Viele Tote und Verletzte nach russischem Angriff auf Kiew

06.07.2026 • 16:03 Uhr

Mit neuen schweren Angriffen aus der Luft hat Russland kurz vor dem NATO-Gipfel in der türkischen Hauptstadt Ankara mindestens 17 Menschen in der Ukraine getötet. Allein in der Hauptstadt Kiew seien mindestens elf Menschen ums Leben gekommen, teilte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj mit. Diese Zahl dürfte ebenso steigen wie die der Verletzten – derzeit 60 Personen in Kiew. Viele Wohnhäuser sind beschädigt, einige teilweise zusammengefallen.

Die Such- und Rettungsarbeiten liefen, teilte Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko mit. “Unter den Trümmern können Leute sein”, sagte er in einem Video, das er vor einem teilweise eingestürzten sechsstöckigen Wohnblock aufnahm. Zu sehen sind schwere Zerstörungen speziell der oberen Etagen. Auch in anderen Stadtteilen hat es nach Angaben Klitschkos solche schweren Einschläge gegeben. Insgesamt trugen rund 30 Wohnhäuser Schäden davon.

Viele Opfer auch im Umland von Kiew

Opfer gab es zudem im Umland von Kiew. Behördenangaben nach sind dort sechs Menschen zu Tode gekommen. 21 Menschen wurden demnach verletzt. In der Stadt Wyschnewe am Westrand Kiews brach ein Großbrand aus. Die Sicherheitskräfte evakuierten Hunderte Menschen wegen der Folgeexplosionen. Dies deutet auf einen Einschlag in einem Munitionslager hin. Dem russischen Verteidigungsministerium zufolge wurde das Werk “Vizar” in Wyschnewe angegriffen, das auf die Wartung von Flugabwehrsystemen und die Produktion von zugehörigen Raketen spezialisiert ist.

Aufgrund der durch den Angriff verursachten Schäden an der Bahninfrastruktur im Kiewer Gebiet musste die ukrainische Eisenbahn Züge umleiten und Schienenersatzverkehr einsetzen. Insgesamt hatten demnach rund 60 Züge teils mehrere Stunden Verspätung.

Ukrainische Drohnen greifen Omsk in Sibirien an

Ukrainische Drohnen griffen indes die mehr als 2.400 Kilometer von ukrainisch kontrolliertem Gebiet entfernte sibirische Industriestadt Omsk an. “Einigen Drohnen gelang es, das nördliche Industriegebiet von Omsk zu erreichen”, teilte der Gouverneur des Gebiets Omsk, Witali Chozenko, bei Telegram mit. Demnach gab es Schäden. In ukrainischen Telegramkanälen kursierten Videos, wo Drohnen die nördlich von Omsk liegende Erdölraffinerie anfliegen. Augenzeugen dokumentierten auch einen Brand in der Anlage. Die Raffinerie in Omsk ist die größte in ganz Russland mit einer Verarbeitungskapazität von mehr als 20 Millionen Tonnen pro Jahr. Die Behörden schlossen wegen des Luftalarms den Flughafen in Omsk.

Neben Omsk attackierte das ukrainische Militär in der Nacht auf Montag weitere Ziele in Russland. Wie die örtlichen Gouverneure mitteilten, wurden die Ostseehäfen Ust-Luga und Wysozk, über die Ölexporte abgewickelt werden, sowie Ziele in den Regionen Kaluga und Jaroslawl getroffen. Die Ukraine hat ihre Angriffe auf die russische Energieinfrastruktur zuletzt verstärkt, was landesweit zu Treibstoffengpässen führt. Auch auf der von Russland im Jahr 2014 annektierten ukrainischen Halbinsel Krim gab es Angriffe. In der Hafenstadt Kertsch wurde nach Angaben der von Russland eingesetzten Behörden eine Frau getötet. In Sewastopol, der größten Stadt der Halbinsel und Stützpunkt der russischen Schwarzmeerflotte, kam es zudem zu einem Stromausfall.

Zwei russische Großangriffe innerhalb einer Woche

Das russische Militär hatte erst vor vier Tagen einen ähnlichen Angriff ausgeführt – mit Dutzenden Toten und Verletzten. Setzte Moskau damals rund 500 Drohnen und mehr als 70 Marschflugkörper und Raketen ein, waren es diesmal laut Selenskyj 351 Drohnen sowie 68 Raketen und Marschflugkörper. 

“Unsere Kämpfer haben heute ein gutes Resultat beim Abschuss von Drohnen und Marschflugkörpern gezeigt, aber leider nicht gegenüber der russischen Ballistik”. Grund dafür sei das Fehlen von Flugabwehrraketen in der Ukraine, klagte Selenskyj. 

Bitte um mehr Flugabwehrraketen

Nach der Attacke forderte er Beschlüsse von der NATO beim Gipfel in Ankara zur Stärkung der ukrainischen Flugabwehr. Solange Patriot-Raketen in den Lagern der Verbündeten verstaubten, fühle sich Moskau nur ermutigt, weiter Krieg gegen Zivilisten zu führen, schrieb er. Die Patriot-Systeme sind für die Ukraine das einzige wirksame Mittel gegen Russlands Raketen. Schon im Frühjahr beklagte Selenskyj, dass sein Land kaum noch Munition dafür habe. Der US-Krieg gegen den Iran verknappte die weltweiten Bestände der Abwehrraketen weiter. Zuletzt brachte Selenskyj die Möglichkeit einer eigenen Patriot-Produktion ins Spiel – und verwies darauf, dass auch eine europäische Produktion in der Ukraine denkbar sei. 

Beim NATO-Gipfel geht es auch um weitere milliardenschwere Militärhilfen für die Ukraine. Die Präsidentin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen, versprach Kiew bereits weitere Unterstützung. In der vergangenen Woche habe die EU vier der insgesamt versprochenen 90 Milliarden Euro für den Kauf von Drohnen freigegeben, in Kürze folge eine weitere Tranche, kündigte sie auf X an. Außerdem werde sie das nächste Sanktionspaket gegen Russland vorantreiben.