Tiroler Festspiele Erl: Starke Frauen, zwingende Stimmen

Die Tiroler Festspiele Erl haben Freitagabend mit Hector Berlioz’ “Cléopâtre” und Giacomo Puccinis “Suor Angelica” eine musikalisch hochkarätige, in ihrer szenischen Verknüpfung jedoch nicht durchgehend zwingende Opernpremiere gefeiert. Deborah Warners Neuinszenierung rückte im ausverkauften Festspielhaus zwei von Verlust, Schuld und Ausgrenzung geprägte Frauenschicksale ins Zentrum. Vor allem Véronique Gens beeindruckte als Kleopatra mit vokaler Intensität.
Puccinis Einakter wirkte in Teilen überladen, und dennoch setzten nicht nur Corinne Winters und Alice Coote als Hauptrollen markante Akzente. Edward Gardner führte das Orchester der Tiroler Festspiele Erl präzise und klanglich differenziert durch den Abend.
Die Zusammenstellung war zunächst ein Wagnis. Berlioz’ knapp gefasste lyrische Szene über die letzten Minuten der von Oktavian geschlagenen ägyptischen Königin Kleopatra und Puccinis Einakter über die in ein Kloster verbannte Schwester Angelica stammen aus vollkommen unterschiedlichen musikalischen Welten. Hier die existenzielle Einsamkeit einer Herrscherin vor dem Freitod, dort die streng geordnete, weiblich geprägte Gemeinschaft eines Klosters, in der die persönliche Tragödie erst langsam ausbrechen durfte. Gemeinsam war den Werken freilich die Konzentration auf zwei Frauen, denen Würde und Freiheit verwehrt blieben und die sich schließlich für einen selbstbestimmten Ausweg, also Freitod, entschieden.
Berlioz als konzentrierter Auftakt
Die Sopranistin Gens machte aus Berlioz’ “Cléopâtre” in weniger als einer halben Stunde weit mehr als einen vorgeschalteten Konzertblock. Die Französin führte mit ihrer Stimme unmittelbar in die verletzte, stolze und zunehmend verzweifelte Welt der Königin. Ihre Gestaltung blieb dabei nie bloß dekorativ, sondern entwickelte die großen Bögen der Partie mit beachtlicher Ruhe und dramatischer Zuspitzung. Gens ließ Kleopatras Klage über den Verlust ihres Königreiches Ägypten sowie der ihr verfallenen römischen Feldherren Marcus Antonius und Caesar ebenso hörbar werden wie ihre wachsende Bereitschaft, der Demütigung durch Oktavian zuvorzukommen. Den Freitod wählte sie, weil der spätere Kaiser Augustus plante, sie als besiegte Trophäe in einem Triumphzug nach Rom zu führen.
Gardner hielt das Orchester der Tiroler Festspiele Erl indes auf Spannung. Berlioz’ schroffe Wechsel zwischen Erinnerung, Anrufung, Aufbegehren und Todesahnung erhielten eine klare Kontur, ohne die Sängerin zuzudecken. Das Orchester zeigte sich als aufmerksamer Partner, der die dramatischen Ausbrüche pointiert setzte und die leisen, dunklen Passagen mit großer Konzentration trug. Nach dem Ende der Szene erhielt Gens entsprechend tosenden Applaus.
Zwischen Klosterwelt und Gegenwartszeichen
Puccinis “Suor Angelica” brachte nach der Pause eine andere, zunächst geschlossene Welt auf die Bühne. Warner erzählte das Stück sichtlich modern und rückte damit nicht nur die religiöse Oberfläche, sondern vor allem die Mechanismen von Ausschluss und Schuld in den Vordergrund. Die Klostergemeinschaft wurde nicht zur bloßen Kulisse für Angelicas Leidensgeschichte, sondern entwickelte durch das Frauenensemble eine eigene Präsenz zwischen Fürsorge, Regelwerk und stiller Neugier.
Die amerikanische Sopranistin Winters gestaltete die Titelrolle als Schwester Angelica mit großer emotionaler Unmittelbarkeit. Die Nachricht vom Tod ihres Sohnes erschütterte nicht nur die Figur, sondern gab dem Abend seinen dramaturgischen Kern. Winters führte Angelica glaubwürdig von kontrollierter Sehnsucht über den Zusammenbruch bis zum verzweifelten Wunsch nach Erlösung. Ihr gegenüber stand Mezzosopranistin Coote als Fürstin mit kühler Autorität. Sie zeichnete die Tante von Schwester Angelica nicht als platte Gegenspielerin, sondern als eine Frau, deren Unnachgiebigkeit aus einem starren Verständnis von Pflicht, dem Ruf der Familie und Sühne hervorging.
Das Frauenensemble trug Puccinis Einakter geschlossen – gerade in den kleineren Szenen des Klosteralltags entstand eine glaubwürdige Gemeinschaft, die Angelicas Ausnahmezustand umso stärker hervortreten ließ. Der finale Auftritt ihres verstorbenen Sohnes erlöste sie schließlich und ließ sie in Frieden Abschied nehmen.
Puccinis Kitsch als Risiko und Stärke
Puccinis Erlösungsfinale bewegte sich freilich unvermeidlich nahe am Kitsch. Die Erscheinung der Gottesmutter, Engelschor und Lichtwunder verlangten nach einer klaren szenischen Haltung, um nicht in bloße Sentimentalität abzugleiten. Warner nahm dieses Risiko an. Nicht jede Bildidee wirkte dabei zwingend, doch die Inszenierung überließ die große Geste nicht dem Selbstzweck. Sie führte Angelicas letzte Minuten als verzweifelten Versuch vor, die Gewalt der Vergangenheit wenigstens im Tod zu überwinden.
Gardner hielt auch Puccinis vielschichtige Klangwelt zusammen. Das Orchester formte die sakralen Farben transparent aus und steigerte die emotionalen Ausbrüche, ohne die Balance mit den Stimmen zu verlieren. Besonders im Zusammenspiel von Winters, Coote und dem Chor entstanden Momente hoher Intensität. Das Publikum honorierte dies mit lang anhaltendem, teils tosenden Applaus für die Solistinnen, das Ensemble, Orchester und Kreativteam.
(Von Max Hofer/APA)
(S E R V I C E – Hector Berlioz: “Cléopâtre”, lyrische Szene nach einem Text von Pierre-Ange Vieillard; Giacomo Puccini: “Suor Angelica”, Oper in einem Akt, Libretto von Giovacchino Forzano. Musikalische Leitung: Edward Gardner. Regie: Deborah Warner. Bühne und Kostüme: Antony McDonald. Licht: Urs Schönebaum. Bewegungscoach: Lucy Burge. Mit Véronique Gens, Corinne Winters, Alice Coote, Elena Zilio, Enkelejda Shkoza, Marta Pluda, Christina Gansch u.a. Orchester der Tiroler Festspiele Erl, Chor der Tiroler Festspiele Erl, Kinderchor der Schule für Chorkunst München. Weitere Vorstellungen: 10. Juli, 19.00 Uhr, sowie 19. Juli, 18.00 Uhr, Festspielhaus Erl. )