Polternder “König Ubu” im Burgtheater enttäuscht
Ein machtgeiler, infantiler Despot, der über Leichen geht: So zeichnete Alfred Jarry 1896 seinen “König Ubu”. 130 Jahre später hat die Realität die Karikatur überholt. Und so läuft die absurde Überhöhung, mit der Burgtheaterdirektor Stefan Bachmann das Werk in seinem Haus am Freitag zur Premiere gebracht hat, weitgehend ins Leere. Die Entscheidung, den Abend um die weniger bekannten Nachfolger “Ubu Hahnrei” und “Ubu in Ketten” zu erweitern, erwies sich nur zum Teil schlüssig.
Zugegeben, die Produktion stand unter keinem guten Stern: Nur wenige Wochen vor der Premiere hatte Bachmann einen prominenten Abgang zu beklagen, als Joachim Meyerhoff die Titelrolle Mitte September aus gesundheitlichen Gründen zurücklegen musste. Stefanie Reinsperger, ursprünglich als Mutter Ubu besetzt, sprang kurzfristig als Vater Ubu ein, Sebastian Wendelin übernahm wiederum ihre Rolle. Und so hat man es an diesem 130-minütigen, pausenlosen Abend mit einem polternden, immer wieder in derben Dialekt verfallenden Vater Ubu und einer etwas hysterischen Mutter Ubu zu tun und fragt sich bisweilen, wie es hätte sein können.
Zuschauer werden zu Tätern und Opfern
Nun ist es aber so, wie es ist, und der Abend beginnt mit einer Kuh, die sich ihren Weg durch die Reihen im Publikum bahnt. Kurz fragt man sich, ob man aus Versehen vielleicht doch in Jelineks “Unter Tieren” gelandet ist, aber dort haben die Kühe mehr zu sagen. Auf der Vorderbühne angekommen, schlüpfen Reinsperger und Wendelin aus ihrer tierischen Verkleidung und heben mit dem berühmten “Schreiße” (“Merdre”) an, die Macht im Königreich Polen an sich zu reißen. Dies tun sie mithilfe von Zuschauern, die sie aus dem Publikum auf und hinter die Bühne bitten, um wahlweise zu morden oder zu sterben. Reinsperger ist im Machtrausch in ihrem Element, schlüpft in eine Ritterrüstung und zieht in den Kampf.
Das Ziel ist bald erreicht, und der Burgtheaterstar tritt mit einer Krone und einer Klobürste vor den roten Vorhang, vor dem dieser erste Teil des Abends spielt. “Wer war vor der Premiere scheißen?”, schreit Reinsperger wütend und geht mit der dreckigen Bürste wieder ins Publikum. Warum? Man weiß es nicht. Vielleicht gilt hier eine Antwort, die Jarry selbst gegeben hat: “Weil ich es kann.” Und so zieht das groteske Königspaar durchs Land, treibt überhöhte Steuern ein und gefällt sich im irrlichternden Machtrausch, der einem mit einem Blick über den Atlantik allzu bekannt vorkommt.
Gepfählte Bürger und ein Gewissen in Unterhosen
Nach etwas mehr als einer Stunde ist “König Ubu” dann endlich vorbei, der Vorhang hebt sich, und man findet sich in den Räumlichkeiten des Ehepaars Achras wieder, das sich der Erforschung seiner Polyeder widmet (Bühne: Olaf Altmann). In zuckerlrosa Kostümen und mit weißen Perücken (Kostüme: Adriana Braga Peretzki) müssen Stefanie Dvorak und Gunther Eckes der Invasion ihres trauten Heims durch Ubu, der sich als Papaphysiker ausgibt, und einer Horde von Rüpeln, die das Ehepaar Ubu in Kisten im Gepäck haben, zusehen. Die bürgerliche Ordnung wird durch die mittlerweile singende Horde in Trümmer gelegt, das Ehepaar Achras wird mit großer Geste gepfählt, und Martin Schwab versucht als Personifikation des Gewissens in langer Unterwäsche Ordnung ins Chaos zu bringen. Der Erkenntnisgewinn hält sich in Grenzen, und nach einer halben Stunde gleitet der Abend schließlich in den dritten, bei Weitem stärksten Teil des Abends über: “Ubu in Ketten”.
Das Ehepaar ist mittlerweile in Frankreich eingetroffen, wo die Menschen in Freiheit leben und sich der Demokratie verschrieben haben, die sie – in Anzüge gekleidet – meist chorisch beschwören. Auch in Vater und Mutter Ubu scheint sich ein Wandel vollzogen zu haben, sie wollen dem Volk nun als Sklaven dienen, landen jedoch bald im Gefängnis. Und weil man Macht nicht einfach ablegen kann wie einen Mantel, schwingt sich Ubu alsbald erneut zum Anführer auf und dreht die Stimmung im Land um: Plötzlich wollen die freien Menschen ebenfalls Sklaven sein, der Wunsch nach einer starken Führung saß doch zu tief. Ausgerechnet in diesen letzten Minuten wird das Potenzial dieses Abends sichtbar: Alfred Jarry hält dem Publikum den Spiegel vor: Sind wir fähig, Freiheit langfristig auszuhalten? Oder knicken wir doch ein und entscheiden uns frei für den autoritären Führer, um künftig nicht mehr entscheiden zu müssen? Ein Höhepunkt, der zu spät kommt. Der Abend endete mit unterkühltem Applaus und einzelnen Jubelrufen für die Ensemblemitglieder.
(Von Sonja Harter/APA)
(S E R V I C E – “König Ubu” von Alfred Jarry im Burgtheater. Regie: Stefan Bachmann, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Adriana Braga Peretzki. Mit u.a. Stefanie Reinsperger, Sebastian Wendelin, Stefanie Dvorak, Gunther Eckes und Martin Schwab. Kommende Termine: 20., 21. und 29. Oktober, 4., 26. und 28. November, jeweils um 19.30 Uhr. )