Fünf Tote bei Angriffen auf ukrainische Energieanlagen
Bei massiven russischen Angriffen auf die ukrainische Energieversorgung sind in der Nacht auf Mittwoch fünf Menschen ums Leben gekommen. Die Energieinfrastruktur im Großraum Kiew sei das Hauptziel der Attacken mit fast 190 Drohnen und ballistischen Raketen gewesen, teilte Präsident Wolodymyr Selenskyj mit. “Ein kombinierter Angriff dieses Ausmaßes hat seit dem Ende der vergangenen Heizperiode nicht mehr stattgefunden”, erklärte Ministerpräsident Serhij Korezkyj.
Unter den fünf Todesopfern landesweit sei auch ein Kind, sagte Selenskyj. Russland habe auch in den Regionen Schytomyr, Mykolajiw, Kirowohrad und Riwne kritische Infrastruktur angegriffen. Kiew war am Morgen nach den Luftangriffen wegen Bränden in dichten Rauch gehüllt. Rettungsdienste riefen die Menschen auf, die Fenster geschlossen zu halten. Bürgermeister Vitali Klitschko zufolge wurden zudem Trümmerteile auf dem Gelände einer westlichen Botschaft im Zentrum von Kiew gefunden. Um welche Vertretung es sich handelte, ließ er offen.
Das russische Militär in Moskau sprach von Attacken auf das Wasserkraftwerk von Wyschgorod nördlich von Kiew, das Heizkraftwerk Tripillja im Süden und ein Umspannwerk. Die NASA-Website Firms, die weltweit Brandherde per Satellit erfasst, verzeichnete an diesen Stellen Feuer.
Stromversorgung im Visier
Die Ukraine bereitet sich darauf vor, dass Russland zu Beginn der kalten Jahreszeit die Strom- und Wärmeversorgung weiter zu zerstören versucht. Korezkyj wies die Behörden an, die Bereitschaft von Notstromsystemen in kritischen Einrichtungen zu überprüfen und deren Installation so schnell wie möglich abzuschließen. Der Energieversorger DTEK machte keine genauen Angaben zu den Schäden am Stromnetz in Kiew, teilte jedoch mit, die Versorgung von 8.000 Haushalten sei wiederhergestellt worden.
Die russische Regierung erklärte, die Schläge hätten unter anderem einem Rechenzentrum der ukrainischen Streitkräfte in Kiew sowie Kraftwerken in der Umgebung gegolten. Zudem seien Industrieanlagen in der Region Odessa und Hafenanlagen in Ismajil getroffen worden. Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe wurden von den eingesetzten Waffen fünf Raketen und 155 Drohnen abgefangen. Selenskyj sagte, die Ukraine habe in den vergangenen Tagen neue Ausrüstung zur Luftverteidigung erhalten. Er dankte den Partnerländern und bat zugleich um mehr Schutz für den Winter.
Alarm in Nachbarländern
Der Beschuss hatte auch Auswirkungen auf die Nachbarstaaten. In der Republik Moldau drang eine Drohne in den Luftraum ein und explodierte nahe dem östlichen Dorf Hirbovet. “Putin testet die NATO”, sagte Moldaus Premierminister Vasile Tofan am Mittwoch zur Tageszeitung “Die Presse”: “Das ist der Moment, in dem Europa geschlossen auftreten und handeln muss.”
Die NATO-Mitglieder Rumänien und Polen ließen Kampfjets aufsteigen. An den polnischen Flughäfen Lublin und Rzeszow wurde der Flugbetrieb vorübergehend eingestellt. Unterdessen setzte die Ukraine ihre Angriffe auf russisches Gebiet fort, unter anderem auf Ölraffinerien. In der russischen Grenzregion Brjansk kam nach Angaben des dortigen Gouverneurs ein Mensch bei einem Drohnenangriff ums Leben.
Ukraine beziffert Kriegskosten 2026 auf 155 Milliarden Dollar
Korezkyj bezifferte die Kriegskosten der Ukraine im laufenden Jahr auf 155 Milliarden Dollar (136,50 Mrd. Euro). Die Regierung arbeite daran, eine Finanzierungslücke von 27 Milliarden Dollar zu schließen, um die Kampfbereitschaft auch zu Beginn des Jahres 2027 sicherzustellen. Sieben Milliarden Dollar sollen durch strenge Sparmaßnahmen und Haushaltsoptimierungen gedeckt werden. Über die restlichen 20 Milliarden Dollar liefen Gespräche mit Partnern. Es ist das erste Mal, dass Kiew eine Schätzung seiner jährlichen Kriegskosten veröffentlicht. Russland hatte den seit 2014 andauernden Krieg in der Ukraine 2022 mit einem Großangriff ausgeweitet.