Schüller setzt auf derzeitige Kirchenführung bei Reformen

Helmut Schüller, Mitbegründer der katholischen Pfarrer-Initiative, setzt Hoffnung in die neue Kirchenführung hinsichtlich möglicher Reformen. Ermutigend sieht er etwa Aussagen von Papst Leo XIV. und Wiens Erzbischof Josef Grünwidl. Schüller hofft darauf, dass sich reformfreudige Kräfte innerhalb der Kirche vermehrt vernetzen. “Wir sind ein Lobbying-Verein, der nicht müde wird, auch wenn wir zwischendurch müde geworden sind”, beschreibt er die Rolle seiner Initiative.
Als Antwort auf den größer werdenden Priestermangel hat sich die Pfarrer-Initiative vor 20 Jahren gegründet. Zu den Forderungen zählen etwa die verstärkte Einbindung von Laiinnen und Laien in den seelsorgerischen Betrieb, ein Umdenken beim Zölibat sowie das Frauenpriestertum. Für Irritationen bei der offiziellen Kirchenführung sorgte der “Aufruf zum Ungehorsam”, der dem ehemaligen Generalvikar und Caritas-Chef Schüller sogar den päpstlichen Ehrentitel Monsignore kostete.
Grünwidl habe bereits vor dessen Bischofsweihe Signale in Richtung Kirchenreform gegeben. So habe dieser gesagt, er möchte die Zukunft der Gemeinden nicht nur von den immer weniger werdenden Priestern aus denken, sondern von den Gemeinden aus. “Und da haben wir aufgehorcht”, so Schüller, der selbst noch Pfarrer im niederösterreichischen Probstdorf ist. “Nachdem wir ihn auch persönlich kennen, wissen wir, dass er in diese Richtung schon lange denkt, schon bevor er Erzbischof wurde. Und jetzt sind wir gespannt, ob sich da was öffnet”, so Schüller.
“Spielraum in Rom erkämpfen”
Für Schüller ist nun die Frage wichtig, “ob sich die Bischöfe Spielräume in Rom erkämpfen”. Schon Papst Franziskus habe die Bischöfe aufgefordert, mutige Vorschläge zu machen. “Und jetzt werden wir sehen, ob Josef Grünwidl diese Chance nützt.” Die Pfarrer-Initiative selbst habe “verschiedene Wellen” hinter sich: Habe man sich unter Papst Benedikt XVI. noch öffentlich “gematcht”, dachte man unter Franziskus, “jetzt geht es anders weiter”. Leo XIV. habe nach außen “große Akzente gesetzt, für die jeder von uns irrsinnig dankbar ist”.
Auch wenn kirchenrechtlich so bald keine Änderungen in Richtung Öffnung zu erwarten sind, gebe es durchaus gewisse Schlupflöcher beim Bestehenden, merkt Schüller an. Der Gründer der Pfarrer-Initiative verweist auf Canon 517: Wenn ein Bischof für eine Gemeinde keinen Pfarrer findet, dann kann er Laien beauftragen, die Seelsorge zu leiten. Dies sei genau der Punkt, an dem man anknüpfen könne. “Es ist eine Tür, durch die man nur eintreten müsste.”
Synodaler Prozess muss verbindlich sein
Den von Rom initiierten synodalen Prozess, der die Partizipation der Basis stärken soll, sieht Schüller mit Wohlwollen, wenn auch mit Skepsis. “Wir sind jetzt an einem spannenden Punkt. Denn es geht letztlich um die Verbindlichkeit”, gibt er zu bedenken. Ansonsten bleibe man bei “Selbstbeschäftigung und Langeweile-Bekämpfung”. Es gehe darum, dass jene, die derzeit die Macht in der Kirche haben, sagen: “Wir relativieren unsere Macht und machen uns kontrollierbar, geben Rechenschaft und lassen mitentscheiden.”
Öffnung erwartet sich Schüller auch in der österreichischen Kirche, etwa wenn es um die derzeit anstehende Neubesetzung des Generalsekretariats der Bischofskonferenz geht. Dabei muss die Nachfolge von Peter Schipka bis November geregelt sein, derzeit steht die Funktion laut Statuten nur geweihten Priestern zu. Schüller sieht daher die “dringende Notwendigkeit”, dies zu ändern. So habe die deutsche Bischofskonferenz bereits eine weibliche Generalsekretärin. Und selbst der Papst sei “stolz darauf, mit Recht, dass in ganz wesentliche Ämter längst Frauen berufen sind”.
Hoffnung in Grünwidl bei freier Lebensform
Auch beim Anliegen, das Priesteramt für Männer in einer Beziehung zu ermöglichen, gibt Schüller nicht nach. Hier habe sich Wiens Erzbischof Grünwidl klar zur freien “Lebensformwahl” positioniert. “Übrigens ist er in meiner Wahrnehmung der erste Bischof, der das vor seiner Wahl schon gesagt hat, was ich strategisch sehr gut fand. Weil damit jenen, die ihn zum Erzbischof gemacht haben, bewusst sein muss: Der Mann steht für das ein. Jetzt muss er es natürlich auch weiter betreiben.” Allerdings sieht Schüller im Zölibat nicht den einzigen Grund für den Priestermangel. Auch die Kirchenstruktur schrecke viele potenzielle Priester vom Amt ab.
Auch die Pfarrer-Initiative selbst kämpft mit dem Nachwuchs. “Wir sind im Großen und Ganzen eine ziemlich stabile Gruppe, aber die Achillesferse ist die Überalterung”, bemerkt Schüller. “Und wir stellen fest, dass jetzt recht viele junge Männer ins Priesteramt kommen, die, sagen wir es einmal ganz salopp, anders ticken.” So hätten einige junge Priester keine große Freude mit dem Thema Kirchenreform und suchten eher “die klassische Rolle”.
Engagement bei Projekt Weltethos
Schüller selbst ist derzeit 73 Jahre alt und steht ebenso vor dem Rückzug aus einigen Funktionen, wie etwa jener des Hochschulseelsorgers. Dennoch scheut er vor neuem Engagement nicht zurück: Er steht in Österreich auch dem Projekt Weltethos vor. Die 1995 vom Theologen Hans Küng gegründete Stiftung betont die gemeinsamen Werte und Maßstäbe über die Grenzen von Religionen, Kulturen und Nationen. Dabei sind auch in Österreich Vertreter und Vertreterinnen der großen Glaubensgemeinschaften, aber etwa auch des Atheismus.