NÖKU-Chef Paul Gessl geht: “Weniger ist mehr”

26.06.2026 • 05:01 Uhr
NÖKU-Chef Paul Gessl geht: "Weniger ist mehr"

Nach 26 Jahren beendet Paul Gessl (64) mit Ende August seine Tätigkeit als Geschäftsführer der NÖ Kulturwirtschaft (NÖKU). Aus diesem Anlass sprach er im APA-Interview über Erfolge, Enttäuschungen, Konflikte und Zukunftsperspektiven. 

APA: Geht ein Paul Gessl überhaupt in Pension oder wechselt er nur seinen Aktionsradius?

Gessl: Offiziell beende ich etwas. Und so will ich es auch stehen lassen. Ich wollte diese Periode ordnungsgemäß und professionell beenden und dann frei sein wofür auch immer. Ich werde jetzt auch sehr oft danach gefragt, und ich habe eine klare Antwort, die lautet: Ich möchte Raum und Zeit und Eigenbestimmung für mich haben, und – um es in der Operettensprache zu sagen: Wo Türen zugehen, gehen Türen auf. Oder auch nicht.

APA: Wenn Sie auf diese 26 Jahre zurückblicken: Wo sehen Sie Ihre größten Erfolge?

Gessl: Grundsätzlich ist es schon einmalig, so einen langen Zeitraum gestalten zu dürfen. Wir haben ein Team aufgebaut von anfangs 45 Mitarbeitern bis heute 1.500 Mitarbeitern und eine Struktur, die klar, wirtschaftlich, transparent und nachhaltig ist. Ich glaube, dass es keine Kulturorganisation in Europa gibt, die so divers und so spannend aufgestellt ist mit ganz unterschiedlichen heterogenen Kulturbetrieben und Genres. Auf diesen Unternehmensaufbau bin ich schon sehr stolz, das sage ich ganz selbstbewusst. Konkret nennen möchte ich die Landestheater-Strategie, die Neuordnung der Museumskarte zu einem großen Ganzen mit der Kunstmeile als Standortmarke und einer Perlenkette an Ausstellungsbetrieben, und natürlich Grafenegg. Und wir feiern heuer 40 Jahre Landeshauptstadt: Was wäre die Entwicklung von St. Pölten ohne die Kraft von Kultur und Kunst?

“Sehen uns auch als wirtschaftliches Unternehmen”

APA: Wo sind die Erfolge ausgeblieben, bzw. welche Entscheidungen würden Sie heute anders treffen?

Gessl: Was mich sehr berührt hat, war der Prozess der Europäischen Kulturhauptstadt, wo ich noch immer zutiefst überzeugt bin, dass St. Pölten der ideale Kandidat gewesen wäre. Die Entscheidung ist für mich unverständlich gewesen, aber ich habe sie zur Kenntnis zu nehmen. Ein zweites Thema: Wir sehen uns sehr wohl auch als wirtschaftliches Unternehmen, das jeden Steuercent, den wir erhalten, sparsam und transparent umsetzt. Wenn daraus gefolgert wird, wir hätten zu viel Liquidität, ist das entweder eine unprofessionelle oder eine oberflächliche Analyse. Wir leben privatwirtschaftliches Denken vor, und das lasse ich mir von niemand schlechtmachen. 

APA: Das heißt, wenn der Fördernehmer, also die NÖKU, einen Überschuss erzielt und diesen dem Land als Fördergeber als Kredit überlässt und dafür Zinsen einnimmt – ist das lupenrein?

Gessl: Das ist in jeder Hinsicht transparent, ehrlich und klar. Als Geschäftsführer einer GesmbH bin ich ausschließlich meiner GesmbH und meinem Arbeitgeber verpflichtet. Das ist im GesmbH-Gesetz geregelt. Ich darf gar niemandem Geld gratis zur Verfügung stellen. Ich bin zwar gemeinnützig, aber ich darf nicht zum Schaden einer Gesellschaft agieren. Außerdem gibt es Verträge, und bei Verträgen gibt es immer zwei Partner. Es ist total legitim, einen Vertrag aufzukündigen. Ich glaube nur, dass man alle Konsequenzen zeitgerecht bedenken muss. 

Entscheidung in Baden bleibt aufrecht

APA: Konfliktreich war ja auch die Entwicklung bei der Bühne Baden, wo das Orchester aufgelöst und durch das Tonkünstler-Orchester ersetzt werden soll. Wie ist denn da der Stand der Dinge?

Gessl: Ich möchte die Politikwissenschafterin Florence Gaub zitieren: Zukunft ist Veränderung. Zukunft ist ein Bruch von Bekanntem. Zukunft ist Teamarbeit. Diese drei Zitate prägen mich sehr. Auch der Kulturbereich ist keine geschützte Werkstätte. Da geht es nicht nur um Kosten, sondern auch um Legitimation, Relevanz, Verständnis. Was Baden betrifft: Für die Musicalbespielung wird es ein Spezialistenensemble geben. Und die Tonkünstler werden das neue Residenzorchester in Baden.

APA: Also dieses Modell ist nach wie vor aktuell?

Gessl: Ja. Wir stehen mitten in Verhandlungen, die werden auch noch diskursiv werden. Wir werden bei den Tonkünstlern ein neues Gehaltsschema einrichten, neue Dienstverträge – auch für die “alten” Musiker -, und wir erwarten bei gleicher Arbeitszeit und Bezahlung eine höhere Auslastung der jetzigen bezahlten Arbeit. Dazu stehe ich.

APA: Was machen die Pläne, den Spielbetrieb in Reichenau auszuweiten?

Gessl: Wir haben bei den Festspielen Reichenau den Anspruch, eines der größten Theaterfestivals zu werden. Wir stehen bei sechs Eigenproduktionen. Die zeitliche Ausweitung ist mit diesem Qualitätsanspruch und mit dieser Positionierung nicht möglich. Wir leben sehr stark von den Theaterstars von Burgtheater und Josefstadt, die während des Jahres an ihren jeweiligen Häusern engagiert sind. Eine Ausweitung würde auch bedeuten: mehr Budgetmittel, mehr Förderung – die sind zur Zeit nicht verfügbar.

APA: Die budgetäre Situation lässt auch im Kulturbereich massive Kürzungen befürchten. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Gessl: Wenn das Kulturmanagement nicht reagiert, wird es gravierende Konsequenzen geben. Gesetzliche Vorgaben und Richtlinien und deren Verwaltung bringen neue Herausforderungen. Kooperationen, Zusammenarbeit, Synergien müssen eine neue Dimension erhalten. Und wir müssen die Fixkosten herunterbringen. Und drittens: Weniger ist mehr.

Saisonale Infrastrukturen sind zu hinterfragen

APA: Was konkret bedeutet Senkung der Fixkosten?

Gessl: Ich lese noch immer die Wirtschaftsseiten vor den Kulturseiten. Diese Fragestellung hat jeder gesellschaftsrelevante Bereich in unserem Leben. Wir müssen raus aus unserem Tunnelblick. Meine Empfehlung ist weiterhin: Wo mit Steuergeld kulturelle Infrastrukturen aufgebaut wurden, sollten sie gestärkt und abgesichert werden. Wo anlassbezogen Provisorien aufgebaut werden, saisonale Infrastrukturen, ist es meiner Meinung nach zu hinterfragen.

APA: Ihrer Nachfolgerin Cornelia Lamprechter werden Sie wohl keine Ratschläge über die Medien geben wollen?

Gessl: Ich habe ein sehr schönes Zitat gelesen. Als Steve Jobs den CEO bei Apple an Tim Cook übergeben hat, hat er gesagt: Wenn du eine Entscheidung zu treffen hast, stell dir nie die Frage, wie ich entschieden hätte, sondern entscheide einfach richtig!

(Das Gespräch führte Ewald Baringer/APA)