Schauurteil gegen russische Künstlerinnen jährt sich

06.07.2026 • 10:24 Uhr
Schauurteil gegen russische Künstlerinnen jährt sich

Am 8. Juli 2024 wurden die Regisseurin Jewgenija Berkowitsch und die Dramatikerin Swetlana Petritjschuk in einem höchst umstrittenen Prozess in Moskau wegen “öffentlicher Rechtfertigung des Terrorismus” zu sechs Jahren Haft in einer Strafkolonie verurteilt worden. Anlass war ihr Stück “Finist – der tapfere Falke” über Frauen, die IS-Anhänger heiraten. Petritjschuks Ehemann Yury Shekhvatov kämpft unterdessen weiter für die Freiheit der Verurteilten.

Am meisten ärgere ihn die “völlige Gleichgültigkeit” der Justizmaschinerie, macht der im Hamburger Exil lebende Shekhvatov im Reuters-Interview: “Sobald man einmal in diesem System gefangen ist, laufen die Dinge einfach auf Autopilot ab.”

“Sie haben das Verfahren eröffnet, und es zog sich einfach in die Länge. Der Ermittler schob ein paar Papiere hin und her, und dann saß der Richter da und spielte Theater, tat so, als sei er ein intellektueller Mann, der sich in Literatur auskennt … Er tat so, als würde er alles prüfen, doch er wusste die ganze Zeit, dass ihm das Urteil einfach vorgelegt werden würde.”

Formal sind Russlands Gerichte unabhängig

Laut der russischen Verfassung sind Gerichte zwar unabhängig, Menschenrechtsaktivisten konstatieren aber eine gänzlich gegenläufige Praxis – vor allem in öffentlichkeitswirksamen Fällen. Die Urteile gegen Berkowitsch und Petritjschuk hätten hierbei eine neue Stufe der Unterdrückung im kriegsgeplagten Russland überschritten.

Die 46-jährige Petritjschuk verbüßt ihre Strafe nun in einer Strafkolonie nahe Moskau. Nach ihrer Verhaftung im Mai 2023 schrieb Shekhvatov ihr in den ersten zwei Jahren jeden Tag lange Briefe. Mittlerweile kommunizieren sie hauptsächlich über kurze Nachrichten mittels App des Strafvollzugs und dürfen mehrmals im Monat telefonieren.

“Von außen betrachtet kann das natürlich kaum gut ausgehen, aber wenn sie Momente der Hoffnung hat, habe ich sie immer unterstützt und gesagt: ‘Wir werden kämpfen, auf jeden Fall, wir schaffen das.’ Und wenn sie traurig war, habe ich nicht versucht, ihre Einstellung zu ändern.”

Der 38-Jährige betreibt die Website , um auf den Fall aufmerksam zu machen und für ihr Theaterstück zu werben. Weltweit fanden bereits mehr als 75 Aufführungen von “Finist, der strahlende Falke” in 13 Sprachen statt. Sich selbst hält Shekhvatov als Masseur und Gesundheitscoach über Wasser. Perspektivisch hofft er, dass er dereinst als Literaturagent für seine Frau tätig sein kann.

“Ich habe nicht den geringsten Zweifel daran, dass sich ihre Werke, sobald sie freikommt und mit dem Schreiben beginnt, weltweit verkaufen und übersetzt werden. Und ich werde dafür sorgen, dass das geschieht.”

(Von Mark Trevelyan/Reuters)