SOS-Kinderdorf: Neue Missbrauchsermittlungen in Tirol

06.08.2026 • 14:46 Uhr

In der Causa um Missbrauchsvorwürfe gegen SOS-Kinderdorf tut sich eine weitere Front auf: Die Staatsanwaltschaft Innsbruck leitete vor einigen Wochen ein Ermittlungsverfahren gegen mehrere Personen wegen des “Beitrags zum schweren sexuellen Missbrauch Minderjähriger in mehreren Fällen” ein. Ein Sprecher bestätigte der APA einen “Kurier”-Bericht. Es bestehe der Anfangsverdacht, dass “Kinder aus Panama nach Österreich gebracht und hier sexuell missbraucht worden sein sollen”.

Der Verdacht ergab sich nach der Prüfung des bereits publik gewordenen Berichts der “Independent Special Commission” (ISC), hieß es am Donnerstag. Die Ermittlungen würden sich gegen eine bekannte Person, die in einem ausländischen Kinderdorf beschäftigt war, sowie gegen weitere bisher unbekannte Personen richten.

Ermittlungen laufen noch

Nähere Details wollte Staatsanwaltschaftssprecher Hansjörg Mayr unter Verweis auf die laufenden Ermittlungen nicht bekanntgeben. Im Ende Juni von der unabhängigen Reformkommission unter der Leitung der ehemaligen Präsidentin des Obersten Gerichtshofs, Irmgard Griss, präsentierten Abschlussbericht kommt Panama laut “Kurier” nicht bzw. nur indirekt vor. Die Zeitung zitierte indes aus einer Kurzversion des ISC-Berichts, wonach im Zusammenhang mit Panama eine Praxis der Stipendienvergabe beschrieben werde, die der Vertuschung von Missbrauchsvorwürfen gedient haben dürfte: Opfer sollen aus ihren Heimatländern unter anderem nach Österreich gebracht worden sein, um dort eine Ausbildung zu machen. Die ISC schrieb von einer “Art der Entschädigung” für die erfahrene Gewalt.

SOS-Kinderdorf Österreich erklärte am Donnerstag gegenüber der APA, dass man dazu über keine eigenen Informationen verfüge, “da Panama kein Schwerpunktland von SOS-Kinderdorf Österreich ist”, wie es in einer Stellungnahme hieß. Eine Sprecherin verwies in diesem Zusammenhang an den Dachverband SOS-Kinderdorf International. “Für die konkrete Umsetzung einer lückenlosen Aufarbeitung stehen wir in engem Austausch mit den betroffenen Schwesternvereinen und SOS-Kinderdorf International.”

Offenbar zwei konkrete Fälle

Zwei konkrete Fälle seien thematisiert worden. Im Falle einer Frau, die als Jugendliche 1993 nach Tirol gekommen sei und eine Kochlehre in einem Luxushotel absolvierte, habe sich der Missbrauch noch in Panama zugetragen. Die Frau habe angegeben, die Verantwortlichen in Österreich jahrzehntelang damit konfrontiert zu haben. Diese hätten versucht, sie mundtot zu machen. Mittlerweile soll die Frau in Deutschland leben. Im Fall eines Burschen wiederum verliere sich nach seiner Ankunft in Österreich die Spur. Auch er hatte offenbar in Tirol eine Lehre begonnen.

Fälle, die offenbar die ISC stutzig machten. In der Kurzfassung des Berichts war demnach zu lesen, dass nicht klar sei, wer sich abseits ihrer Heimat um die nach Österreich gebrachten Kinder gekümmert habe. Man habe “echte Sorge um die Sicherheit und das Wohlbefinden” der Betroffenen.

Missbrauchs-Causa vor rund einem Jahr hochgekocht

Die Missbrauchs-Causa rund um SOS-Kinderdorf war im September 2025 nach einem Bericht der Wiener Wochenzeitung “Falter” hochgekocht. Dabei wurde eine intern bekannte Studie zu Missbrauchsfällen in diversen SOS-Kinderdorf-Einrichtungen veröffentlicht. So sollen etwa im SOS-Kinderdorf Moosburg in Kärnten Kinder bis vor wenigen Jahren geschlagen, gequält und misshandelt worden sein. Die Minderjährigen sollen eingesperrt und nackt fotografiert worden sein. Die Geschäftsführung kannte die Studie, reagierte aber nicht. Auch das SOS-Kinderdorf im Tiroler Imst sah sich mit Vorwürfen, die Vergangenheit betreffend, konfrontiert. In Folge gab es auch gegen den 1986 verstorbenen Gründer der SOS-Kinderdörfer, Hermann Gmeiner, schwere Missbrauchsvorwürfe. Laut Bericht der Kommission lagen gegen ihn 16 Verdachtsfälle von sexuellem bzw. schwerem sexuellen Missbrauch vor, wobei acht Personen bereits entschädigt wurden. Vor allem den Vorwürfen gegen Gmeiner sei “nicht nachgegangen” worden, urteilte Kommissionsleiterin Griss. Die Empfehlungen des Gremiums wollte die wegen der Causa auch personell schwer gebeutelte SOS-Kinderdorf-Organisation jedenfalls umsetzen.