir haben Ideen. Schauen wir mal, ob sie Ihnen gefallen werden. Aber der Prunksaal ist ein Gesamtkunstwerk. Das ist nicht so leicht. Es wäre wahrscheinlich einfacher, einen White Cube zu bespielen. Aber im Literaturmuseum ist der kreative Umgang mit einem historischen Rahmen ja auch sehr gut gelungen. Ich engagiere mich auch sehr dafür, dass wir in den westlichen Bundesländern noch mehr an Bedeutung gewinnen. Wichtig ist mir, dass wir als lebendiges Haus wahrgenommen werden. Es wird im Vordergrund stehen, Erlebnisse mitzunehmen. Wir wollen, dass möglichst viele Menschen zu uns kommen und beim Rausgehen sagen: “Wow, da habe ich jetzt was gelernt!”
(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)