Schützen laden Tiroler Musikkapelle wegen Marketendern aus

02.06.2026 • 18:17 Uhr

In Tirol gibt es einmal mehr Aufregung um die Geschlechterrollen bei Traditionsvereinen: Weil bei der Haller Speckbacher Stadtmusik auch männliche Marketender mitmarschieren, wurde sie vom 72. Bezirksschützenfest in Hall in Tirol ausgeladen, berichtete “MeinBezirk” zuerst. Der Schützenbezirk wollte bei seinem Festtag am 28. Juni Diskussionen um männliche Marketender vermeiden – auch mit Blick auf die erst kürzliche Entscheidung, Frauen am Gewehr nicht zuzulassen.

Bereits beim Schützenjahrtag der Speckbacher Schützenkompanie im März sei es unter den Schützen zu “intensiven Diskussionen und teilweise erheblichen Unverständnis” aufgrund von männlichen Marketendern gekommen, hieß es seitens der Schützen. Nachdem die Kompanie bei der Stadtmusikkapelle angefragt habe, beim Bezirksschützenfest nur mit weiblichen Marketenderinnen auszurücken und dies dort verneint wurde, entschied sich der Schützenbezirk für die Ausladung der Stadtkapelle.

“Im Zusammenhang mit der landesweiten basisdemokratischen Entscheidung, künftig keine Frauen als Gewehrschützinnen zuzulassen, sowie der Befürchtung, dass dadurch erneut ein entsprechender Konnex hergestellt werden könnte”, sei so entschieden worden, sagte Kurt Mayr, Bezirkskommandant des Schützenbezirks Hall. “Dabei spielte die Teilnahme eines männlichen Marketenders eine zentrale Rolle, da dadurch erneute Diskussionen und öffentliche Kontroversen befürchtet wurden.” Die Schützen wollten eine “sachliche und ruhige Durchführung” des Fests gewährleisten, sagte Mayr auch der “Tiroler Tageszeitung” (Dienstagsausgabe). Der Marketender sollte zudem “vor möglichen persönlichen Anfeindungen und belastenden Situationen” geschützt werden.

Stadtmusikkapelle wollte auf Marketender nicht verzichten

Für die Obfrau der Stadtmusikkapelle, Claudia Posch, kam ein Verzicht auf ihre Marketender indes nicht infrage. “Zumal einer der Marketender ein fixes Mitglied der Kapelle ist und ihm ein Mitwirken keinesfalls verwehrt werden soll – schon gar nicht aufgrund seines Geschlechts.” Die Speckbacher hätten sich Anfang 2026 indes bewusst dafür entschieden, auch männliche Marketender zuzulassen. Nicht nur um den Mitgliederstand zu gewährleisten, sondern auch um ein Zeichen für die Gleichbehandlung der Geschlechter zu setzen.

Landesverbände mit unterschiedlichen Reaktionen

Die Causa führte indes auch zu Reaktionen der Verbände auf Landesebene. Der Landesobmann des Tiroler Blasmusikverbandes, Peter Spanblöchl, zeigte “überhaupt kein Verständnis” und bezeichnete die Ausladung als “starkes Stück”. Marketender hätten jedenfalls einen Platz bei den Tiroler Musikkapellen: “Auch historisch ist das gar kein Thema, das war immer ein männlicher Beruf”.

Der Landeskommandant des Bundes der Tiroler Schützenkompanien, Thomas Saurer, bezog indes nicht direkt Stellung, sondern verwies darauf, “dass die Entscheidung darüber, welche Vereine und Formationen zu einer Veranstaltung eingeladen werden, grundsätzlich beim jeweiligen Veranstalter liegt.” Diese Eigenständigkeit gelte es zu respektieren, ebenso wie die Autonomie der jeweiligen Verbände, Vereine und Organisationseinheiten. “Weder Einmischungen in die Angelegenheiten des Blasmusikverbandes und seiner Musikkapellen noch Eingriffe in die Eigenständigkeit der Schützenkompanien und Gliederungen unseres Bundes entsprechen meinem Verständnis einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit auf Augenhöhe”, so Saurer in einem “Offenen Brief”. Der Landeskommandant betonte, dass es “unser gemeinsames Ziel” sein sollte, “Verständnis für unterschiedliche Standpunkte aufzubringen und ein respektvolles Miteinander zu pflegen”. Die Schützen stünden jedenfalls für einen “sachlichen Dialog”. Saurer appellierte “an alle Beteiligten, aufeinander zuzugehen, Brücken zu bauen und den Dialog fortzusetzen.”

Stadtpolitik stellt Förderung auf Prüfstand, NEOS und Grüne mit Kritik

Die Stadtpolitik zeigte sich von dem Vorfall nicht angetan, die Streichung der Förderung für die Veranstaltung stand im Raum. Für Bürgermeister Christian Margreiter könnte es schon “Konsequenzen” haben, sollte ein “verdienter Haller Verein von einem Bezirksschützenfest ausgeladen” werden.

Kein Verständnis kam auch vonseiten oppositioneller landespolitischer Vertreter. NEOS-Landessprecherin und Klubobfrau Birgit Obermüller sah bei den Schützen den “nächsten Schritt rückwärts”. “Wer jede Form von Gleichberechtigung oder Offenheit als Kontroverse betrachtet, sollte sich fragen, ob er im Jahr 2026 angekommen ist”, sprach sie von einer “Absurdität”. Auch die Grünen übten starke Kritik an den Schützen. “Der Wunsch nach Gleichstellung entsteht längst innerhalb der Vereine selbst und wird dennoch von Teilen des Schützenwesens radikal abgewürgt”, meinte Landtagsabgeordnete Zeliha Arslan. Die Schützen hätten “offenbar Angst vor einer gesellschaftlichen Debatte”.