Teufelskreis: Schlafstörungen verstärken chronischen Schmerz

Menschen mit chronischen Schmerzzuständen und Schlafstörungen leiden doppelt. Neurobiologische Forschungen deuten jetzt darauf hin, dass Schlafstörungen direkt das Schmerzempfinden beeinflussen, indem sie die körpereigene Schmerzhemmung schädigen. Dies erklärten Fachleute vor kurzem im Rahmen des Deutschen Schmerzkongresses in Mannheim. Schlafstörungen haben laut entsprechenden Umfragen bei allen Bevölkerungsgruppen in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen.
Besonders betroffen sind Menschen mit chronischen Schmerzen: Bei ihnen geben etwa drei von vier an, unter Schlafstörungen zu leiden.
“Wer unter körperlichen Schmerzen leidet, findet nachts oft keine bequeme Schlafposition oder ist durch schmerzbedingtes Schonverhalten tagsüber nicht ausreichend müde in der Nacht”, sagte Anke Diezemann-Prößdorf, Leitende Psychotherapeutin am Deutschen Schmerz-Zentrum Mainz. Gleichzeitig zeige eine Übersicht von Langzeitstudien mit mehr als 60.000 Probanden: Verschlechtert sich der Schlaf, steigt wiederum das Risiko für später auftretende Schmerzerkrankungen.
Ein Teufelskreis
Wer unter chronischen Schmerzen und Schlaflosigkeit leidet, gerät rasch in einen regelrechten Teufelskreis: Der Schmerz verhindert das Einschlafen, was wiederum zu einem Gefühl von Hilflosigkeit und Sorge führt und das Einschlafen erst recht erschwert. Die Schlaflosigkeit erfährt dann noch mehr Aufmerksamkeit und wird zum Stressor. Dieser wiederum verschlechtert die körperlichen Schmerzen weiter.
“Tatsächlich zeigen Studien, dass bei Schlafproblemen die psychologischen Faktoren den entscheidenden Einfluss haben: Kognitive Erregung wie Grübeln und Anspannung sowie die Stimmung vor dem Einschlafen sagten den anschließenden Schlaf besser voraus als die körperlichen Schmerzen”, so Anke Diezemann-Prößdorf.
Henne oder Ei?
Neben psychologischen Faktoren bestehen offenbar komplexe neurobiologische Zusammenhänge zwischen Schmerz und Schlaf, die intensiv erforscht werden. “Obwohl Schmerz den Schlaf beeinträchtigen kann, weisen aktuelle Befunde eher darauf hin, dass Schlafstörungen vor allem die Schmerzverarbeitung negativ beeinflussen”, so die Expertin. So können Schlafmangel und Schlafentzug die körpereigene Schmerzhemmung beeinträchtigen und eine empfindlichere Reaktion auf Schmerzreize zur Folge haben.
Auch Stressregulation und Entzündungsprozesse können sich verändern. Untersuchungen am Menschen zeigen nach Schlafmangel unter anderem leicht erhöhte Werte des Stresshormons Cortisol und stärkere Cortisolreaktionen auf Belastungen. Wie diese Mechanismen zusammenspielen und zur Entstehung oder Verstärkung chronischer Schmerzen beitragen, ist noch nicht vollständig geklärt.
Schmerzen und Schlaflosigkeit gleichzeitig abklären und behandeln
“Grundsätzlich gilt: Bei anhaltenden Schmerzen und Schlaflosigkeit sollten mögliche Ursachen und Begleiterkrankungen ärztlich abgeklärt werden. Begleiterkrankungen wie Schlafapnoe, Depressionen oder posttraumatische Belastungsstörungen benötigen eine gezielte Behandlung”, so Anke Diezemann-Prößdorf. “Ansonsten ist bei chronischer Insomnie die kognitive Verhaltenstherapie die erste Wahl, auch bei Menschen mit chronischen Schmerzsyndromen.” Ein wichtiger Therapiebaustein kann dabei die sogenannte Stimuluskontrolle sein. Betroffene lernen dabei, erst ins Bett zu gehen, wenn sie schläfrig sind, und dort nicht zu lesen oder zu arbeiten. Eine gezielte Begrenzung der Bettzeit, die sogenannte Schlafrestriktion, kann ebenfalls helfen.
Außerdem wichtig: Regelmäßige Aufstehzeiten, körperliche Bewegung entsprechend der eigenen Belastbarkeit und ein ruhiges Abendritual können hilfreich sein. Das Schlafzimmer sollte ruhig, dunkel und kühl sein. Auch der Verzicht auf häufiges nächtliches Uhrenschauen, weniger Koffein am Nachmittag und Abend sowie kein Alkohol als Einschlafhilfe können den Schlaf unterstützen. Je nach Ursache der chronischen Schmerzen können eine entlastende Lagerung, Wärme oder sanfte Dehnübungen die Behandlung ergänzen und Muskelspannung reduzieren.