Regie-Duo Covi/Frimmel: “Unser Set ist wie ein Schutzraum”

Der Wiener Blueskönig Al Cook steht in der Tragikomödie “The Loneliest Man in Town” vor einem Abgrund. Durch sein langsam versinkendes Wien ziehend, überlegt er, einen Neuanfang zu wagen und sich vielleicht sogar seinen lange gehegten Traum vom Mississippi-Delta zu erfüllen. Mit dem Regie-Duo Tizza Covi und Rainer Frimmel sprach die APA über die Grundzutat Humor, Al Cooks Charisma und deren Set als Schutzraum.
APA: Mit Auszeichnungen kennen Sie beide sich ja bestens aus. Erachten Sie es als eine solche, dass “The Loneliest Man in Town” als Abschlussfilm der Viennale gewählt wurde?
Tizza Covi: Ich erachte das als große Auszeichnung, auch weil wir schon eine sehr lange Beziehung zur Viennale haben. Die Viennale ist ein Festival, das bisher alle unserer Arbeiten präsentiert hat. Hans Hurch hat fünf unserer Arbeiten gezeigt, Eva Sangiorgi jetzt schon die dritte.
APA: Sie machen damit den Rausschmeißer, was ja eigentlich auch ganz gut zum Film passt, in dem Bluesmusiker Al Cook von skrupellosen Immobilienhaien aus seinem Haus geworfen wird. Wurde er vielleicht auch deshalb ausgewählt?
Rainer Frimmel: Der Rausschmiss-Gedanke kommt mir jetzt auch, aber das hat wohl keine Rolle gespielt. Der Film hat Humor, das ist wichtig für einen Abschlussfilm. Und er zeigt: Man hat selbst in schlimmen Situationen noch etwas zu lachen. Es gibt Hoffnung.
Humor als wichtige Zutat
APA: Für die Thematik ist der Film tatsächlich erstaunlich leichtfüßig. War von Anfang an klar, dass es in diese Richtung gehen soll oder hat sich das erst mit dem Auftreten bzw. der Art von Al Cook ergeben?
Covi: Humor ist in all unseren Arbeiten eine wichtige Zutat. Ich wäre sehr deprimiert, wenn wir einen Film machen würden, bei dem es nichts zu lachen gibt.
Frimmel: Die Richtung war vorgegeben, aber es war nicht klar, wie sich der Humor entwickeln wird. Wir improvisieren Dialoge, leben sehr von unseren Protagonisten und was sie von sich aus anbieten. Insofern waren wir oft sehr überrascht und beschenkt während der Dreharbeiten.
APA: Sie beide haben ein untrügliches Gespür dafür, interessante Personen näher zu beleuchten. Wie gehen Sie auf der Suche nach Ihren Protagonisten vor?
Covi: Al Cook kennen wir schon seit 20 Jahren und seit zehn Jahren denken wir daran, einen Film mit ihm zu machen. Das erste Drehkonzept habe ich schon 2020 geschrieben. Wir kennen unsere Hauptprotagonisten immer sehr gut: ihre Vergangenheit, Gegenwart und die Träume für ihre Zukunft.
APA: War es einfach, Al Cook an Bord zu holen?
Covi: Er hat unsere Art zu arbeiten schon gekannt. Natürlich haben wir länger darüber diskutiert. Er hätte eine dokumentarische Form bevorzugt, wir wollten aber unbedingt einen Spielfilm machen. Wir wollten, dass sein Schicksal und er als Person universeller verstehbar sind. Er hat eine Biografie von über 700 Seiten geschrieben. Wenn sich jemand biografisch für ihn interessiert, ist das schon abgedeckt.
Das Set als Schutzraum
APA: Al Cook ist über 80 Jahre alt und hat zuvor nicht geschauspielert. Brachte das Herausforderungen am Set mit sich?
Covi: Wir arbeiten mit einem sehr kleinen Team. Unser Set ist wie ein Schutzraum. In diesem kleinen Rahmen kann man das nötige Selbstvertrauen entwickeln und Sachen ausprobieren.
Frimmel: Die Basis unserer Zusammenarbeit ist Vertrauen. Er muss sich geschützt und verstanden fühlen.
Covi: Ursprünglich wollten wir mehr biografische Aspekte einbauen, aber im Laufe der Dreharbeiten waren wir zunehmend von seinem Charisma und seiner Mimik beeindruckt, sodass wir auf sprachlicher Ebene immer mehr reduziert haben. Die Präsenz von Al, seine Musik, seine Bewegungen haben eigentlich schon genügt.
Frimmel: Sobald Al auf der Bühne steht, wacht er auf und entwickelt sich zum richtigen Al Cook. Im echten Leben ist er doch eher zurückgezogen und schüchtern. Die Herausforderung war, dass die Kamera nicht zu einem Faktor wird, der ihn unruhig werden lässt.
Covi: Einen weiteren Schutzraum stellt dar, dass wir in seiner echten Wohnung drehen und er seine eigene Kleidung auswählen konnte.
APA: Die Ausstattung seiner Wohnung mit all den Memorabilia, VHS-Kassetten, Raubkatzen-Statuen und riesigen Elvis-Postern ist faszinierend. Das gehört alles ihm?
Covi: Ja. Das war für uns essenziell. Man spürt, wie schmerzhaft es ist, diese Wohnung zu verlieren, wie verbunden er mit jedem Objekt, mit der Tapete, jeder Platte ist, die sich in dieser Wohnung befindet. Eine wichtige Rolle hat auch das Studio gespielt, das sich im Keller befindet. Dieses Gefühl der Überraschung und des Wohlfühlens, das wir beim ersten Betreten verspürt haben, wollten wir auch unseren Zuschauern geben. Wenn man sich dort unten befindet, ist es, wie in die Seele des Al Cook zu schauen.
APA: Mein Kellerabteil schaut ganz anders aus.
Frimmel: Meines auch. (lacht)
Film als Spiegel der Zeit
APA: Al Cook spielt eine fiktionalisierte Version seiner Selbst mit stark autobiografischen Zügen. Da stellt sich die Frage, wie viel von dem auf der Leinwand tatsächlich “stimmt”. Nervt Sie, dass meist sofort versucht wird, alles in Boxen wie Dokumentarfilm oder Spielfilm zu pressen?
Covi: Uns ist es egal, ob es ein Dokumentar- oder Spielfilm ist. Es geht darum, einen Menschen begreifbar zu machen. Man muss immer versuchen, unter die Oberfläche zu schauen.
Frimmel: Film ist so ein wunderbares Medium und viel mehr als nur Dokumentar- oder Spielfilm. Es gibt so viele Zwischenformen. Am Ende ist es aber letztlich einfach ein Film. Für mich hat jeder gute Film auch viel Dokumentarisches an sich – selbst wenn es ein reiner Spielfilm ist. Er muss ein Spiegel der Zeit sein.
Covi: Wir arbeiten wahnsinnig gerne mit Laiendarstellern wie Al Cook. Sie sind extrem pur vor der Kamera. Die Glaubwürdigkeit der Geschichte erhöht sich dadurch.
APA: Ist es schon zum Problem geworden, dass die Personen in Ihren Filmen auf ihre fiktionalisierten Versionen angesprochen und für diese gehalten wurden?
Covi: Unsere Filme haben ja nicht so eine große Reichweite, dass die Personen ins öffentliche Interesse gezogen werden würden. Das ist aber natürlich einer der Gründe, warum wir unsere Filme ganz klar als Fiktion kennzeichnen.
Frimmel: Wir haben eine sehr große Verantwortung. Unsere Protagonisten geben uns ihren Namen, ihr Ambiente. Natürlich besteht dann die Gefahr, dass sie mit diesen Rollen identifiziert werden. Wir gehen mit unseren Filmen aber nie so weit, dass sie in sehr kompromittierenden Rollen zu sehen sind.
Covi: Essenziell ist, dass unsere Hauptprotagonisten das Drehbuch mögen. Wenn sie das nicht tun, ist es für uns unmöglich, den Film zu machen.
Frimmel: Wir bekommen unglaublich viel von unseren Protagonisten. Dann wollen wir ihnen auch etwas zurückgeben, auf das sie stolz sein können. Wir haben auch mit dem echten Hausbesitzer gesprochen, damit er nicht irritiert ist. Der ist in Wirklichkeit sehr sympathisch und würde so etwas nie machen – ganz im Gegenteil.
APA: Dass Al Cook, ein stolzer Mann, der immer seinen eigenen Weg gegangen ist, seine Wohnung aufgibt, überrascht. Versteckt sich darin ein Kommentar, dass man trotz Mieterhilfe und Co. letztlich zu wenig gegen Immobilienbesitzer unternehmen kann, wenn diese aus Geldgier ekelhaft mit ihren Mietern umgehen?
Covi: Ich würde sagen, nein. Al träumt schon, seit er ein junger Bursche ist, davon, dass er ins Mississippi-Delta fahren kann. Er war dort bis dato immer noch nicht. Etwas zu verlieren, setzt Dinge in Bewegung. Al gibt in einer gewissen Art und Weise nicht auf, er sucht einen neuen Weg.
APA: Man hat das Gefühl, mit Al Cook durch eine langsam versinkende Ecke Wiens zu gehen. Ist es wirklich so tragisch um seine Welt und damit auch den Blues bestellt, wie es etwa eine Szene mit einem Auftritt in einem kleinen Schuppen nahelegt?
Frimmel: Im Film ist es durchaus erlaubt, das Gefühl der Einsamkeit und dass niemand mehr den Blues versteht, zu überzeichnen. Das Lokal, in dem er regelmäßig auftritt, ist schon immer ganz gut gefüllt. Aber natürlich ist Blues jetzt nicht die Musikrichtung, die hier in Wien die Stadien füllt. Und ja, in den letzten Jahren hat sich Wien sehr verändert. Es werden viele schöne Häuser und Fassaden abgerissen, was mir sehr leidtut. Man merkt das auch an den Mieten, die in die Höhe geschossen sind.
“Österreich hat in der Filmförderung sehr viel richtig gemacht”
APA: Bei der heurigen Ausgabe der Viennale waren besonders viele österreichische Arbeiten und darunter auch mehrere Debüts zu sehen. Schon zuvor bei der Berlinale – wo Sie ja im Wettbewerb vertreten waren – ging es aus österreichischer Sicht rund. Täuscht der Eindruck oder floriert das Filmschaffen hierzulande, auch wenn zuletzt viel Aufregung um die Filmförderung herrschte?
Covi: Ich glaube, Österreich hat in der Filmförderung sehr viel richtig gemacht. Es werden auch explizit Filme gefördert, die nicht kommerziell sind. Das ist der Nährboden für junge Leute, die ihre eigene Handschrift finden und mutiger arbeiten wollen. Der österreichische Film, den wir auf der Viennale oder anderen Festivals sehen, ist ein extrem mutiger Film. Dahinter stehen Menschen, die sich trauen, Geschichten anders zu erzählen. Und das ist auch ganz bestimmt dem Fördersystem zu verdanken.
APA: Der Film startet Mitte November regulär im Kino. Verfolgen Sie für gewöhnlich, wie er ankommt?
Covi: Für mich ist Kino einer der schönsten Räume, die es gibt. Mit anderen Personen in einem Raum zu sitzen und andere Menschen und Geschichten kennenzulernen: Das kann Empathie schaffen. Deshalb ist es so wichtig, dass die Leute ins Kino gehen.
Frimmel: Der Film wird in 40 Ländern ins Kino kommen. Das freut uns sehr, wenn er in Japan, Brasilien oder Indonesien zu sehen ist.
APA: In Uruguay ist “The Loneliest Man in Town” gar bei einem Filmfestival zum besten Film gekürt worden …
Frimmel: Irgendwas löst er definitiv aus. Sehr viele Menschen können sich offenbar mit Al identifizieren oder haben Sympathien für ihn. Das Thema der Gentrifizierung betrifft auch alle.
(Das Gespräch führte Lukas Wodicka/APA)
(S E R V I C E – “The Loneliest Man in Town” ist am 3. November in fünf Wiener Kinos als Abschlussfilm der Viennale zu sehen, ; ab 13. November regulär im Kino, )