Theater der Jugend: Teilhabe und Suche nach neuen Stücken

Fantasie, Empathie und Humor sind die drei Säulen, auf denen Aslı Kışlal als neue Direktorin das Programm des Wiener Theaters der Jugend (TdJ) aufbauen will. Am Donnerstag stellte sie ihren ersten – ausschließlich von Dramatisierungen getragenen – Spielplan, diesem Umstand entsprechend einen neuen Kinderstückpreis sowie die Umbenennung der beiden Spielstätten vor. Partizipation wird mit dem neuen Format “Youngside Eyes” groß geschrieben.
Die vergangenen Monate seien die “intensivste Lernphase meines Lebens” gewesen, so die Gründerin und langjährige Leiterin des diverCITYLAB. Aus der Freien Szene kommend, habe sie die teils “festgefahrenen Strukturen” des zuvor 24 Jahre lang von Thomas Birkmeir geleiteten Hauses zu verstehen versucht und gemeinsam mit ihrem Team nach Möglichkeiten gesucht, “kleine Löcher in die Mauern zu machen, damit ein bisschen Licht reinkommt”. Der Prozess, das Haus kennenzulernen und schrittweise zu verändern, sei aber noch nicht abgeschlossen.
Neue Namen für Spielstätten
Einen Wunsch, den die gebürtige Türkin bereits bei ihrer Vorstellung zur neuen Theaterleiterin geäußert hatte, hat sie sich hingegen schon erfüllt. Statt Renaissancetheater (dessen Artikulation sie vor eine Herausforderung stelle, wie sie damals sagte) und Theater im Zentrum bekamen die beiden Häuser als Beinamen nun ihre Straßennamen (Neubaugasse und Liliengasse): “Dann weiß man auch gleich, wohin man gehen muss.” Auch ein neues Logo, eine neue Website und neue farbliche Akzente zählen zu den sichtbaren Veränderungen.
Sichtbar waren bei der Vorstellung der Pläne auch zahlreiche Kinder und Jugendliche, die die Texte (Romane, Comics) in ihren Schulen gelesen haben, die Inhalte via Videoeinspielung amüsant kommentierten und künftig auf dem Weg “vom Text auf die Bühne” eingebunden werden, wie Bérénice Hebenstreit, die die programmatische Leitung inne hat, erläuterte. Das Programm läuft unter dem Titel “Youngside Eyes”. Die Präsentation der Fakten wurde dann aber doch dem Dramaturgie-Team (Sarah Caliciotti, Michael Isenberg und Selina Shirin Stritzel) überlassen.
Auftakt mit Welsh-Klassiker und “Komm runter!”
Den Anfang macht nach einem Eröffnungstag am 26. September am 13. Oktober in der Neubaugasse die Uraufführung der Bühnenfassung von Renate Welshs Kinderbuchklassiker “Alle Kinder nach Kinderstadt” in der Regie von Simon Windisch. Danach startet man in der Spielstätte in der Liliengasse mit “Komm runter!” von Sabrina Myriam Mohamed auch für die Großen in die Saison. Darin erzählt die Wiener Autorin die Geschichte von fünf Freundinnen und Freunden, die die letzten Tage vor den Sommerferien mit Schularbeiten, einem rassistischen Klassenvorstand und dem Fastenbrechen erleben. “Doch dann verhalten sich die Eltern auffällig seltsam”, heißt es in der Ankündigung zum Text, den Niko Eleftheriadis am 16. Oktober in seiner Bühnenfassung auf die Bühne bringt.
“Der Zahn” (Premiere am 11. Dezember) basiert auf einer Graphic Novel der Hamburger Illustratorin Ayşe Klinge, den Philine Bührer in einer Bühnenfassung von Ayşe Bosse in der Neubaugasse auf die Bühne bringt (ab sechs Jahren). Frei nach Cervantes erzählt Raoul Biltgen ab 12. Jänner für alle ab 13 Jahren in Zusammenarbeit mit dem Kollektiv Plaisiranstalt die Geschichte rund um “Quixote”, am 23. Februar folgt mit “Vevi” die Dramatisierung von Erica Lilleggs gleichnamigem Kinderbuch, das Bérénice Hebenstreit realisiert und im Herbst im Luftschacht Verlag mit neuen Zeichnungen erscheint.
Tanztheater-Produktion und neuer Stückepreis
Eine Neuerung im Spielplan ist Kışlals Vorhaben, in jeder Spielzeit eine Produktion zu zeigen, in der gesprochene Sprache “nicht als zentrales Ausdrucksmittel” im Vordergrund steht. Den Anfang macht die Uraufführung von “Outcast”, wo “Street- und Clubstyles, Contemporary Dance sowie Handsigns zu Werkzeugen der Tänzer*innen werden”, wie es heißt (ab 9. April). Eine aus den Fugen geratene Welt der Erwachsenen in Kriegszeiten verhandelt die niederländische Autorin Joke van Leeuwen in ihrem Buch “Als mein Vater ein Busch wurde und ich meinen Namen verlor”, den die TdJ-Direktorin bereits einmal inszeniert hat und nun für das sechsköpfige Ensemble adaptiert und zur Österreichischen Erstaufführung bringt (Premiere am 20. April). Den Saisonabschluss bildet eine Adaptierung von J.R.R. Tolkiens “Der Hobbit” am 25. Mai.
Da es laut Angaben des Leitungsteams – abgesehen von Märchenadaptionen – zu wenige vielschichtige Kinderstücke gibt, die sich mit großer Besetzung auf großen Bühnen realisieren lassen, hat man in Kooperation mit der Schauburg München und dem Jungen Schauspiel Düsseldorf den neuen Kinderstückpreis “Hugo” ins Leben gerufen. Eine aus Kindern und Erwachsenen bestehende Jury vergibt dabei nach einer Ausschreibung von den Häusern begleitete Schreibstipendien (zu jeweils 7.000 Euro) an Autorinnen und Autoren. Die so entstandenen Werke sollen im Juni 2027 in Wien präsentiert, die Gewinner im Rahmen des Schäxpir-Festivals in Linz ausgezeichnet (Preisgeld: 10.000 Euro) und in der kommenden Saison auf der Bühne uraufgeführt werden.
Neue Gesichter gibt es auch im sechsköpfigen fixen Ensemble, dem nunmehr neben Uwe Achilles, Frank Engelhardt, Stefan Rosenthal neu Melanie Baljeet Kaur Sidhu, Barča Baxant und Una Nowak angehören werden. Ronald Hora blickte als kaufmännischer Direktor auf eine erfolgreiche vergangene Saison zurück (Auslastung der 234 Vorstellungen der Eigenproduktionen: 92,11 Prozent). Für das Jahr 2027 verfüge man zwar bereits über eine Förderzusage vom Bund, wie andere Institutionen aber noch nicht seitens der Stadt Wien. Man setze derzeit auf die Umsetzung von Einsparungspotenzialen. So sollen teure Ausfälle von Vorstellungen etwa mithilfe eines neuen Springer-Systems in Kooperation mit dem Max-Reinhardt-Seminar und der MUK vermieden werden. “Und wer mich kennt”, so die neue TdJ-Direktorin, “Ich arbeite sehr sparsam.”
(S E R V I C E – )