Papst-Reise: Schwere Zeiten für Spaniens katholische Kirche

01.06.2026 • 05:00 Uhr
Papst-Reise: Schwere Zeiten für Spaniens katholische Kirche

Bei ihrem Treffen im Vatikan zeigten Papst Leo XIV. und Spaniens sozialistischer Regierungschef Pedro Sánchez vergangene Woche große Übereinstimmung in vielen politischen Fragen: Vom Schutz der Jugend im Zeitalter Künstlicher Intelligenz über eine humanere Migrationspolitik bis hin zur Kritik an den Militäroffensiven der USA und Israels im Nahen Osten. Dennoch wird der Besuch des Papstes im einst erzkatholischen Spanien vom 6. bis 12. Juni bei weitem kein Heimspiel.

Seit Sánchez’ Sozialisten und ihr linker Koalitionspartner Sumar das Land seit 2018 regieren, bekommt die katholische Kirche ordentlich Gegenwind. Sánchez, der immer wieder den säkularen Charakter seiner Regierung betont, legalisierte zur Frustration der Spanischen Bischofskonferenz die aktive Sterbehilfe, liberalisierte das Abtreibungsrecht und Transgendergesetze.

Auch musste die Kirche die Säkularisierung des Bildungswesens und die Entfernung religiöser Symbole aus öffentlichen Einrichtungen hinnehmen. “Der Staat ist säkular, aber die Regierung neigt dazu, in anthropologischen Fragen ‘konfessionelle’ Positionen einzunehmen”, warnte Erzbischof Luis Argüello im April auf der Vollversammlung der Spanischen Bischofskonferenz in Madrid.

Anteil der Katholiken in Bevölkerung schrumpft

Was den Geduldsfaden des Vorsitzenden der spanischen Bischöfe jedoch endgültig reißen ließ – der Prozess der Umdeutung der Päpstlichen Basilika im “Tal der Gefallenen” und der Versuch der Regierung, die Kirche durch ein Entschädigungssystem für Opfer klerikalen Missbrauchs zu demütigen.

Nach einem fast drei Jahre andauernden Tauziehen zwischen der Kirche und dem Moncloa-Regierungspalast wandte sich Justizminister Félix Bolaños schließlich direkt an den Vatikan, um der spanischen Kirche ein vom Staat kontrolliertes Entschädigungssystem aufzuzwingen. Zudem gelang es Sánchez, über den Vatikan den Druck zu erhöhen, um den religiösen Charakter des “Tal der Gefallen” zu verwässern, welches nun “Cuelgamuros” heißt und aus dem Sánchez bereits vor einigen Jahren aus der Basilika auch die sterblichen Überreste von Diktatur Francisco Franco entfernen ließ.

Der Gegenwind für die katholische Kirche in Spanien ist aber auch in der Gesellschaft zu spüren. Laut jüngsten Umfragen des staatlichen Meinungsforschungsinstituts CIS ist der Anteil der Bevölkerung, der sich als katholisch bezeichnet, vom 73 Prozent (2011) auf aktuell 54 Prozent geschrumpft. Worin die sozialistische Regierung wiederum eine klare Bestätigung ihrer säkularen Politik sieht.

Unterdessen musste auch die Spanische Bischofskonferenz vor kurzem einen deutlichen Rückgang bei Taufen und Erstkommunionen unterhalb der 50-Prozent-Marke bekanntgeben. 1971 waren es rund 99 Prozent. Kirchliche Eheschließungen sind auf einem historischen Tiefstand. Einer kirchlichen stehen mehr als vier standesamtliche Hochzeiten gegenüber.

Zahl der Priester sank seit 1971 um etwa 40 Prozent

Hinzu kommt der Priestermangel: So wurden 2023 beispielsweise nur 79 Priester geweiht. Die Zahl der Priester sank seit 1971 um etwa 40 Prozent, während sich die Bevölkerungszahl nahezu verdoppelte.

In diesem religiösen wie politischen schwierigen Klima für die katholische Kirche forderte die Nichtregierungsorganisation “Europa Laica” vergangene Woche Spaniens Abgeordnete auf, am 8. Juni der Rede von Papst Leo XIV. vor dem Parlament in Madrid fernzubleiben und zu boykottieren. Sie betrachten seine Rede im Abgeordnetenhaus als “unerträglichen Akt der Unterwürfigkeit” und einen “Bruch” mit dem säkularen Charakter des Staates.

Unterdessen fordert die “Vereinigung zur Aufarbeitung der Geschichte” Papst Leo XIV. auf, während seines Besuchs in Spanien die Franco-Diktatur und die repressive Rolle der katholischen Kirche zu verurteilen. Der Verband der Diktatur-Opfer fordert zudem die Öffnung der Kirchenarchive hinsichtlich der Beteiligung der Kirche am Staatsstreich von 1936 und ihrer engen Verbindungen zu Diktator Francisco Franco.

Kritik der rechtspopulistischen Vox an Kirche

Kritik erhielt die Kirche in Spanien zuletzt auch von eher ungewohnter Seite. Die rechtspopulistische Vox, Spaniens drittstärkste Parlamentsfraktion, werde die Rede von Papst Leo XIV. im Parlament zwar nicht boykottieren. Dennoch stellte Vox-Chef Santiago Abascal klar, man stimme nicht mit seiner gepredigten Willkommenskultur für Migranten überein.

Nachdem die Bischöfe die von Vox geforderte “Priorität für Spanier” bei staatlichen Unterstützungen kritisierten, warf Abascal den Bischöfen sogar vor, mit der Migration ein “Geschäft zu machen”, indem man Subventionen für die Migrantenarbeit der Caritas erhalte. Die Bischofskonferenz reagierte darauf ungewöhnlich empört. Ihr Generalsekretär bezeichnete Abascals Aussagen als “Verleumdung” und betonte, die Kirche werde niemals eine Politik unterstützen, die Menschen ausschließe oder entmenschliche.

Doch die Spannungen zwischen der Kirche mit dem Staat, der Gesellschaft und konkreten Parteien werden wahrscheinlich öffentlich nicht diskutiert werden, wenn der Papst vom 6. bis 12. Juni Madrid, Barcelona und die Kanarischen Inseln besucht, ist sich Politologe Javier Martín Merchán von der katholischen Comillas Universität in Madrid sicher.

Bei seiner Rede vor dem Parlament und beim Treffen mit Felipe VI. im Madrider Königspalast dürfte Leo XIV. vor allem soziale Konflikte, das Migrationsdrama und die Verteidigung der Menschenwürde in den Mittelpunkt stellen. “Er wird wahrscheinlich einen Appell an den Frieden in einer zunehmend fragmentierten Welt aussenden”, so Martín Merchán im Gespräch mit der APA.

(Von Manuel Meyer/APA)