Schauspielhaus Wien wird barrierefrei
Eine mehrmonatige Schließung zwecks Einbau eines Liftes für mehr Barrierefreiheit, drei Uraufführungen sowie eine Österreichische Erstaufführung und ein Plädoyer für “eine transparente Entwicklung der Landschaft der Darstellenden Künste sowie eine kooperative Kulturpolitik für Wien”: Am Mittwoch hat das Leitungsteam des Schauspielhauses Wien seine Pläne für seine letzte Saison vorgestellt. Verbitterung über die geplante Zusammenlegung mit dem TEATA war dabei spürbar.
“Bei der letzten Pressekonferenz hier vor ein paar Wochen haben wir unfreiwillig die Rollen von Statist:innen eingenommen”, thematisierte Tobias Herzberg gleich zu Beginn der Pressekonferenz den Elefanten im Raum, also die kulturpolitische Entscheidung, die Verträge des Vierer-Teams nicht zu verlängern und das Haus stattdessen an TEATA-Leiterin Sara Ostertag zu übergeben, um eine gemeinsame Dachmarke zu bilden. Bis heute habe es kein wirklich klärendes Gespräch oder Kritik an ihrer bisherigen Arbeit gegeben, hieß es auf APA-Nachfrage. Die Forderung nach nachvollziehbaren Evaluationskriterien für die Leitungstätigkeit bleibe daher aufrecht.
Wiederaufnahmen während Schließzeit in Partner-Institutionen
Für die verbleibende Zeit will man den eingeschlagenen Kurs weiterführen: Darunter fallen die Zusammenarbeit mit Autor:innen und dem Ensemble, internationale Kooperationen und “die Lust am ästhetischen Risiko.” Während der Schließzeit des Hauses von Beginn der Saison bis Ende des Jahres gibt es eine Kooperation mit dem Theater am Werk Kabelwerk (Wiederaufnahme von Calle Fuhrs “Die Quelle” am 21. Oktober), Amir Gudarzis “Das Ende ist nah”, das als Koproduktion mit dem TEATA realisiert wurde, wird ab 9. Dezember im Theater Arche wiederaufgenommen, da die Spielstätte in der Gumpendorfer Straße bis dahin nicht abgeschlossen sei.
Nach dem Ende des Lifteinbaus, der als Public-Private-Partnership realisiert wird, und für den es ein Crowdfundingprojekt gibt, stehen vier Premieren im Schauspielhaus auf dem Programm: Den Anfang macht am 16. Jänner die Österreichische Erstaufführung von “Wokey Wokey” der deutschen Autorin und Regisseurin Nora Abdel-Maksoud, die sich mit der Vereinnahmung des Begriffs “woke” durch rechte Gruppierungen beschäftigt. Angekündigt ist ein “abgründig komischer Trip durch den Rechtsruck und die Deutungshoheit der sogenannten bürgerlichen Mitte”. Regie führt Theresa Thomasberger, die am Haus bereits 2024 “Der Verein” inszenierte. Laut der Dramaturgin Melina Papoulia geht es um einen “Kulturkampf, der leider in die Mitte der Gesellschaft gerückt ist”.
Vielvölkerstaat und die Frage nach Heimat
In die “Gegenden diesseits und jenseits der Leitha” entführt Ewe Benbenek in ihrem neuen Stück “ФielföلkaŠtát (äh, vielvölkastaat, oder was?)”. Die Uraufführung (27. Februar) wird von Schauspielhaus Co-Direktorin Marie Bues inszeniert. Erarbeitet wird das Stück von Schauspieler:innen aus Graz, Budapest und Wien. Dabei handle es sich um ein “dezentrales Stückgebilde, das sich mit anderen Deutungshoheiten beschäftigt”, wie Dramaturgin und Co-Direktorin Martina Grohmann sagte. Geplant ist eine Reise durch verschiedene Zeitebenen, in der man sich mit dem Modell des Vielvölkerstaates auseinandersetzt. “Was ist dieses Gefüge Europa, was ist Ost- und West-Europa, gibt es diesen Unterschied noch und wenn ja, warum ist es wichtig, darüber zu sprechen?”, erläuterte die Autorin bei der Pressekonferenz ihren Ansatz. Der Titel setzt dabei auf kyrillische, arabische und lateinische Buchstaben, um den Inhalt auch grafisch zu vermitteln.
Eine weitere Uraufführung gibt es am 14. April mit “Luftmenschen oder: Next Year in Siberia” von Eve Leigh, Regie führt Co-Direktor Tobias Herzberg. “Ein Vielvölkerstaat ganz anderer Natur war die Sowjetunion. Dabei stellen wir die Frage, was Heimat ausmacht”, so Herzberg. Im Zentrum des Stücks steht einer der letzten Juden von Birobidschan, der “jüdischen autonomen Zone” in Sibirien. Nach “Verbranntes Land. (Salty Irina)”, das im Februar wieder aufgenommen wird, freute sich Herzberg, nun ein neues Stück der Autorin zur Uraufführung zu bringen.
Abschluss mit True Crime
Den Abschluss der Intendanz des Leitungsquartetts bildet mit dem Krimi “Double” von Co-Direktor Mazlum Nergiz eine weitere Uraufführung (Premiere am 11. Juni, Regie: Kamila Polívková). “Wie immer überlege ich mir, wie politische und individuelle Gewalt erzählbar gemacht werden kann, ohne sie zu reproduzieren”, wie der Autor sagte. Angesichts der “Explosion von True Crime-Podcasts” habe ihn “die Abwesenheit von True Crime in der zeitgenössischen Dramatik” interessiert. Weiters auf dem Saisonprogramm ist eine Fortsetzung der “So^los” in intimem Rahmen sowie die Fortsetzung des Vermittlungsprogramms “Offenes^Haus”.
Sehr zufrieden mit der ablaufenden Saison zeigte sich der kaufmännische Geschäftsführer Matthias Riesenhuber. Insgesamt begrüßte man im Haus bei über 200 Vorstellungen rund 21.000 Zuschauerinnen und Zuschauer (inklusive Freikarten), die Auslastung betrug 84 Prozent, der Eigendeckungsgrad lag bei knapp 20 Prozent. Mit sechs Produktionen habe man Gastspiele absolviert, die von insgesamt 2230 Besuchern gesehen wurden. Besonders wichtig sei es nun, das Geld für das zusätzliche Liftstockwerk zu sammeln, um auch die Schauspielhaus-Büros barrierefrei zu erreichbar zu machen. Für eine Spende von 50 Euro wartet ein exklusiver Schauspielhaus-Schlüsselanhänger.
(S E R V I C E – )