Österreichischer PFAS-Grenzwert bietet zu wenig Schutz

04.11.2026 • 06:00 Uhr
Österreichischer PFAS-Grenzwert bietet zu wenig Schutz

Der heimische Grenzwert der Ewigkeitschemikalie PFAS, die in Österreich immer häufiger auftritt, sollte nach Meinung von Greenpeace und Global 2000 viel niedriger angesetzt werden. Hierzulande gebe es nicht einmal einen eigenen PFAS-4-Grenzwert, sondern lediglich einen PFAS-20-Wert von 100 Nanogramm pro Liter Wasser. Ein neues toxikologisches Gutachten aus Schweden zeigt, Trinkwasser darf nicht mehr als vier Nanogramm der besonders gefährlichen PFAS-4 pro Liter enthalten.

Die beiden Umweltschutzorganisationen beauftragten für das Expertengutachten den schwedischen Toxikologen Mattias Öberg vom Karolinska Institutet in Stockholm. Öberg ist Toxikologe, erforscht die Gesundheitsfolgen von PFAS und war im Fall der Trinkwasserkontamination im schwedischen Ronneby als Sachverständiger in Gerichtsverfahren tätig. Der Experte sieht eine starke wissenschaftliche Grundlage, PFAS-4 im Trinkwasser auf höchstens vier Nanogramm pro Liter zu begrenzen. In Dänemark gilt sogar ein gesetzlicher Grenzwert von nur zwei Nanogramm pro Liter. Bei PFAS-4 handelt es sich um die vier besonders problematischen Ewigkeitschemikalien – PFOA, PFOS, PFNA und PFHxS -, die sich über Jahre im menschlichen Körper anreichern.

Schutzlücke bei heimischen Grenzwerten

Erhöhte PFAS-4-Belastungen wie etwa im Leitungswasser in Schwechat und Mannswörth in Niederösterreich zeigen aus Sicht von Greenpeace und Global 2000 “eine Schutzlücke bei den österreichischen Trinkwassergrenzwerten”. Dort wurde im Mai bekannt, dass das Grundwasser und zahlreiche private Hausbrunnen im Umfeld der OMV-Raffinerie Schwechat großflächig mit Ewigkeitschemikalien belastet sind. Grund war die Verwendung von PFAS-haltigem Löschschaum, der dort zu Übungszwecken verwendet wurde.

Nun stiegen auch die PFAS-Belastung und insbesondere die PFAS-4-Werte im Schwechater Trinkwasser seit Jahresbeginn deutlich an, kritisierten die NGOs. Lag der Wert im Jänner bei Messungen der Gemeinde mit 2,1 Nanogramm pro Liter noch unter dem schwedischen Grenzwert von vier Nanogramm, kletterte er bis Juli auf 8,4 Nanogramm. Eine unabhängige Global-2000-Messung im Mannswörther Leitungswasser eines privaten Haushalts ergab im Mai bereits 6,4 Nanogramm. Ein Zusammenhang zwischen dieser Grundwasserverschmutzung und den PFAS-Werten im öffentlichen Leitungswasser ist nicht belegt. Die OMV hat ihre Messdaten bisher nicht öffentlich gemacht.

Heimische Grenzwerte bieten keinen Schutz

Die beiden Organisationen sehen durch den fehlenden PFAS-4-Grenzwert in Österreich eine Schutzlücke. Seit 2026 gilt ein Grenzwert von 100 Nanogramm pro Liter für die Summe von 20 PFAS. Er wurde festgelegt, bevor die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA 2020 PFAS-4 neu bewertete, und enthält eben keine eigene Obergrenze für PFAS-4. Das neue Expertengutachten zeigt: Der österreichische Grenzwert von 100 Nanogramm schützt nicht genügend. Wird er durch PFAS-4 voll ausgeschöpft, schluckt ein vierjähriges Kind allein über das Trinkwasser das 14-Fache der verträglichen Menge, Erwachsene knapp das Fünffache. Und da seien belastete Lebensmittel noch gar nicht mitgerechnet, so Greenpeace und Global 2000.

“Schwechat zeigt sehr konkret, wo das Problem liegt: Der österreichische Grenzwert wird zwar eingehalten, gleichzeitig lagen die besonders problematischen PFAS-4 zuletzt doppelt so hoch wie der schwedische Grenzwert”, so Madeleine Drescher, Konsumexpertin bei Greenpeace Österreich am Mittwoch. “Das neue Gutachten zeigt, dass unsere Trinkwasserregeln besonders Kinder nicht ausreichend schützen. Österreich braucht deutlich strengere PFAS-Grenzwerte und einen eigenen Grenzwert von höchstens vier Nanogramm für PFAS-4.”

Kinder besonders betroffen

Kinder trinken im Verhältnis zu ihrem Körpergewicht mehr Wasser als Erwachsene. Zudem beeinträchtigen PFAS nachweislich das kindliche Immunsystem – genau diese Gefahr ist die Grundlage für den EFSA-Wert. Bereits bei vier Nanogramm PFAS-4 pro Liter deckt das Trinkwasser mehr als die Hälfte der Dosis ab, die ein vierjähriges Kind pro Woche höchstens aufnehmen darf. Zählt man das Essen dazu, nimmt nach Berechnungen der schwedischen Gesundheitsbehörden jedes dritte Kleinkind zu viel PFAS auf. Mit den zuletzt gemessenen 8,4 Nanogramm füllt allein das Schwechater Trinkwasser die wöchentliche PFAS-Dosis für Kinder bereits zu 120 Prozent. Nahrungsmittel und andere Quellen kommen dann noch dazu.

“Die 100 Nanogramm für PFAS-20 im Trinkwasser sind kein gesundheitlich abgeleiteter Grenzwert. Für die besonders gefährlichen PFAS-4 liegen bereits vier Nanogramm am oberen Ende des aus der EFSA-Bewertung abgeleiteten Bereichs”, meinte Helmut Burtscher-Schaden, Umweltchemiker bei Global 2000. PFAS-4 reichere sich über Jahre im Körper an, Belastungen aus Lebensmitteln kommen dazu. “Deshalb braucht Österreich einen eigenen PFAS-4-Grenzwert – zum Schutz aller, besonders aber der Kinder”, so Burtscher-Schaden.

Eigener PFAS-4-Grenzwert gefordert

Die beiden NGOs forderten deshalb vom Gesundheitsministerium einen eigenen PFAS-4-Grenzwert von höchstens vier Nanogramm pro Liter. Die Stadt Schwechat müsse zudem die neuen Messergebnisse rasch veröffentlichen und transparent klären, woher die PFAS-Belastung im Trinkwasser stammt und wie sie reduziert werden kann.

Die OMV halte zudem ihre Messdaten zurück, obwohl Global 2000 mehrfach die Offenlegung gefordert habe – anonymisiert, mit gerundeten Koordinaten, wie es das Umweltbundesamt aus Datenschutzgründen routinemäßig handhabt. Auch betroffene Anrainerinnen und Anrainer erhalten kein Gesamtbild, wurde von den NGOs kritisiert. Erst die Ausbreitung der Schadstofffahne und das PFAS-Muster in den Proben würden zeigen, ob ein Zusammenhang mit den steigenden Werten im Leitungswasser bestehe.