Ukrainische Drohnenangriffe zeigen Wirkung

Die Ukraine setzt die russische Ölwirtschaft zunehmend unter Druck. Allein heuer haben ukrainische Drohnen zumindest 65 Angriffe auf Raffinerien in Russland geflogen, wie am Mittwoch veröffentlichte Daten der Konfliktbeobachtungs-Organisation ACLED zeigen. Laut Vasily Astrov vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche ist die Produktionskapazität um bis zu 40 Prozent eingebrochen. Die Folge: Ein massiver Treibstoffmangel in fast allen russischen Regionen.
“Das ist wahrscheinlich das erste Mal überhaupt seit viereinhalb Jahren, dass breite Bevölkerungsschichten die Auswirkungen des Krieges selber spüren”, sagte Astrov im Gespräch mit der APA. Der Kreml scheint aktuell kein Mittel gegen die Attacken zu finden, denn auch Raffinerien tief im Landesinneren sind nicht mehr sicher. Am 6. Juli wurde erstmals auch Russlands größte Raffinerie in Omsk nahe der kasachischen Grenze angegriffen. Die Anlage liegt gut 2.400 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt und kann bis zu 440.000 Fässer Rohöl pro Tag verarbeiten.
Massive Angriffe seit Mitte 2025
Andere große Anlagen hat die Ukraine bereits zum wiederholten Mal attackiert, am häufigsten jene in Rjasan. Zwischen März 2024 und Mai 2026 registrierte ACLED 15 Angriffe auf die Raffinerie oder ihre Umgebung. Außerdem flog die Ukraine im Juni und Juli drei erfolgreiche Attacken auf eine Raffinerie am südlichen Stadtrand von Moskau. Laut Branchenkreisen dürfte die wichtigste Raffinerie der russische Hauptstadtregion damit für den Rest des Jahres ausfallen.
Die ukrainischen Angriffe halten nun schon seit Mitte 2025 an. Nach mehreren Jahren mit nur sporadischen Attacken auf die russische Ölwirtschaft verzeichnete ACLED im Vorjahr einen deutlichen Anstieg. 2025 finden sich 102 Angriffe auf russische Raffinerien in den Daten, heuer waren es bisher 65 (Stand 10. Juli). Von Angriffen verschont geblieben sind bisher nur zwei der 13 wichtigsten russischen Raffinerien. Beide liegen im östlichen Sibirien und damit außerhalb der Reichweite ukrainischer Drohnen.
Kapazität der Raffinerien sinkt
“Es gibt Schätzungen, dass die russischen Raffineriekapazitäten durch die ukrainischen Drohnenangriffe um ca. 40 Prozent zurückgegangen sind”, sagte Astrov, der am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche unter anderem auf russische Energiepolitik spezialisiert ist. Treibstoff wird daher in fast ganz Russland rationiert, die Schlangen vor den Tankstellen sind teilweise kilometerlang. Auch die Erntezeit wurde laut Astrov wegen fehlendem Treibstoff verschoben. Eine Lebensmittelknappheit sei aber nicht wahrscheinlich.
Die schwindenden Treibstoff-Kapazitäten setzen vor allem der russischen Wirtschaft zu. Dem Wirtschaftswissenschafter zufolge ist die Jahresinflation von Mai auf Juni um rund 0,7 Prozent gestiegen. Er betonte aber auch die Auswirkungen auf die öffentliche Meinung in Russland. “Es gibt eine sinkende Popularität von Putin und der Regierung”, sagte Astrov, der jedoch auch auf gegenläufige Trends, wie eine steigende Zustimmung zum Krieg, verwies.
Aber nicht nur Öl-Raffinerien geraten ins Visier der Ukrainer. Auch wichtige russische Häfen werden seit 2025 attackiert, wie jene an der Ostsee in Primorsk und Ust-Luga, aber auch jener am Schwarzen Meer in Novorossijsk. Letzterer wurde mit bisher fünf Attacken am häufigsten angegriffen, zuletzt Anfang Juni.
Importe aus Indien geplant
Russland sucht nun nach Lösungen, um an Treibstoff zu kommen. Medienberichten zufolge steht ein Handel mit Indien kurz vor dem Abschluss. “Indien ist einer der größten Importeure von russischem Rohöl und jetzt möchte Russland indische Brennstoffe kaufen”, sagte Astrov. Seinen Angaben zufolge könnten die Rohölexporte Russlands durch die Angriffe nämlich steigen: “Wenn Öl nicht im eigenen Land verarbeitet werden kann, dann bleibt mehr für Exporte übrig.”